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Hannah Crepaz im Gespräch: 30. Osterfestival

01.03.2021 in Kulturleben

Osterfestival Gute Paesse

Das Osterfestival (16.3.–1.4.2018) findet zum 30. Mal statt, die Galerie St. Barbara als Veranstalter wird 50.

Esther Pirchner

Unter dem Motto „über.leben“

Vor 50 Jahren begann die Kulturarbeit der Galerie St. Barbara, eine Kunst- und Veranstaltungsinitiative einiger junger Haller. Vor 30 Jahren wurde das erste Osterfestival Tirol – damals noch als „Musik der Religionen“ in Hall und Innsbruck durchgeführt. Jahrzehntelang leiteten Gerhard und Maria Crepaz als Veranstalter die kulturellen Aktivitäten der Galerie St. Barbara, und übergaben vor einigen Jahren die Leitung an ihre Tochter Hannah Crepaz. kultur.tirol sprach mit ihr über die Kulturlandschaft Tirols, das Programm des 30. Osterfestivals und darüber, welche Bereicherung ein Leben mit Kultur von klein auf bedeutet.

kultur.tirol: Das Motto des diesjährigen Osterfestivals ist „über.leben“. Man kann das durchaus doppelsinnig verstehen: über das Leben und als Kulturveranstalter wie die Galerie St. Barbara 50 Jahre in Tirol überlebt zu haben.

Hannah Crepaz: Natürlich ist es auch ein bisschen ironisch: Wir haben überlebt. In erster Line aber beschäftigen wir uns mit verschiedenen Formen des Überlebens, und es geht auch übers Leben. Wir leben in einer Zeit, in der man an das Thema des Überlebens oft auch ganz tragisch erinnert wird und in der man sagen muss, wir hier leben im Paradies.

Osterfestival 1989: Tölzer Knabenchor
Osterfestival 1989: Tölzer Knabenchor

Osterfestival 1992: John Cage (re.)
Osterfestival 1992: John Cage (re.)

Osterfestival 1993: Oruc Güvenc
Osterfestival 1993: Oruc Güvenc

Osterfestival 1995: Ensemble Recherche
Osterfestival 1995: Ensemble Recherche

Osterfestival 2000: Markus Hinterhäuser
Osterfestival 2000: Markus Hinterhäuser

Es hat eine lange Tradition, dass beim Osterfestival verschiedene Kunstformen Raum haben: Musik, Tanz, Gespräch, Film und andere …

Ja, so wie es unterschiedliche Formen gibt, mit einem Thema umzugehen. Ein Bespiel im Musikalischen ist Dmitri Schostakowitsch, der ein gefeierter Staatskünstler war und der – nach einem Artikel, den vermutlich Stalin selbst verfasst hat – plötzlich fürchten musste, jederzeit abgeholt und exekutiert oder in ein Gefangenenlager gebracht zu werden.

Am Ende des Osterfestivals steht die Performance „Rain“ von Anne Teresa de Keersmaeker, die Tanz und Musik ineinander verwebt und dadurch der Musik – in diesem Fall Steve Reichs „Music for 18 Musicians“ – eine ganz andere Gestalt gibt.

Die Performance „MDLSX“ von Motus beschäftigt sich mit Zuordnungen und der Tendenz, alles und jeden in Schubladen stecken zu wollen.

Im Film „Ikiru“ von Akira Kurosawa geht es um einen braven Beamten, der sich, als er erfährt, dass er bald sterben wird, für ein Projekt einsetzt, das er ursprünglich abgelehnt hat: einen Kinderspielplatz. Darin findet er die Erfüllung des Lebens.

Der tunesische Choreograf Radhouane El Meddeb wollte mit „Au temps où les Arabes ...“ eigentlich ein Stück über die Filme der 1940er-, bis 1970er-Jahre machen und über die Zeit, als weder Singen noch Tanzen noch Sinnlichkeit in Tunesien einer Restriktion unterlagen. Mitten in seiner Arbeit kam der arabische Frühling, und so wurde es ein politisches Statement darüber, wie der Körper entfremdet wurde. Er verwendet Bauchtanz, aber mit männlichen Darstellern, damit zeigt er das noch intensiver auf.

