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Defregger, der Unbekannte

Aktualisiert am 12.02.2021 in Kulturleben, Fotos: Wolfgang Lackner

Von wegen rückwärtsgewandt: Das Ferdinandeum in Innsbruck entdeckt in der Ausstellung „Mythos – Missbrauch – Moderne“ den Tiroler Maler Franz von Defregger neu.

Defregger Portraits, Foto: Wolfgang Lackner 

Der Vielkopierte

Es gibt wohl kaum einen Menschen in Tirol, der nicht schon einmal ein Bild von Franz von Defregger gesehen hat: den Tiroler Freiheitskämpfer „Speckbacher und sein(en) Sohn Anderl“ zum Beispiel oder „Das letzte Aufgebot“ – ein Trupp alter Männer, die 1809 mit untauglichen Waffen in die Schlacht ziehen. Vielfach kopiert, hingen sie in den Gaststuben und Privathäusern des Landes.

Der Weltkünstler

Hof der Burg Runkelstein, 1880, Privatbesitz
Hof der Burg Runkelstein, 1880, Privatbesitz

Zu Lebzeiten war der gebürtige Osttiroler, der in München lebte und ausgebildet wurde, hingegen der Typ „Malerfürst“, ein gefeierter Künstler, dessen Werke sich gut verkauften. Seine Bilder waren international gefragt. Sie tourten durch ganz Europa und fanden ihren Weg bis auf die Weltausstellungen in Chicago, St. Louis, Paris und Wien. Selbst amerikanische Museen und berühmte Privatsammler wie der Eisenbahn-Magnat William Vanderbilt erwarben einen „Defregger“.

Überraschend modern

Defreggers Landschaftsmalereien zeigen seine Kenntnis der französischen „Schule von Barbizon“, die auch auf den Impressionismus großen Einfluss hatte: „Almlandschaft mit Frau und Kind“ von 1887, Privatbesitz.
Defreggers Landschaftsmalereien zeigen seine Kenntnis der französischen „Schule von Barbizon“, die auch auf den Impressionismus großen Einfluss hatte: „Almlandschaft mit Frau und Kind“ von 1887, Privatbesitz.

Neben den bäuerlichen Genrebildern malte er eine Vielzahl von Werken, die ganz andere Themen zum Inhalt hatten. Zeit also, genauer hinzusehen, dachte man sich im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, forschte und recherchierte, entdeckte gänzlich Unbekanntes, stellte Verbindungen mit anderen Kunstströmungen seiner Zeit her und kümmerte sich um Leihgaben aus Europa und den USA. Herausgekommen ist eine Ausstellung voller Überraschungen und neuer Erkenntnisse.

Pariser Eindrücke

Parallelen: Malereien von Defregger und van Gogh
Foto: Wolfgang Lackner
Parallelen: Malereien von Defregger und van Gogh Foto: Wolfgang Lackner

Zwei Jahre, von 1863 bis 1865, verbrachte Defregger in Paris, die künstlerischen Eindrücke und dort erlernten Maltechniken begleiteten ihn ein Leben lang. Wie sehr, zeigt die Gegenüberstellung seiner Werke mit jenen berühmter Vertreter von Impressionismus und Realismus. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Porträts oder Landschaften von Vincent van Gogh und Gustave Courbet durchaus künstlerische Parallelen mit seinen Bildern haben?

Blick über den Tellerrand

Fast dreißig Jahre liegen zwischen dem „Porträt eines Afrikaners mit weißem Kopftuch“ (1862) …
Fast dreißig Jahre liegen zwischen dem „Porträt eines Afrikaners mit weißem Kopftuch“ (1862) …

… und dem „Porträt eines Mädchens“ (1891). Beide Bilder sind in Privatbesitz.
… und dem „Porträt eines Mädchens“ (1891). Beide Bilder sind in Privatbesitz.

Überhaupt die Porträts: Defreggers Interesse reichte weit über Tiroler „Dirndln“ und kräftige Burschen hinaus. Er malte Menschen von anderen Kontinenten wie einen Afrikaner mit weißem Tuch oder den Oglala-Häuptling Rocky Bear, der mit „Buffalo Bill’s Wild West“ nach München gekommen war.

Exzellent und unveröffentlicht

„Ruhender weiblicher Halbakt“, entstanden um 1890, Privatbesitz
„Ruhender weiblicher Halbakt“, entstanden um 1890, Privatbesitz

Sogar Akte entdeckten die Forscher bei ihrer Spurensuche. Bilder wie diese blieben aber oft in Familienbesitz und waren im Allgemeinen nicht öffentlich zugänglich. Defregger selbst hatte sich darüber auch bedeckt gehalten.

Vielfalt und Vervielfältigung

Bereits verkaufte Bilder wie das hier links gezeigte ließ Defregger kopieren, als für ihn ein eigener Ausstellungsbereich im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum eingerichtet wurde.
Foto: Wolfgang Lackner
Bereits verkaufte Bilder wie das hier links gezeigte ließ Defregger kopieren, als für ihn ein eigener Ausstellungsbereich im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum eingerichtet wurde. Foto: Wolfgang Lackner

Nach außen zeigte er die „typischen“ Tirolbilder mit ihren traditionellen Geschlechterrollen, auch erkannte er schon früh, dass Reproduktionen gutes Geld brachten. Es zeugt von seiner Geschäftstüchtigkeit, dass er zum Beispiel für das Tiroler Landesmuseum Kopien von Bildern erstellen ließ, die bereits anderweitig verkauft waren, und dass er sich die Verwertungsrechte für Drucke von Verlegern abgelten ließ: 5.000,– Mark erhielt er allein für die Reproduktion seines Madonnenbildes.

Dass seine bäuerlichen Motive im Nationalsozialismus besonders großen Anklang fanden, verlieh Defregger endgültig den Stempel des rückwärtsgewandten, reaktionären Künstlers, der Tirolklischees bediente. Es gehört zu den großen Leistungen der Ausstellung „Defregger. Mythos – Missbrauch – Moderne“, dass sie ihn und seine Kunst ein Stück weit von diesem verfälschten Image befreit.

Esther Pirchner beschäftigt sich beruflich  - aber vor allem begeistert - mit Musik und Kultur.

Esther
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