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Kulturautor

Buchtipp: Ich bin dann mal nicht weg: Gernot Zimmermann wandert 320 km durch Innsbruck

01.03.2021 in Kulturleben

TW_Stadtspaziergang-04 Häuser Mariahilfstraße, Foto: shootandstyle.com

Revierkämpfe, Überschwemmungen und eine gigantische Kot-Pfütze – die Geschichte von Innsbrucks Stadtvierteln ist nicht gerade glamourös. Autor Gernot Zimmermann ist alle Straßen der Landeshauptstadt abgeschritten und hat in seinem neuen Buch "Ich bin dann mal nicht weg" zu jeder etwas zu erzählen.

Text: Benjamin Stolz
Fotos: shootandstyle.com

Vom Wanderer und seiner Eskorte

TW_Stadtspaziergang-01 Mariahilf, Foto: shootandstyle.com

Charme der 70er: Die Wohnanlage Mariahilfpark
Charme der 70er: Die Wohnanlage Mariahilfpark

Wir treffen Gernot Zimmermann und seine Frau Ilse vor der Wohnanlage Mariahilfpark, einem Betonbau, der durch das Bestreben seiner damaligen Bauleute, besonders modern auszusehen, heute besonders nach den 1970er-Jahren aussieht. „Es ist für mich fast unmöglich, irgendwo in Innsbruck zu gehen und mit den Orten keine Erinnerungen zu verbinden“, sagt der ehemalige Journalist und Taxifahrer – und verrät uns damit auch gleich, woher er die Ideen für seine Bücher über die Landeshauptstadt nimmt. 

„Ich bin dann mal nicht weg“, sein viertes und neuestes Werk, ist auch der Anlass für unseren gemeinsamen Spaziergang von Mariahilf nach St. Nikolaus. Jede einzelne Innsbrucker Straße – insgesamt 320 Kilometer – ist er dafür zu Fuß abgeschritten, nun will er uns einen kleinen Teil davon zeigen. Da Gernot an einer schmerzhaften Gefäßkrankheit in den Beinen leidet, hat ihn seine Frau für sein Buchprojekt mit dem Auto eskortiert. Das macht sie auch heute: Ilse verabschiedet sich und fährt vor zum Waltherpark.

Hinein ins Tal der Liebe

Der Flaneur an der Promenade: Gernot Zimmermann spaziert am Inn entlang.
Der Flaneur an der Promenade: Gernot Zimmermann spaziert am Inn entlang.

Straßen- und Viertelbezeichnungen sind vor allem in den ältesten Teilen des heutigen Innsbruck, durch die wir gerade gehen, ziemlich verwirrend. Obwohl in Mariahilf, gehen wir durch die „Höttinger Au“, die auf den westlich gelegenen Stadtteil verweist. Auch Gernot hat sich die Fragen nach den Statteilgrenzen in seinem Buch gestellt, bleibt aber gelassen: „Mariahilf ist es vollkommen wurscht, wo es anfängt und wo es aufhört.“

Der Beginn von Anpruggen ist relativ sicher die Kirschentalgasse, die sich von Hötting herab direkt bis an den Inn zieht. „Die Höttinger nennen die Kirschentalgasse das ‚Tal der Liebe‘“, weiß Gernot. Früher befand sich in der asphaltierten Straße, unter der bis heute der Höttinger Bach fließt, ein „dunkler, von Kirschbäumen bewachsener Garten“, „wo man sich verlustieren hat können“.

Auf Safari vor der Haustür

Das Fotomotiv „Anpruggen“ ist so beliebt, dass die kleinen Läden in der Mariahilf- und Innstraße es in ihr Kunsthandwerksrepertoire aufgenomen haben.
Das Fotomotiv „Anpruggen“ ist so beliebt, dass die kleinen Läden in der Mariahilf- und Innstraße es in ihr Kunsthandwerksrepertoire aufgenomen haben.

Von dieser Straßenecke an reihen sich die bunten Häuser der Mariahilfstraße, neben dem Goldenen Dachl die beliebtesten Fotomotive der Stadt. Laut Gernot ist die Häuserreihe genauso wie die Altstadt überraschenderweise „eine billige Wohngegend“. Die äußerlich schönsten Häuser der Stadt sind in ihrem Inneren oft renovierungsbedürftig. Von den Geschäften und Lokalen in den Erdgeschossen gibt es nur wenige, die sich hier lange gehalten haben. „Das verändert sich permanent.“ Besonders wohlige Erinnerungen hat Gernot an die Bar ‚Safari‘, denn „da waren die Hippies, die Rocker, die Langhaarigen drin“.

Nie genug vom Goldenen Dachl

Bis zum Goldenen Dachl, Innsbrucks Wahrzeichen, geht der Blick durch die Gassen der Altstadt.
Bis zum Goldenen Dachl, Innsbrucks Wahrzeichen, geht der Blick durch die Gassen der Altstadt.