Osterfestival 1999 Sujet

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Der Kreis als Symbol für Unendlichkeit bildet die Sujets des Osterfestivals, etwa 1999 (li.), 2001 (re. o.) und 2000 (re. o.)
Der Kreis als Symbol für Unendlichkeit bildet die Sujets des Osterfestivals, etwa 1999 (li.), 2001 (re. o.) und 2000 (re. o.)

Mit Programmen wie diesen bauen Sie auf 50 Jahre Kulturarbeit auf: 1968 begannen einige junge Leute wie ihre Eltern, in Hall Konzerte und Ausstellungen in der „Galerie St. Barbara“ zu organisieren. Wie hat sich das kulturelle Klima seit damals verändert?

Es gab damals die Jugendkulturwochen, bei denen unter anderem Musiker und Schriftsteller wie György Ligeti oder Hilde Domin gastierten, die aber genau zu der Zeit geendet haben. Es gab das Landestheater und die Symphoniekonzerte, aber darüber hinaus gab es – obwohl Tirol viele Chancen gehabt hatte – praktisch nichts. Die Menschen hier konnten sich also entscheiden: Entweder konnten sie sagen, so ist es, und nichts unternehmen. Oder sie konnten woanders hingehen oder – wie bei dieser Gruppe – aktiv werden und viele andere einbinden.

[…]

Aus der Gründung der Galerie St. Barbara heraus hat sich viel entwickelt. Nach vier Jahren gab es zwar die Galerie nicht mehr, aber die Konzerte und den Namen. Das Studienzentrum für Neue Musik wurde aufgebaut, viele zeitgenössische Komponisten sind gekommen. Durch die Tätigkeit der Galerie St. Barbara wurden erstens andere animiert, selbst etwas zu machen, zweitens wurde viel Neues initiiert. Das ist so wie mit Geschwistern, die auf dem Fundament ihrer älteren Brüder und Schwestern aufbauen können.

Seit damals ist die Kunst- und Kulturlandschaft in Tirol riesig und sehr breit geworden: Es gibt fast alle Kunstformen, der Umgang mit unterschiedlichen Einflüssen und Impulsen ist ein ganz anderer. Das kann man nur begrüßen.

Es ist wunderschön, wenn jemand nach Jahren kommt und sagt, das hat mir einen anderen Zugang zum Leben gegeben.
Hannah Crepaz

Ein roter Faden, der sich durch die Programme der Galerie St. Barbara und des Osterfestivals hindurchzieht, ist, dass immer viel Verschiedenes möglich war und auch miteinander in Dialog trat, zum Beispiel Alte und Neue Musik. War das Ihnen und Ihren Eltern ein besonderes Anliegen?

Es ist aus einem grundsätzlichen Kunstverständnis herausgewachsen: dass immer das eine das andere motiviert oder aus dem einen das andere hervorkommt. In den 1960er- und 1970er-Jahren ist auch sonst vieles aufgebrochen. Die Offenheit war riesig. Man hat sich zum Beispiel in den 1950er-Jahren mit Alter Musik zu beschäftigen begonnen, es hat viele Komponisten gegeben, die sich für alle Formen von Musik interessiert haben – und das in ihre Musik auch miteinbezogen haben. Diese Offenheit wollen wir zeigen, Verbindungen zwischen unterschiedlichen Epochen in der Musik, zwischen unterschiedlichen Kunstformen, aber auch die Öffnung hin zu anderen Kulturen. Vorurteile kommen meist aus dem, dass man etwas nachsagt, was jemand anderer vorgesagt hat. Wenn man sich hingegen mit dem anderen eingehend auseinandersetzt, dann hat man eine andere Sichtweise auf die Dinge.

