Das Nordwesteck Tirols, das Außerfern, wurde, anders als die anderen Teile des Landes, von Alemannen besiedelt. Nicht nur sprachlich ist die Nähe zu Vorarlberg und zu den Schwaben spürbar: Das Außerfern ist eine herb-schöne Gebirgsgegend, deren Bewohner sich wegen der Öffnung der Region nach Norden seit jeher zum Alpenvorland hin orientierten. So unterstand diese Region auch über längere Zeit dem Bischof von Augsburg.
Die Römer hatten für ihre Truppen eine Nord-Süd-Verbindung, die Via Claudia Augusta, gebaut. Von 50 nach bis etwa 200 nach Christus war diese römische Fernstraße von Meran über den Reschen- und Fernpass nach Reutte und weiter nach Augsburg der Hauptverkehrsweg. Erst danach wurde die Strecke über den Brenner für den Handel zunehmend wichtiger. Ein weiterer bedeutender Fernverkehrsweg, in Ost-West-Richtung, war die Via Decia: Hier wurde im Mittelalter Salz aus Hall (im Inntal) nach Bregenz gebracht.
Der mittelalterliche Wohlstand und die Kunst aus dieser Zeit wurden durch den 30jährigen Krieg, der das Außerfern von allen Landesteilen weitaus am härtesten traf, größtenteils zerstört. Erhalten sind die spätgotische Sebastianskapelle in Holzgau und die St. Ulrichskapelle in Pflach.
Im 18. Jh. war das Außerfern ein "Emigrationsgebiet": Die Armut trieb jede Saison rund 2000 Arbeiter, unter ihnen auch Kinder, ins benachbarte Bayern und nach Baden-Württemberg. Paradoxerweise verdankt die Region einige ihrer Kunstschätze dieser Armut: Die vielen geschickten Maurer, Steinmetze, Stukkateure, Schnitzer und Marmorierer brachten Geld nach Hause, ja manch ein Händler wurde sogar reich. Mit einem gemischten Sortiment aus fremder Handelsware und heimischen Produkten, wie Wetzsteine, Geigen, Sensen und Leinen, Wolle und Bettfedern kamen die Außerferner Händler bis in die Niederlande. Wieder zu Hause zeigten sie stolz ihren in der Fremde erworbenen Wohlstand, und so ist insbesondere das Lechtal reich an prächtigen Fassadenmalereien.
Apropos Außerfern: In kulinarischem Zusammenhang ist auf eine Vorliebe von Kaiser Maximilian I. hinzuweisen. Der berühmte Waidmann liebte nämlich die Fischerei. Am Heiterwanger- und Plansee fischte er zur Erholung nach der Hohen Jagd die hier als Goldforellen bezeichneten Saiblinge, die gemeinsam mit den Hirschen und Gemsen bei einem ausgiebigen Bankett an Ort und Stelle verspeist wurden. „Goldforellen“ werden in Außerferner „Tiroler Wirtshäusern“ noch heute serviert.
Die bedeutenden Maler des Außerfern
Bedeutende Künstler brachte die wohlhabende Familie Zeiller aus Reutte hervor: Der erste in der Dynastie war Paul Zeiller (1658-1738), ihm folgten der „Kaiserliche Hofmaler“ Johann Jakob Zeiller (1710-1783) und der „Hofmaler des Fürstbischofs in Brixen“, Franz Anton Zeiller (1716-1794).
Der Name Zeiller steht für Deckenbilder in der Totenkapelle in Breitenwang und in der Zunftkirche in Bichlbach; für Altargemälde in der St.-Anna-Kirche in Reutte, in der Ottilienkapelle in Wängle, in den Pfarrkirchen von Elmen, Holzgau, Elbigenalp und Berwang; für die Ausstattungen der Kirchen in Elbigenalp und Bichlbach; für Fassadenmalereien in Reutte und für die Gewölbebilder in der Pfarrkirche in Stams.
Neben der Familie Zeiller taten sich der Telfer Josef Degenhart (1746-1800) und Josef Anton Köpfle (1757-1843) in der Lüftlmalerei hervor. Besonders schöne Beispiele ihrer Arbeiten sind in Reutte, in den Lechtaler Gemeinden Holzgau und Elbigenalp zu finden. Degenhart und Köpfle brillierten in meist architektonisch bestimmter Illusionsmalerei.
Einer der bedeutendsten Maler seiner Zeit war Josef Anton Koch (1768-1839) aus Obergiblen bei Elbigenalp; der Sohn eines Bauern und Zitronenhändlers begann seine Karriere als Hüterbub; mit neun Jahren durfte er dem großen Kartographen Blasius Hueber bei der Vermessung des Lechtales für die berühmte Anich-Karte helfen und wurde später nach Stuttgart auf die Karlsschule geschickt. Dort gefiel es ihm nicht, und so riss er mit 22 Jahren in typisch tirolisch-widerständiger Weise nach Straßburg aus. 1794 trat er mit Unterstützung eines englischen Mäzens eine Italienreise an; in Rom fand er Anschluß an die Nazarener, in Wien verkehrte er im Kreis um Wilhelm und Alexander von Humboldt. Heroische Landschaften, u. a. Alpenmotive, bestimmen Kochs romantische Malerei. Kochs so genannte „ideale Landschaften“ sind neben dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck in vielen internationalen Museen zu finden.
Der musikalische Rang des Außerferns
Musikalisch von Bedeutung ist das Außerfern durch die in Reutte beheimatete Engel-Familie: Vater Fritz Engel reiste mit seinen sieben Kindern durch die Welt und mehrte mit einem gemischten Repertoire aus E-Musik und Volksmusik den Ruhm seiner Wahlheimat. Das Schwergewicht im musikalischen Bereich hat sich neuerdings nach Elbigenalp verlagert: Einer der größten CD-Produzenten in Europa, die Firma Koch Digital Disc AG, hat ein Preßwerk in Elbigenalp. In Höfen am Eingang zum Lechtal ist die Zentrale des Konzerns beheimatet, der Weltmarktführer im Bereich von CD-Prüfgeräten ist.