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Wandern für Foodies

Aktualisiert am 10.10.2022 in Essen & Trinken, Fotos: Katrin Spirk

Wandern für Foodies

Von einer legendären Gaststätte zur nächsten: Bei einer Rundwanderung um Innsbruck ist der Weg weniger das Ziel als der Weg zur nächsten Mahlzeit. Und ein gemütliches Zimmer bekommt man in den traditionsreichen Häusern auch.

Endlich oben auf der Enzianhütte, die hoch über Innsbruck auf der Nordkette, den Innsbrucker Hausbergen, thront. Mir geht fast das Herz über, welch ein Anblick! Und wie das duftet! Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Saurer Graukas! Mit Zwiebeln, Essig und Öl angemacht türmt er sich wie ein Gebirge auf einem Salatbett auf, daneben steht ein Bier, die rohen Zwiebelringe lassen mir die Augen feucht werden – oder ist es die Vorfreude? Ich blinzle in die weiche Septembersonne, in den blauen Himmel und recke mich seufzend vor lauter Wohlsein, nehme einen Schluck Bier und blicke ins Tal: Da liegt Innsbruck unter uns, ausgebreitet wie ein im warmen Licht schimmernder Gobelin. Kann man von hier oben das Goldene Dachl sehen? Schwer zu sagen, die Stadt verschwimmt im milchigen Licht. 

Ich bin im Paradies. Am Vorabend war ich noch mit meiner Wandergefährtin Kathrin und dickem Pulli durch Hamburger Nieselwetter zum Bahnhof gefahren. Im Schlafwagenabteil des Nachtzugs überquerten wir die Elbe und schliefen bald ein, vom Rattern der Schienen in den Schlaf gewiegt. Dreizehn Stunden später stiegen wir bei hellstem Sonnenschein und T-Shirt-Wetter am Innsbrucker Bahnhof aus dem Zug: Berge! Himmel! Wir waren begeistert und begannen unsere dreitägige Wanderung entlang der Nordkette, immer Innsbruck im Blick. Es sollte keine sportliche Bergtour oder gar ein Kletterabenteuer werden, eher ein alpines Flanieren bei guter Bergluft und mit wenigen Höhenmetern, unterbrochen von möglichst häufiger Einkehr in Wirtshäusern.

Mit gutem Essen wird die alpine Flanierroute in Innsbruck gestartet.Mit gutem Essen wird die alpine Flanierroute in Innsbruck gestartet.

Blütenrausch zur Vorspeise

Vom Bahnhof aus geht es los, durch die traumhafte Altstadt, vorbei am Goldenen Dachl, durch den Hofgarten, der einen wahren Blütenrausch durchlebt, Purpur-Sonnenhut, orange Strelitzien und lavendelfarbene Hortensien leuchten in der strahlenden Sonne. Wir gehen durch den Saggen, den vornehmen Vorort mit seinen eleganten Villen, über eine Brücke – und stehen direkt in Mühlau, an den Hängen der Nordkette. Vom Mühlauer Bach wurden einst die Getreide- und Sägemühlen ratternd bewegt, es herrschte emsiges Treiben, heute verströmt Mühlau die himmlische Ruhe einer dörflichen Sommerfrische. Ab jetzt geht es aufwärts, immer am Klammbach entlang, erst sanft, dann wird es steiler. Aber auch verwunschener, mal gluckert der Bach, mal rauscht er in kleinen Wasserfällen über glatte Felsen und versprüht feine Tröpfchen, wir laufen an engen Steigen und über hölzernen Brücken vorbei an der Hexenkuchl, einer sagenumwobenen Felsnische, an der sich früher die Hexen getroffen haben sollen.  An der „Teufelskanzel“, einem Aussichtspunkt, machen wir Rast, ich betrachte einen kleinen Regenbogen, der sich im Sprühnebel, der von Sonnenstrahlen durchbrochen wird, bildet, von Libellen umschwirrt. Es geht immer weiter nach oben, durch den Wald, ist es zu steil, machen wir ein Päuschen, atmen den Waldduft, der wunderbar nach Moos, nach dunklen Tannen und nach einem vergehenden, sonnentrunkenen Sommer riecht, wie Licht und Schatten, gleichzeitig. Lieblich und herb, voller Fülle. 

