Blog
Kategorien
Kaspressknödel, © Tirol Werbung / Rodler Ilvy
Essen & Trinken
Sepp Kahn, Almliterat, © Bert Heinzelmeier
Menschen
Imster Schemenlaufen, © Tirol Werbung / Aichner Bernhard
Kulturleben
Swarovski Kristallwelten, © Tirol Werbung / Moore Casey
Empfehlungen
Kinder am Fluss, © Tirol Werbung / Herbig Hans
Familie
Olperer Hütte, © Tirol Werbung / Schwarz Jens
Unterhaltung
Great Trail , © Tirol Werbung / Neusser Peter
Sport
Magazin-Cover 2022 Sommer
Magazin
Jagdhausalmen im Osttiroler Defereggental. Foto: Tirol Werbung.
Serien
Esther

Walther Parson: Kulturgeschichte aus dem DNA-Labor

Aktualisiert am 21.02.2022 in Kulturleben, Fotos: Gerhard Berger

Dass einige lebende Tiroler direkt von Ötzi abstammen und in Friedrich Schillers Grab gar nicht der deutsche Dichter liegt, sind nur einige der Kuriositäten, die am Innsbrucker Institut für Gerichtliche Medizin entdeckt wurden. Wir haben mit dem Forensiker Walther Parson über die Rätsel der Geschichte gesprochen.

Ob der Salzburger „Mozart-Schädel“ wirklich von Mozart stammt? Walther Parson wollte es herausfinden.
Ob der Salzburger „Mozart-Schädel“ wirklich von Mozart stammt? Walther Parson wollte es herausfinden.

Grundsätzlich forschen Sie an Kriminalfällen, nebenbei lösen Sie aber auch so manches historische Rätsel. Einer der berühmtesten dieser „Celebrity Genetics Fälle“ drehte sich um Wolfgang Amadeus Mozart. Was hat Ihnen an dessen Schädel Kopfzerbrechen bereitet?

Rund um Mozarts 250. Geburtstag sollten wir klären, ob der „Mozart-Schädel“, den die Internationale Stiftung Mozarteum aufbewahrt, tatsächlich von ihm stammt. Zuerst wurden wir nach Salzburg eingeladen, um den Schädel dort zu beurteilen. Aber wir können solche Untersuchungen nur im gesicherten Umfeld unseres Labors machen. Der Schädel wurde also mit einem Sicherheitstransport nach Innsbruck gebracht. Wir haben hier zwei Zähne entnommen, einen für die Analyse hier und einen für die Zweitanalyse in den USA. Die Zähne wurden später von einem Restaurator wieder eingesetzt.

Und womit werden die Proben dann verglichen?

Klassischerweise mit heute lebenden Personen. Wenn es – wie bei Mozart – keine lebenden Personen gibt, die in direkter Linie abstammen, dann wendet man sich an Genealogen. Diese rekonstruieren den Stammbaum und ermitteln Gräber, wo verwandte Personen liegen. Bei Mozart gibt es nur mehr sehr wenige davon und die Personen, die im Mozartgrab in Salzburg liegen, sind weder mit dem „Mozart-Schädel“ noch miteinander verwandt. Wir wissen also nicht, ob der Schädel von ihm stammt. An der Stelle, wo sein Vater Leopold bestattet sein sollte, lag sogar ein weibliches Skelett.

Wie kann denn so etwas passieren?

Der Hauptgrund liegt wohl darin, dass wir Menschen uns an Reliquien klammern. Je älter eine Probe ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Zuge einer Umbettung oder Restaurierung vertauscht wurde. Im ausgehenden 18., beginnenden 19. Jahrhundert war die Pseudowissenschaft der Phrenologie en vogue. Ihre Anhänger glaubten, dass sich die Hirnregionen, die für gewisse Eigenschaften verantwortlich sind, in der Schädeldecke abbilden. Sie haben Schädel gesammelt wie Briefmarken. Ich stelle mir vor: Wenn sich die Gelegenheit ergab, einen Schädel auszutauschen, nur um an das Original zu kommen, hat man das offensichtlich gemacht. Im Falle von Friedrich Schiller gab es zwei Skelette, die für die Analyse infrage kamen. Bei einem davon haben wir Knochen von mindestens drei verschiedenen Personen gefunden. In dessen Grab liegt definitiv nicht der richtige Friedrich Schiller. 

Walther Parson leitet den Forschungsschwerpunkt Forensische Genomik am Institut für Gerichtliche Medizin Innsbruck.
Walther Parson leitet den Forschungsschwerpunkt Forensische Genomik am Institut für Gerichtliche Medizin Innsbruck.