Osterfestival 2003: Joachim Schlömer: die nervenwaage
Osterfestival 2003: Joachim Schlömer: die nervenwaage

Osterfestival 2011: Quatuor Diotima
Osterfestival 2011: Quatuor Diotima

Osterfestival 2013: Königliches Ballett Kambodscha
Osterfestival 2013: Königliches Ballett Kambodscha

Osterfestival 2017: Amir Reza Koohestani: Hearing
Osterfestival 2017: Amir Reza Koohestani: Hearing

Gilt das auch für Religion – das Osterfestival startete ja 1989 als „Musik der Religionen“?

Ein Grund dafür war, dass es schon damals ganz fundamentalistische Strömungen gegeben hat, in allen Religionen. Meine Eltern haben damals gesagt: Wir müssen für Offenheit sorgen und schauen, wie die Kunst ihren Beitrag dazu leisten kann. Beim Osterfestival konnten sie unterschiedliche Positionen nebeneinander zeigen, aber auch zeigen: Es gibt so viel Gemeinsamkeiten, die man oft nicht sieht und die man auch vergisst.

Sie und Ihre Geschwister haben die Kulturarbeit Ihrer Eltern schon als Kinder miterlebt. Wie war es, in die Kultur sozusagen hineinzuwachsen?

Wir waren immer bei allem dabei. Diese Erinnerungen sind für mich sehr positiv. Ich muss meinen Eltern danken, dass sie mich überallhin mitgenommen haben. Ich denke auch, dass man es als Kind einfacher hat, zu den verschiedenen Kunstformen einen Zugang zu finden. Das muss man sich als Erwachsener erst hart erarbeiten.

Vorbereitungsarbeiten für die nächsten Veranstaltungen. Hannah Crepaz im Salzlager, wo das Osterfestival vor allem Tanz und Performances präsentiert.
Foto: Target Group, Axel Springer
Vorbereitungsarbeiten für die nächsten Veranstaltungen. Hannah Crepaz im Salzlager, wo das Osterfestival vor allem Tanz und Performances präsentiert. Foto: Target Group, Axel Springer

Nicht nur als Familie, auch bei den Künstlern, die Sie einladen, gibt es eine große Kontinuität – sowohl die internationalen Künstler betreffend als auch junge Tiroler Künstler, denen Sie bei Musik+ und dem Osterfestival die Möglichkeit geben aufzutreten.

Wir finden es ganz wichtig, Künstler wie Jordi Savall oder Philipp Herreweghe über Jahre zu begleiten, so können wir sehen, wie sie sich entwickeln. Wie verändert sich die Interpretation, die Sichtweise auf Komponisten und Werke?

Auch Leute aufzubauen und zu sehen, wie schnell die Entwicklungssprünge sind, bedeutet uns viel. Die Tiroler Interpreten Michael Schöch, Elisabeth Hubmann oder Elias Praxmarer haben schon ganz jung angefangen, hier aufzutreten. Es ist schön, wenn man mit diesen Künstlern mitwachsen kann.

Rain

Arabes

Osterfestival 2018: Rain, Aux temps ou les Arabes …, Ensemble Recherche

Fotos: Anne van Aerschot/Beate Rieker/ Agathe Poupeney
Osterfestival 2018: Rain, Aux temps ou les Arabes …, Ensemble Recherche Fotos: Anne van Aerschot/Beate Rieker/ Agathe Poupeney

Nicht zuletzt wächst auch das Publikum mit. Wie erleben Sie diese enge Verbindung mit den Zusehern?

Es ist wunderschön, wenn jemand nach Jahren kommt und sagt, ich habe als Jugendlicher etwas gesehen und habe deshalb eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Oder: Das hat mir einen anderen Zugang zum Leben gegeben. Das hat uns auch gezeigt: Wenn man immer versucht, die Leute ein bisschen zu stupsen, dann kann man schon etwas bewegen.

 Vielen Dank für das Gespräch.

Osterfestival 2018

16.3.–1.4.2018, Innsbruck und Hall i. T.

Galerie St. Barbara
Schmiedgasse 5
6060 Hall in Tirol
Tel. +43.5223.53808
office@osterfestival.at

www.osterfestival.at

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