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Der Westfriedhof der Dichter und Denker

Aktualisiert am 19.10.2021 in Kulturleben, Fotos: Johannes Sautner

Westfriedhof, Foto: shootandstyle.com

Er gilt als einer der ältesten und schönsten Friedhöfe Innsbrucks: Auf dem Westfriedhof haben Künstler, wohlhabende Familien und einfache Bürger ihre letzte Ruhestätte gefunden. Alexander Legniti kennt ihre Geschichten und spaziert mit uns über den Totenacker.

Im Herbst ist der Innsbrucker Westfriedhof ein besonderer Anblick. Bunte Blätter wehen durch die Arkaden, die den Friedhof an den Seiten begrenzen, und nach einem Regenguss glänzen die Marmorfiguren auf den Grabplatten. Der Westfriedhof liegt im Stadtviertel Wilten und ist neben seinem größeren Pendant – dem Ostfriedhof in Pradl – einer der beiden Hauptfriedhöfe von Innsbruck.

Der Herr der Gräber

Alexander Legniti ist der Chef der städtischen Friedhöfe. Die Witze über seinen Beruf kennt er alle.
Alexander Legniti ist der Chef der städtischen Friedhöfe. Die Witze über seinen Beruf kennt er alle.

Errichtet im Jahr 1856 ist er der erste noch erhaltene Friedhof, in dem Innsbrucker nicht stadtteilgebunden begraben werden. Wie alt der Friedhof ist, erkennt man an der umliegenden Infrastruktur, die sich in den letzten anderthalb Jahrhunderten angepasst hat. Optisch an die gelben Arkaden angelehnt, stehen die Verwaltungsgebäude gleich links vom Eingang.

Hier arbeitet der Mann, der im Innsbrucker Stadtmagistrat wohl die meisten Menschen unter sich hat. Alexander Legniti ist der Chef der sieben von der Stadt verwalteten Friedhöfe. Nebenbei ist er passionierter Dichter und Kenner der Literaten, die hier begraben liegen.

Die Ruhestätten der Privilegierten

Marmor- und Schmiedeeisenkreuze auf dem Westfriedhof.
Marmor- und Schmiedeeisenkreuze auf dem Westfriedhof.

„Das moderne Friedhofswesen geht auf das 19. Jahrhundert zurück“, sagt Alexander Legniti. Davor wurden die meisten Menschen rund um ihre Pfarrkirche begraben. Wenn man irgendwann wieder an das erste oder letzte Grab stieß, hob man die Gebeine – die „Boaner“, wie man auf Tirolerisch sagt – wieder aus und verstaute sie in sogenannten „Beinhäusern“. Die hölzernen Kreuze auf dem Grab waren bis dahin längst verfault.

Das Privileg eines Gedenksteins oder einer Beisetzung in der Kirche war hingegen Adel und Klerus vorbehalten. „Von den reichen Damen und Herren kann man aus jedem Jahrhundert Grabsteine finden. Von den Normalsterblichen sind nicht einmal mehr die Gebeine übrig“, sagt der Friedhofs-Experte.

Das Jenseits wird demokratisch

Alte Bäume säumen die Friedhofswege.
Alte Bäume säumen die Friedhofswege.

Erst die Revolutionen 1789 und 1848 und das daraus resultierende bürgerliche Selbstbewusstsein ermöglichten die Gründung öffentlicher Friedhöfe. 1804 wurde der berühmte Père Lachaise in Paris eröffnet. Der Wiener Zentralfriedhof und der Wiltener Westfriedhof entstanden ein halbes Jahrhundert später.

Gedenkstätte für die Toten des alten Friedhofs.
Gedenkstätte für die Toten des alten Friedhofs.

Für den Westfriedhof wurde der frühere Friedhof nahe der Spitalskirche aufgelassen. Einige Gräber wurden in das damals noch außerhalb der Stadt liegende Wilten gebracht, weshalb manche der Grabplatten weit älter sind als der Westfriedhof selbst. Nun hatten Innsbrucks Bürger ausreichend Platz, sich über den Tod hinaus zu verewigen. „Und da begann man auch wettzueifern“, schmunzelt Legniti.

Unter den Arkaden

IBK Westfriedhof 12, Foto: shootandstyle.com

Die Gänge in den überdachten Arkaden wirken mit ihren eleganten Fliesen wie die Korridore eines Museums: Neugotische Fassaden treffen auf eine Pietá aus weißem Marmor, eine gemalte Weihnachtsszene folgt auf ein steinernes Relief. Die Grüfte unter den Arkaden gehören teilweise seit der Eröffnung des Friedhofs denselben Familien. Auch nach dem Tod bleibt Innsbrucks gehobener Bürgerstand gerne unter seinesgleichen.