Zur Person

Der Tiroler Molekularbiologe und Forensiker Walther Parson entwickelt neue Methoden zur DNA-Analyse und wird bei schwierigen Kriminalfällen zurate gezogen. Selbst das FBI bittet den mehrfach ausgezeichneten Wissenschaftler regelmäßig um seine Expertise, da er und sein Team auch stark zerstörte DNA entschlüsseln können. Am bekanntesten sind die Celebrity Genetics – Untersuchungen an längst verstorbenen historischen Persönlichkeiten.

Moderne Technik hilft dabei, historische Rätsel zu lösen. Parsons Institut erarbeitet neue Methoden, durch die auch zerstörte DNA-Proben analysiert werden können.
Moderne Technik hilft dabei, historische Rätsel zu lösen. Parsons Institut erarbeitet neue Methoden, durch die auch zerstörte DNA-Proben analysiert werden können.

Bei der 1917 ermordeten Zarenfamilie Romanow lagen die Dinge anders. Deren Identität konnten Sie zweifelsfrei nachweisen. Woher kam damals die Vergleichsprobe?

Vom kürzlich verstorbenen Prinz Philip, er ist in mütterlicher Linie mit der Zarin verwandt. Das Günstige bei Adelsgeschlechtern ist, dass sie einen sehr gut dokumentierten Stammbaum haben. Je weiter dieser zurückgeht, desto besser für uns. 

So wie bei Ötzi? Sie konnten am Institut ja nachweisen, dass 19 heute lebende Tiroler direkt mit dem Mann aus dem Eis verwandt sind.

Das Prinzip ist dasselbe – es sind ungefähr 200 bis 250 Generationen –, aber in dem Fall war es ein klassischer Zufallsbefund. Wir haben ein Forschungsprojekt zur Besiedelung des Alpenraums durchgeführt und dafür rund 4.000 anonymisierte Blutproben ausgewertet. Dabei haben wir nach DNA gesucht, die der Vater nur an den Sohn weitergibt. Im Tiroler Erbsystem bekommt jeweils der älteste Sohn den Hof, also bleibt auch das Y-Chromosom dort. Im oberen Inntal – zwischen Reschenpass und Landeck – haben wir Y-Chromosomen gefunden, die vor 8.000 Jahren dorthin gekommen und dort geblieben sind. Eine Linie geht zum Beispiel von Fließ über den Piller Sattel ins Ötztal. In Landeck findet man diese Linie nicht, weil es damals nicht besiedelt war.

Im Ötztal vererbt der Vater dem Sohn nicht nur das Y-Chromosom, sondern auch den Bauernhof. Parsons Team konnte eine Besiedelung vor tausenden Jahren nachweisen und hat dabei gleich ein paar Verwandte von Ötzi entdeckt. 
Im Ötztal vererbt der Vater dem Sohn nicht nur das Y-Chromosom, sondern auch den Bauernhof. Parsons Team konnte eine Besiedelung vor tausenden Jahren nachweisen und hat dabei gleich ein paar Verwandte von Ötzi entdeckt. 

Und wie kommt die Gletschermumie hier ins Spiel?

Zur selben Zeit wurde die DNA von Ötzi publiziert. Sie weist einige Schlüsselmutationen auf, die sogenannten Ötzimutationen. Bei 19 Tirolern fanden wir dieselben Eigenschaften. Es hat enormes Medieninteresse geweckt, und es gab Leute, die dachten, selbst mit Ötzi verwandt zu sein, weil sie gerne Hafer essen, oder die fanden, ihr Nachbar sieht aus wie Ötzi … das war total kurios.

Nicht nur eine mögliche Verwandtschaft mit Ötzi beschäftigt die Menschen. Was antworten Sie jemandem, der wissen will, ob er oder sie von einer bestimmten Familie abstammt?

Was Menschen an DNA-Analysen oft unterschätzen, ist: Sie müssen mit dem Ergebnis leben. Sie denken vielleicht seit 40 Jahren daran und betreiben dahingehend Ahnenforschung. Mit der DNA-Analyse ist diese Geschichte dann meistens zu Ende.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Esther Pirchner beschäftigt sich beruflich  - aber vor allem begeistert - mit Musik und Kultur.

