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Alexander Zimmermann

In der Mitte des Lebens

07.09.2020 in Kulturleben

dorfladen-regionalität-tirol

Viel mehr als nur ein Nahversorger – „Ines Dorfladen“ ist eine feste Größe in der kleinen Gemeinde Bichlbach. Warum gerade heute das Konzept von regionalen Lebensmitteln und kurzen Wegen wieder an Bedeutung gewinnt. In Bichlbach und ganz Tirol. Eine Reise zu einem außergewöhnlichen Tiroler Dorfladen.

Wenn Ines Schleich pünktlich um 7 Uhr morgens die Türe ihres Dorfladens aufschließt, dann tut sie das etwas ruhiger als noch vor einigen Monaten. Fast schon bedächtig. Die Hektik ist aus ihrem Alltag gewichen, hinzugekommen ist die Gewissheit, dass ihr Konzept aufgeht. Mehr denn je. Es ist das Konzept des Dorfladens. Des kleinen, regionalen Nahversorgers. Lebensmittelhändler, Postfiliale, Dorfmittelpunkt in einem.

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„Ines Dorfladen“ liegt im Ortskern von Bichlbach, einer kleinen Gemeinde im Bezirk Reutte, keine zehn Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Mitten in der Zugspitz Arena, zwischen Ehrwald und dem Lechtal. 734 Einwohner. Viele von ihnen kennt Ines persönlich. Schließlich war sie bis zum Jahr 2014 der einzige Nahversorger vor Ort – dann wurde die Filiale einer größeren Einzelhandelskette errichtet, 700 Meter die Straße hinunter, und Ines stellte nicht nur ihr Konzept, sondern ihr ganzes Sortiment um. „Ich musste mich mit dem Dorfladen hervorheben, deshalb habe ich damals noch viel stärker auf regionale und Bio-zertifizierte Produkte umgestellt und angefangen, Brotzeiten und Kaffee anzubieten“, erzählt sie.

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Von da an ging es stetig bergauf. „Ich habe das Gefühl, dass das Bewusstsein der Menschen für die kurzen Wege und die regionalen Produkte gerade durch die Corona-Krise noch einmal stärker in den Vordergrund rückt“, sagt sie. Wie sie das merkt? In Gesprächen mit ihren Kunden natürlich. Die fanden in diesem Frühjahr seltener im Dorfladen und häufiger vor den Türen ihrer Kunden statt.

Der Dorfladen erlebt ein Comeback.

„Ich habe schon lange einen Lieferservice angeboten, aber dieses Jahr wurde er natürlich deutlich stärker und insbesondere von älteren Menschen in Anspruch genommen“, sagt Ines. Also fuhr die 50-Jährige Tag für Tag nach der regulären Öffnungszeit unterschiedlichste Adressen in der Region an und brachte die zuvor telefonisch bestellten Waren vorbei. Mal stellte sie das Paket einfach vor der Haustüre ab, mal plauderte sie noch ein bisschen mit ihren Kunden. Der Austausch gehört zum Einkaufserlebnis bei Ines einfach dazu – selbst wenn es mit Sicherheitsabstand ist. „Die Menschen sind froh, dass es uns gibt“, sagt Ines.

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Der Arbeitstag startet für Ines um 5 Uhr. Erste Amtshandlung: die Feinkostvitrine putzen und anschließend mit den regionalen Produkten einräumen, vor allem Käse aus dem Tal und den umliegenden Almen, dann sind Brot und Backwaren an der Reihe. Pünktlich um 7 Uhr wird der Laden aufgesperrt – bis das Gemüse und Obst allerdings in den hölzernen Auslege-Körben verstaut ist, könne es schon mal bis halb 9 dauern, sagt sie lachend.

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Über 50 Prozent ihres Sortiments kommen von regionalen Erzeugern aus einem Umkreis von etwa 45 Kilometern. Vor allem frische Waren wie Milchprodukte und Käse, aber auch Obst, Gemüse und das Brot einer örtlichen Bäckerei. Und selbst das Nudelregal ist regional bestückt. Etwa ein Dutzend Hersteller aus der Gegend beliefern den Dorfladen mit ihren Produkten.

Einkaufen mit Ruhe

Und wie sieht es mit dem Umsatz aus? „Der ist im Vergleich zum Vorjahr eigentlich konstant geblieben. Wenn man es genau nimmt, hat er sich sogar verbessert. Denn ich habe den gleichen Umsatz wie im Vorjahr gemacht – und das, obwohl ich eine Weile nur vormittags und nicht ganztags geöffnet hatte“, sagt Ines. Eine Erfahrung, die viele Besitzer von Dorfläden in den vergangenen Monaten gemacht haben. Zwar gibt es noch keine offiziellen Studien und konkreten Zahlen für das gesamte Bundesland Tirol, doch Gespräche mit mehreren Betreibern von Dorfläden zeigen einen Trend: Der Dorfladen erlebt ein Comeback. Es ist Zeit für Regionalität.