An einer Familiengruft liest man den Namen Karl Adam, ehemaliger Innsbrucker Bürgermeister und Brauereibesitzer, der der Adamgasse ihren Namen gab. Unter einer Weihnachtsszene liegen Egid Pegger und Franz Thurner, zwei Gründungsmitglieder der Innsbrucker Feuerwehr. Drei im Dreieck angelegte Figuren bewachen das Grab der Familie Obexer, in dem auch Diana Budisavljević begraben liegt. Ihr gelang es während des Zweiten Weltkriegs, 12.000 Kinder aus Konzentrationslagern des Ustascha-Regimes zu befreien.

Zu Lebzeiten war Otto Prechtler bekannter Dramatiker und ein Freund von Franz Grillparzer.
Zu Lebzeiten war Otto Prechtler bekannter Dramatiker und ein Freund von Franz Grillparzer.

Andere im Westfriedhof begrabene namhafte Tote sind Johann Otto Prechtler, Dramatiker und Freund von Franz Grillparzer, oder Joseph Hormayr, den sogar Heinrich Heine gekannt haben soll.

Unheimliche Geschichten, aber keine Gespenster

Erst seit gut 200 Jahren können auch „Normalsterbliche“ auf öffentlichen Friedhöfen begraben werden.
Erst seit gut 200 Jahren können auch „Normalsterbliche“ auf öffentlichen Friedhöfen begraben werden.

Auch wenn der Friedhof den Toten gehört, kommt es hier zu Begegnungen aller Art. Ob er hier schon mal ein Gespenst gesehen hat? „Bisher noch nicht“, antwortet Alexander Legniti etwas resigniert auf die oft gestellte Frage. Unheimliche Geschichten finden sich allerdings in den Biografien der hier Begrabenen. „Heut stirbt noch einer – Heiland steh uns bei!“, lautet etwa die letzte Zeile des letzten Gedichts des Schriftstellers Anton Renk. Wenige Tage später starb der Naturkundler an einer Lungenentzündung.

Auf Friedhöfen ist schon alles passiert.
Alexander Legniti

Der Friedhofs-Chef stellt fest: „Auf Friedhöfen ist schon alles passiert, was man sich vorstellen kann. Es wurde gemordet, auf Friedhöfen wurden Kinder gezeugt“. In einem drastischen Fall, auf den Legniti nicht näher eingehen will, teilen sich Mörder und Opfer bis heute ein Grab.

Spuren der Vergangenheit

Durch Kriegsschäden verloren manche Marmorfiguren Finger oder Zehen.
Durch Kriegsschäden verloren manche Marmorfiguren Finger oder Zehen.

Auch der Zweite Weltkrieg hat sichtbare Spuren auf dem Westfriedhof hinterlassen. Durch Bombenschäden in den Arkaden fehlen mancher Marmorfigur noch heute Finger oder ein paar Zehen. Der südwestliche Teil des Westfriedhofs ist ein jüdischer Friedhof, der seit 1864 die letzte Ruhestätte für die jüdische Bevölkerung unterhalb der Hungerburg ersetzt hat. 

Eine Stele neben dem Suevia-Denkmal erinnertan die Opfer der Pogromnacht 1938.
Eine Stele neben dem Suevia-Denkmal erinnertan die Opfer der Pogromnacht 1938.

Zwischen Himmel und Hölle

Auf dem Weg nach draußen passieren wir die Kapelle des Friedhofs. In einem Fresko des Jüngsten Gerichts erkennt man unschwer, wer nach Ansicht der Auftraggeber in den Himmel und wer in die Hölle kommt. Auf der Himmelseite sieht man Priester und Bischöfe, auf der Höllenseite Judas, Martin Luther und eine Prostituierte. „Die Freier sind nicht in der Hölle“, wundert sich Legniti. Wahrscheinlich sind es doch die Lebenden, vor denen man sich fürchten sollte, und nicht die Toten.

Zum Abschluss unserer Tour: das Jüngste Gericht
Zum Abschluss unserer Tour: das Jüngste Gericht

Benjamin Stolz liebt und lebt die Gegensätze des Alpenlandes. Als Tiroler mit Höhenangst, papiervernarrter Blogger und Stadtmensch vom Land ist er der Meinung, dass es in Tirol mehr zu entdecken gibt, als man glaubt.

Benjamin
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