Esther
Letzte Artikel von Esther Pirchner
Junges Publikum im Fokus: Die Jeunesse ist mit Sonderkonzerten am Nachmittag dabei., © Kreativstadl
Aktualisiert vor 2 Tagen in Kulturleben
Promenadenkonzerte: Der Soundtrack zum Sommerabend
3 Min Lesezeit
heart-of-noise
Aktualisiert am 27.05.2022 in Kulturleben
DJs, VJs und die Avantgarde: Heart of Noise
3 Min Lesezeit
Ein gelungenes Beispiel für den Spagat von hochalpiner Bergwelt und spannendem Design findet sich am Timmelsjoch.
, © Esther Pirchner
Aktualisiert am 15.03.2022 in Kulturleben
10 kleine, feine Museen in Tirol
4 Min Lesezeit
Die Kulturwissenschaftlerin Edith Hessenberger leitet seit 2018 die drei Ötztaler Museen.
Aktualisiert am 19.01.2022 in Kulturleben
Modern und preisgekrönt: 3 Museen für das Ötztal
4 Min Lesezeit
In Leder gebundene Getränkekarte.
Aktualisiert am 06.01.2022 in Kulturleben
Werkstattgespräch: Handwerkskunst aus dem Hause Sanders
3 Min Lesezeit
Otto Grünmandl (1924 - 2000)
Aktualisiert am 23.12.2021 in Kulturleben
Otto Grünmandl – Meister der komischen Kunst
4 Min Lesezeit
Weihnachten in Tirol
Aktualisiert am 20.12.2021 in Kulturleben
Weihnachten in Tirol
4 Min Lesezeit
Feministische, politische oder einfach freche Sprüche auf Porzellan – zugleich witzig und ein Denkanstoß.
Aktualisiert am 15.12.2021 in Kulturleben
Blaue Berge, spruchreifes Porzellan
3 Min Lesezeit
Bernadette Abendstein und Hakon Hirzenberger bringen die große Theaterwelt ins Zillertal
, © Bert Heinzlmeier
Aktualisiert am 17.11.2021 in Kulturleben
So ein Theater! 7 kleine, aber feine Bühnen in Tirol
3 Min Lesezeit
Titelfoto
Aktualisiert am 10.11.2021 in Kulturleben
Lesetipps in 7 Kapiteln: Bücher aus und über Tirol
4 Min Lesezeit
Die Barbakane stammt aus einer Zeit, als Mauern verputzt wurden und daher weniger schön gemauert wurden als in früheren Jahrhunderten.
Aktualisiert am 04.11.2021 in Kulturleben
Burgruine Thaur: Wie man eine Burg ausgräbt
4 Min Lesezeit
Ina Hsu, Foto: Petra Rautenstrauch
Aktualisiert am 27.08.2021 in Kulturleben
Ina Hsu - Die Tiroler Malerin im Porträt
3 Min Lesezeit
Leokino-Leinwand
Aktualisiert am 11.08.2021 in Kulturleben
Kino ist ein unschlagbares Produkt
3 Min Lesezeit
Rebekka Ruetz, Foto: Gerhard Berger
Aktualisiert am 26.07.2021 in Kulturleben
Rebekka Ruetz im Interview: Die Modemacherin
6 Min Lesezeit
„Focus on the good“: Was Tina Hötzendorfer selbst gelingt, gibt sie auch an andere weiter.
Aktualisiert am 18.07.2021 in Kulturleben
Tina Hötzendorfer: Mit feinem Strich und Inspiration
4 Min Lesezeit
75 Plätze bietet das Kellertheater.
Aktualisiert am 17.07.2021 in Kulturleben
Kleine Bühne, großes Theater
3 Min Lesezeit
Defregger Portraits, Foto: Wolfgang Lackner
Aktualisiert am 12.02.2021 in Kulturleben
Defregger, der Unbekannte
3 Min Lesezeit
Wunder Markovics Epo Film
Aktualisiert am 05.01.2021 in Kulturleben
Das Wunder von Wörgl
3 Min Lesezeit
Der Tiroler Karl-Heinz Schütz ist Soloflötist bei den Wiener Philharmonikern.
, © Claudia Prieler
Aktualisiert am 31.12.2020 in Kulturleben
Musik für Millionen zum Jahreswechsel
5 Min Lesezeit
Nach einem zeitgenössischen Porträt entstand dieser Stich. Foto: Wikimedia Commons, Schlesier
Aktualisiert am 10.09.2020 in Kulturleben
Barbara Hundegger: Wort-Landschaften
5 Min Lesezeit
Maximilian I Landsknechte
Aktualisiert am 08.07.2020 in Kulturleben
Dauerausstellung: Maximilian1 - Aufbruch in die Neuzeit
3 Min Lesezeit
Alle Artikel von Esther Pirchner
Keine Kommentare verfügbar
Kommentar verfassen

Einfach weiterlesen

nach oben

Wenn Sie uns Ihre Email-Adresse verraten...

...verraten wir Ihnen im wöchentlichen Newsletter die besten Urlaubstipps aus Tirol!