Das äußere Erscheinungsbild Tirols, seine Oberfläche, ist geprägt von seiner Geschichte und der Arbeit des Menschen, dessen Einfluss überall erkennbar ist, angefangen bei der Größe und Form der Äcker, die von römischen Soldaten im Inntal angelegt wurden, bis weit hinauf im Gebirge – wo schließlich das Klima dem Pflanzenwachstum ein Ende setzt.
Tirol ist vielgestaltig
So wie es nicht nur eine einzige Tiroler Mundart gibt (was Gäste manchmal glauben), so ist auch die Land(wirt)schaft uneinheitlich. Die meisten Grenzen verlaufen dabei nicht entlang des Alpenhauptkammes, sondern von Nord nach Süd. Im Westen gibt es wesentlich kleinere Bauerngüter als im Osten. Das hängt in erster Linie mit der Besiedlung des Landes zusammen. Bei den Bayern im Osten erbte und erbt den Hof der älteste Sohn, während den Geschwistern wenig bleibt. Die Romanen im Westen teilten Feld und Haus und Stall unter mehreren Kindern auf, bis zur völligen Zersplitterung. Sogar die Wohnhäuser und die Ställe wurden aufgeteilt. So steht der typische Unterländer Hof breit und behäbig inmitten der dazugehörigen Felder. Im Gegensatz dazu überwiegen im Oberland Haufendörfer mit zersplitterten und kaum rationell zu bearbeitenden Fluren – wenn nicht inzwischen die Grundzusammenlegung Abhilfe geschaffen hat.
Ob die Bauernhäuser aus Holz oder Stein gebaut sind, hängt nicht nur damit zusammen, welches Material vorgefunden wurde. In weiten Teilen des Tiroler Oberlandes haben aber die Teilung der Güter und der damit gestiegene Holzbedarf zu einer krassen Entwaldung geführt. Der Bezirk Landeck zählt zu den waldärmsten Bezirken Österreichs.
Von der Selbstversorgung zur Marktwirtschaft
Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Landwirtschaft in Tirol auf Selbstversorgung der Bauern ausgerichtet. Durch den Verkauf von Zuchtrindern – v. a. in den Wiener Raum und in andere Ackerbaugebiete – kam Geld auf die Höfe. Dennoch blieb „Bares“ immer Mangelware. Es fehlte in dem Maße, dass sich in manchen Gebieten die Bauern weigerten, den Wald ins Eigentum zu übernehmen – um nicht auch dafür Grundsteuer zahlen zu müssen. Angebaut wurde alles, was nur einigermaßen Erträge brachte; selbst in kalten Gebieten mit sehr viel Niederschlag, wie in den Bezirken Reutte oder Kitzbühel, wurde Getreide angebaut. Dieses Bild hat sich in der Zwischenzeit geändert. Heute finden sich in Tirol ganze Täler ohne Getreideanbau, ohne Erdäpfel-, Gemüse- und Obstbau. Diese Entwicklung hat das Gesicht der Agrarlandschaft wesentlich beeinflusst und damit auch Sitten und Gebräuche sowie die Sprache. Bauernkinder, die noch nie einen Pflug oder Geräte zur Getreideernte gesehen haben, wissen natürlich auch nicht, wie diese Werkzeuge einst hießen.

Die „möblierte“ Landschaft
Der Bauer lagerte früher das Heu in kleinen Stadeln, im Westen auch “Pillen" genannt, von denen auf jedem Feld mindestens einer stand. Aus diesem Zwischenlager wurde das Heu im Winter zum Hof gebracht. Mancherorts allerdings zog man mit dem Vieh von Stadel zu Stadel, was den Vorteil hatte, dass der Mist dort entstand, wo er zur Düngung gebraucht wurde.
Der moderne Besitzer eines vollmechanisierten Ein-Mann-Betriebes dagegen bringt das Heu mit dem Ladewagen zum zentralen Futterraum. Damit wird die “Möblierung" der Landschaft mit zumeist hölzernen Stadeln überflüssig; sie verfallen zusehends.
Die vom Menschen gestaltete Landschaft ist nicht statisch zu sehen. Eine Lärchenwiese, die man sich selbst überlässt, wird in einer Menschengeneration zum Mischwald. Ein Feuchtgebiet, das nicht regelmäßig gemäht wird, verbuscht. Almen verwildern. Extreme Naturschützer sagen, die Natur hole sich nur zurück, was der Mensch umgestaltet oder verunstaltet habe.
Die Mehrheit beklagt jede Veränderung: Die Erinnerung an die Landschaften der Kindheit möchte die Landschaft so erhalten, wie sie war, als der Betrachter aufwuchs. Änderungen sind aber das Zeichen von Leben. Es wird sie immer geben in einem so lebendigen Wesen, wie es eine Kulturlandschaft wie Tirol nun einmal ist.