„In jedem Haus bin ich schon drin gewesen“, sagt Gernot, der als langjähriger Nachttaxifahrer gut „Eine Million Kilometer durch Innsbruck“ gefahren ist. 2018 hat er unter diesem Titel seine Anekdoten aus 25 Jahren Taxifahren als Buch veröffentlicht. Auch wenn Gernot zusammen mit Ilse als „Wohnmobilist“ gerne auf Reisen ist, hat er sich an Innsbruck noch nicht satt gesehen: „Ein Venezianer würde nie ins Café Florian auf einen Kaffee gehen. Ich setze mich auf ein Weizenbier zum Happ und schaue seit 50 Jahren aufs Goldene Dachl. Das ist wirklich mein Lieblingsplatz.“

Durchs Nadelöhr auf den Berg

These boots are made for walking
These boots are made for walking

Auf dem Weg in Richtung St. Nikolaus fällt uns auf, dass man das Wahrzeichen von Innsbruck sogar von der Mariahilfstraße aus sehen kann. Bald darauf passieren wir die Höttingergasse, die – nomen est omen – bereits zum Stadtteil Hötting gehört. Wenn man sieht, wie sich die Busse der Linie J scheinbar nur Zentimeter an den Hausfronten vorbeimanövrieren, kann man fast gar nicht glauben, dass es sich dabei einst um eine der wichtigsten Verkehrsrouten handelte.

Über und an der „Pruggen“

Früher war der Weg am Inn entlang oft überschwemmt.
Früher war der Weg am Inn entlang oft überschwemmt.

Da der Inn im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Innsbruck ständig über die Ufer trat, mussten schwere, von Nordosten kommende Fuhrwerke zuerst über die Riedgasse nach Hötting hinauffahren. Erst dann ging es durch die Höttingergasse hinunter und über die Altstadtbrücke nach Innsbruck. Die nördliche Innseite war damals selbstverständlich noch nicht Innsbruck, sondern „Anpruggen“.

„Koatlackler“ gegen „Rattler“

In jungen Jahren herrschten erbitterte Revierkämpfe zwischen den Jugendlichen aus der „Koatlackn“ und den „Reichenauer Rattlern“ wie Gernot.
In jungen Jahren herrschten erbitterte Revierkämpfe zwischen den Jugendlichen aus der „Koatlackn“ und den „Reichenauer Rattlern“ wie Gernot.

Neben Mariahilf umfasst es das frühere Dorf St. Nikolaus, im Volksmund bis heute „Koatlackn“ (in etwa: Kot-Pfütze) genannt. In der Koatlackn gab es keine funktionierende Abwasserversorgung. Zusammen mit den regelmäßigen Überschwemmungen kann man sich heute kaum noch vorstellen, wie es dort gerochen und ausgesehen haben muss.

„Die Koatlackler haben mit uns Reichenauern nie eine Freude gehabt“, erinnert sich Gernot an seine Jugend als „Reichenauer Rattler“ (die es übrigens auch als Buch zu lesen gibt). Prügeleien zwischen Jugendbanden vor der Höttinger Kirche oder in den Siedlungshöfen der Reichenau im Osten Innsbrucks gab es damals nicht selten. Die Reichenauer zogen dabei mit Starkstromkabeln, die Höttinger mit „Goaßeln“ (also Peitschen) ins Gefecht. „Und die Innsbrucker zeigen immer mit den Fingern nach Neukölln“, wundert sich der 58-Jährige.

Auf unbekanntem Terrain

Eine Metallsilhouette zeigt, wie Innsbruck im Mittelalter aussah.
Eine Metallsilhouette zeigt, wie Innsbruck im Mittelalter aussah.

Kurz vor dem Dorfplatz von St. Nikolaus biegen wir in die Innallee. „Als Taxifahrer dachte ich, ich kenne alles. Die Innallee kannte ich nicht“, lacht Gernot, während uns auf dem Straßenstück schon Ilse mit dem Auto entgegenkommt. Direkt am verbauten Innufer sieht man viele unterschiedliche Baustile und -epochen Innsbrucks auf einen Blick. Da sind die bunten Häuser von Anpruggen im Hintergrund, die Altstadt und der Dom auf der anderen Seite, die von Star-Architektin Zaha Hadid geplanten Stationen der Hungerburgbahn ebenso wie die Villen im Saggen hinter dem Palmenhaus des Hofgartens.

Traumhafte Ausblicke

Einer von vielen beeindruckenden Ausblicken: ein stilisierte Weihnachtsbaumstern vor den Häusern der Altstadt
Einer von vielen beeindruckenden Ausblicken: ein stilisierte Weihnachtsbaumstern vor den Häusern der Altstadt

„Es gibt ganz wenige Wohnungen in Innsbruck, wo du nicht einen traumhaften Ausblick hast“, findet Gernot, der auch mit dem heutigen Image der Stadt zufrieden ist. „Wir sind Olympiastadt, Kulturstadt, Kongressstadt, Studentenstadt und Musikstadt. Jede einzelne Bezeichnung ist keine Fremdenverkehrswerbung.“

Vor allem die vielen Studenten in der Stadt hätten sich positiv auf das Stadtbild ausgewirkt. Er kenne nämlich „noch ein anderes Innsbruck mit einer dumpfen Mentalität gegenüber allem Neuen“. Nach unserem gut 800 Meter langen Spaziergang steigt Gernot in den von Ilse in bester Lage geparkten Skoda und fährt durch die bis vor kurzem noch unbekannte Innallee nach Hause. Durch Innsbruck gegangen ist er schließlich schon genug.

Ich bin dann mal nicht weg

von Gernot Zimmermann, Innsbruck 2020

Gernot Zimmermann wurde 1962 in Innsbruck geboren und ist in den Stadtteilen Höttinger Au, Wilten, Reichenau und Amras aufgewachsen. Er war 24 Jahre als Taxifahrer unterwegs. Sein Buch „Eine Million Kilometer durch Innsbruck“ ist ein regionaler Bestseller.
Für „Ich bin dann mal nicht weg“, sein viertes Buch, hat er alle Innsbrucker Straßen durchwandert.

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