Den Satz, den Martin Wetscher, Obmann des Tiroler Handels propagiert, nehmen die Menschen ernst: „Sagen Sie Ja zu Tirol!” Auf Seiten wie www.wirkaufenin.tirol, einer Initiative des Landes Tirol und der Wirtschaftskammer, werden regionale Dienstleister und Einzelhändler aufgeführt, die man je nach Region oder Branche filtern und sortieren kann.

Wer hier durch die Türe kommt, für den läuft die Uhr einen Einkauf lang etwas langsamer.

An diesem Sommermorgen sind es vor allem Bichlbacher zwischen 30 und 50 Jahren, aber auch einige ältere Menschen und ein junges Paar mit Kinderwagen, die zu Tirol und zu Ines’ Dorfladen „Ja“ sagen und dort ihre Einkäufe erledigen. Auch ihnen ist die Ruhe anzuspüren, von der Ines zuvor gesprochen hat. Sie schlendern zwischen den Regalen umher, betrachten das Gemüse, legen Kartoffeln und Gurken in den Einkaufswagen. Von Hektik keine Spur. Wer hier durch die Türe kommt, für den läuft die Uhr einen Einkauf lang etwas langsamer.

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Begrüßt werden die Besucher von Blumen vor dem Eingang. Geht man in einen Dorfladen wie den von Ines, findet man weit mehr als nur die wichtigsten Lebensmittel und die Grundsicherung. Hausgemachte, regionale Marmeladen oder Sirup, auch Eis, Spielzeug, Süßigkeiten – mal in Holzkörben angerichtet, mal auf einem alten Weinfass. „Ich möchte, dass sich hier jeder wohl fühlt“, sagt die Betreiberin.

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Doch auch wenn ihr Dorfladen wie viele Supermärkte und Geschäfte aus dem Food-Bereich von schlimmeren wirtschaftlichen Folgen verschont geblieben ist (allein in der ersten Corona-Woche hat der Tiroler Einzelhandel nach Angaben der Wirtschaftskammer rund 50 Millionen Euro Umsatz verloren), freut sich Ines über die offenen Grenzen. Neue Leute, neue Gäste – neue Gesprächsthemen. „In der Hauptsaison kommen unsere Gäste zu 80, 90 Prozent aus Deutschland“, sagt sie. Immer wieder sind bekannte Gesichter darunter, die schon zum wiederholten Male nach Bichlbach oder in die Region kommen.

Der Dorfladen ist mehr als ein Laden – er ist ein Treffpunkt, ein Ort wo die Leute auch mal beim Einkauf ihr Herz ausschütten.

Auf die Frage, warum sie ihren Dorfladen jeden Morgen wieder gerne aufschließt, muss Ines kurz nachdenken. Nicht, weil sie keine Antwort auf die Frage wüsste, sondern weil sie überlegen muss, was sie zuerst sagt. „Ich liebe meinen Beruf. Ich liebe es, mit den Menschen zu kommunizieren, mich mit ihnen zu unterhalten. Außerdem stehe ich voll hinter all den Produkten, die ich hier verkaufe.“

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So wie ein Stammgast einer örtlichen Pension. Er kommt aus Hamburg, hat Ines vor einigen Jahren beim Einkaufen im Dorfladen nach einem Wandertipp gefragt. Sie hat ihn auf eine Bergtour geschickt, die ihn begeistert hat. Das Ergebnis: Bis heute stehen sie miteinander in Kontakt, mindestens einmal im Jahr ist er in Bichlbach zu Gast. Dann weiß er nicht nur, wo er seinen Käse, sein Brot und sein Gemüse herbekommt, sondern ebenfalls, wo er einen Kaffee trinken, ein Stück Kuchen essen und andere Bichlbacher treffen kann.

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Auch heute sind die mit Abstand aufgestellten Stühle und kleinen Bistro-Tische vor dem Dorfladen voll. Es wird erzählt, gegessen und gelacht. Der Dorfladen ist eben mehr als ein Laden – er ist ein Treffpunkt, ein Ort „wo die Leute auch mal beim Einkauf ihr Herz ausschütten.“ Kassieren, servieren, Regale auffüllen, Blumen gießen, putzen – und die Post machen. Als One-Woman-Show im Dorfladen wird es Ines Schleich nicht langweilig. Gut, dass sie so ein quirliges Naturell und, wie sie lachend bestätigt, jede Menge Energie hat.

Eine letzte Frage: Woher kommt eigentlich der Kuchen? „Der kommt von einer regionalen Bäckerei“, sagt Ines. „Und manchmal auch von meiner Mama“.

Alexander Zimmermann ist so oft es geht am Berg – meist in Wander- oder Kletterschuhen. Im Winter allerdings ebenso gerne auf Alpinen oder Langlauf-Ski. Als Journalist und Stratege pendelt er zwischen München, Tirol, Hamburg und Heidelberg.

Alexander Zimmermann
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