Zu Beginn der Wanderung geht es viel durch den Wald.Zu Beginn der Wanderung geht es viel durch den Wald.

Bald haben wir richtig Hunger. Ich liebe das Tiroler Essen: Schlutzkrapfen! Erdäpfelblattln! Und vor allem Kaspressknödel, flach gedrückte und in Butter gebratene Knödel aus Semmelwürfeln und Graukäse. Ich mag Kaspressknödel so gerne, dass ich sie mir zu Hause immer mal wieder selbst zubereite. Obwohl es in Hamburg unmöglich ist, Tiroler Graukäse zu bekommen. „Ja, das ist genau das Problem“, hatte meine Käsehändlerin mitfühlend gesagt, „ich mag den auch so gerne, aber habe keine Bezugsquelle. Deshalb bringe ich ihn immer für meine Familie mit, wenn wir im Urlaub in Österreich sind!“ 

Und jetzt liegt hier, auf der Enzianhütte, dieser Käse, der so unnachahmlich schmeckt – würzig, fein säuerlich, mild, aber mit einer angenehm leichten Schärfe, fast elegant – in schwelgerischer Opulenz vor mir. 

Satt und glücklich

Wir würden ewig auf der Hüttenterrasse sitzen bleiben, müssen aber los, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit das Dörfchen Thaur erreichen wollen. Es geht jetzt abwärts, wieder Steige, Wurzelwerk, Waldeinsamkeit. Und plötzlich glitzert es zwischen den Bäumen, im Dickicht ist eine Art Thron, ein Plastikstuhl, aufgebaut, von Zweigen umrankt, ausrangierte VHS-Bänder und Federn bewegen sich wie Traumfänger im sanften Luftzug. Es sieht ein wenig nach Kultstätte, nach Totem aus, nach dem Werk einer freundlichen Hexe. Und eine Frau kommt jetzt hinter den Zweigen hervor, Karin Ferrari heißt sie, sie ist Tirolerin und Künstlerin. „The New Holy“ heißt ihre Installationsreihe, die sich mit Neo-Schamanismus, Tech-Punk und Konsumkultur auseinandersetzt. Ferraris witzige Exponate sind im Wald um Thaur und Rum versteckt und nur durch GPS-Daten auffindbar. Wir sind durch Zufall auf sie gestoßen. Ferrari hat Marterl an die Bäume angebracht, hat aus den traditionellen Bildstöcken jedoch das Heilige entfernt und stattdessen ein Adidas-Logos eingeschnitzt. Weltlichkeit, gerahmt vom Sakralen – passend zu unserer Wirtshaus-Wallfahrt.

Karin Ferrari ist Tirolerin und Künstlerin. „The New Holy“ heißt ihre Installationsreihe.Karin Ferrari ist Tirolerin und Künstlerin. „The New Holy“ heißt ihre Installationsreihe.

Wir gehen, am Waldsaum entlang, weiter abwärts, sanft ist der Abstieg jetzt, ein kühler Abend senkt sich über die Felder und die Sonne geht langsam hinter den Gipfeln der Nordkette unter. Wir erreichen Thaur, essen beim gemütlichen Gasthof Stangl Rindsgulasch und sinken in unsere Himmelbetten, glücklich und müde.

Nach dem Stangl ist vor dem Himmelbett. Nach dem Stangl ist vor dem Himmelbett. 

Thaur ist immer einen Besuch wert.Thaur ist immer einen Besuch wert.

Auf zum dritten Gang!

Am nächsten Morgen gehen von der Thaurer Dorfpfarrkirche Mariä Himmelfahrt einen steilen Kreuzweg mit Torbögen und Grotten hoch zum kleinen Romedikirchl, ein paar Schritte entfernt liegt die Ruine von der Thaurer Burg wie eine von der Sonne beschienene Skulptur unter dem blauen Himmel. Wunderschön. Wie auch die Aussicht auf das Einkehren beim Romediwirt, der sich einen Steinwurf vom Sonnenplateau der Ruine befindet. „Spiritualität, Geschichte und Kulinarik liegen selten so eng beieinander wie an diesem traumhaften Aussichtspunkt“, heißt es in einem Reiseführer. Und nachdem wir durch die Kirchlein-Besichtigung die Spiritualität und durch den Ruinen-Rundgang die Geschichte abgedeckt haben, ist nun die Kulinarik dran! 

Kreuzweg Richtung Romeldikirche.Kreuzweg Richtung Romeldikirche.

Als modernes Wirtshaus mit viel Holz und viel Licht, geschmackvoll und gemütlich, präsentiert sich der Romediwirt. Weil wir am liebsten jede einzelne der Tiroler Spezialitäten probieren würden, stellen wir uns mit Vorspeisen und Gerichten, die wir teilen, eine Art Tiroler Tapas zusammen. Graukassuppe, rahmig, säuerlich, würzig, weich. Kaspressknödel! Grüne Spinatknödelchen in brauner Butter, die fast im Mund schmelzen, so leicht und fein sind sie gerollt. Schlutzkrapfen, Teigtäschchen aus Roggenmehl mit einer Kartoffelfüllung, dazu Parmesanspäne. Und dann die Erdäpfelblattln: dünne, handgroße Blätter aus Kartoffelteig, golden und aufgeplustert vom heißen Schmalz, in dem sie ausgebacken sind, serviert auf einem deftigen Sauerkraut mit Speck, Lorbeer und Wacholder. Was für ein Genuss! Und: was für eine gigantische Portion! An diesem Abend schaffen wir nicht mal mehr ein Abendessen im Örtchen Absam. Sondern teilen uns eine Portion Marillenknödelchen und trinken dazu hausgebrannten Schnaps im Landgasthof Bogner, einmal Marille, einmal Birne. Und schlafen danach tief und fest. 

Tiroler Tapas.Tiroler Tapas.

Wer könnte da schon widerstehen?Wer könnte da schon widerstehen?

Krönender Abschluss in Gnadenwald

Am letzten Tag sehen wir uns in der Absamer Basilika ein Marienbild an, dass sich gegen 1797 wie von Geisterhand auf einem Fenster eines Bauernhofes manifestiert haben soll, bis heute findet die Wissenschaft angeblich keine andere Erklärung als ein Wunder für das Gnadenbild, das sich nun in der Basilika befindet und das den Ort zu Tirols wichtigstem Marien-Wallfahrtsort gemacht hat. Es ist ein seltsam modern anmutendes Porträt einer Maria, wie eine Skizze von Ernst Barlach sieht es aus. In Absam startet auch der Besinnungsweg, den wir nun gehen, es regnet leicht, wir laufen auf Feldwegen, durch Wald und am Bach entlang, traumschön ist die Landschaft. Und weil heute nicht die leiseste Anhöhe zu überwinden ist, stellt sich im stetigen Rhythmus tatsächlich etwas Meditatives ein. Am Ende des Weges erreichen wir das Postkartenidyll, das dunkle Grün des Waldes öffnet sich zum Weiler Gnadenwald, mit seinen genau zwei Attraktionen: das Kirchlein Sankt Martin – und das Hotel Speckbacher Hof mit seinem Wirtshaus, in dem wir uns nun in der Stube ein letztes Mal das Tiroler Essen schmecken lassen: ein Zwiebelrostbraten zum krönenden Abschluss einer Tiroler Wirtshauswanderwallfahrt. 

Der krönende Abschluss der Tour ist das Speckbacher Wirtshaus.Der krönende Abschluss der Tour ist das Speckbacher Wirtshaus.

Per Taxi geht es in kaum zwanzig Minuten zurück nach Innsbruck, am Bahnhof dann, bevor der Zug nach Hamburg abfährt, biege ich noch schnell in einen Laden ab. Und kaufe mir ein Kilo Graukas. Für Hamburg, wo es weder Sauren Graukas noch Schlutzkrapfen gibt.

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