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Otto Grünmandl (1924–2000): Meister der komischen Kunst

01.03.2021 in Kulturleben

Otto Gruenmandl Brennerarchiv sw-1920x959-1536x767

Vor 20 Jahren starb der Tiroler Kabarettist, Schriftsteller, Radiomacher und Schauspieler Otto Grünmandl – Anlass für ein Porträt.

Text: Esther Pirchner
Titelbild: Brennerarchiv

Oft spendete Otto Grünmandl als Zugabe zu seinen Kabarettprogrammen den ersten aus seinen „Zwei gesammelten Sinnsprüchen“ und zeigte damit, wie man Dichtkunst und feinsinnigen Humor in einem Werk zusammenführt:

Höret, was Erfahrung spricht: Hier ist’s so wie anderswo. Nichts Genaues weiß man nicht, dieses aber ebenso.
Otto Grünmandl, Zwei gesammelte Sinnsprüche, Nr. 1

Denn ein Dichter und Unterhalter, ein Denker und satirischer Geist war Otto Grünmandl in gleichem Maße. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass er seine größte Bekanntheit mit komischer Kunst erreichte. Gern lässt man sich – hier und anderswo – auf hohem Niveau zum Lachen bringen. Als Otto Grünmandl 1976 sein erstes Soloprogramm, den „Einmannstammtisch“, aufführte, feierte er gleich große Erfolge. Für das nächste, „Ich heiße nicht Oblomow“, wurde er zwei Jahre später mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet.

Die Arbeiten mit dem bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt und vor allem mit dem Tiroler Radiomann Theo Peer sind bis heute Legende. Die Alpenländischen Interviews, die Grünmandl und Peer zuerst für den österreichischen Radiosender Ö3 erstellten, wurden bald zu einem TV-Format umfunktioniert – so erfolgreich waren diese kleinen Spielszenen und die Nachfolgereihen, in denen Wissenschaftler ihre genialen, aber verkannten Erfindungen, Touristiker ihre großartigen Werbeideen und Sportler ihre erstaunlichen Erfolge vorstellten. Man denke nur an die Felsenzacken-Schleif- und-Zuspitz-Maschine, die in den Kalkalpen zum Einsatz kommen sollte, oder an die Tischtuchverbrennungsanlage, die Gastgeberinnen der Mühe des Wäschewaschens enthoben hätte. Herzzerreißend waren die Schilderungen des Alpinisten, dessen Kanarienvogel Hansi bei einer Bergtour abgestürzt war, wirtschaftlich überzeugend in Zeiten von Butterbergen die Butterreduktionsmaschine.

 

Lyriker, Hörspielautor, Schauspieler

Trotz ihrer Bekanntheit sind alle diese pointierten Kammerstücke nur ein Bruchteil dessen, was Otto Grünmandl in seinem künstlerischen Leben geschaffen hat. Seine ersten literarischen Erfolge feierte er in den 1950er-Jahren mit Gedichten und Hörspielen. Die Novelle „Ein Gefangener“ wurde 1956 veröffentlicht, er erhielt mehrere Auszeichnungen und der Schauspieler Oskar Werner trug im Radio Grünmandls Gedichte vor. In den 1960er-Jahren bekam Otto Grünmandl eine Anstellung beim Radio, 1972 bis 1981 war er Leiter der Unterhaltungsabteilung im ORF Tirol. 

Otto Grünmandl (1924–2000) mit 7 Jahren.
Foto: Privat, Aglaja Spitaler/Florian Grünmandl
Otto Grünmandl (1924–2000) mit 7 Jahren. Foto: Privat, Aglaja Spitaler/Florian Grünmandl

Bin nämlich Poet.
Otto Grünmandl in einem Brief

Das Schreiben, die Beschäftigung mit Sprache und Text, begleitete Otto Grünmandl ein ganzes Leben lang – angefangen von originell gereimten Inseraten für das Textilgeschäft des Vaters, die die Qualität der dort verkauften Hosen priesen, über Gedichte und Kabaretttexte bis hin zu Hörspielen, Theaterstücken  und Erzählungen reicht die Liste seiner Werke. Während er als Kabarettist und Schauspieler regelmäßig auftrat, gibt es nur eine einzige Aufnahme, in der er seine Gedichte selbst vortrug. Nachlesen kann man sie nun im Buch „Ein Gefangener“, dem ersten Band einer fünfhändigen Werkausgabe.

Noch weiter zurück in der Geschichte

So wie sich im künstlerischen Werk noch vieles entdecken lässt, so konnten auch in der Familiengeschichte Otto Grünmandls erst in den letzten Jahren einige Lücken geschlossen werden. Dahinter steckt das genealogische Interesse von seinem Sohn Florian, der nach dem Tod einer Tante unter anderem Zugang zu Briefen aus den Jahren 1938 bis 1945 erhalten hatte und nach anderen Familienmitgliedern forschte. Ein entfernter Cousin in Haifa steuerte weitere Fotos und Informationen bei. So tat sich nach und nach die Geschichte einer Familie auf, die aus Böhmen nach Hall in Tirol ausgewandert war und dort im Geschäftsleben Fuß fasste.

Otto Grünmandl mit fünf Monaten
Otto Grünmandl mit fünf Monaten

1930 war die Welt noch in Ordnung.
1930 war die Welt noch in Ordnung.

Nur Betty (links) konnte emigrieren.
Nur Betty (links) konnte emigrieren.

Glück, Verfolgung, Neubeginn

Bis 1938 verlebten Otto und seine Geschwister als Kinder eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter in Hall glückliche Jahre. Fotos und Briefe aus jener Zeit, aber auch wunderbar komische Werbetexte, von Otto Grünmandl für das Textilgeschäft des Vaters verfasst, zeugen davon. Im Nationalsozialismus hatte die Familie unter Repressionen zu leiden, das Geschäft des Vaters wurde arisiert. Otto Grünmandl selbst wurde – nachdem sich die Hoffnung auf eine Emigration nach England zu seiner Schwester Betty zerschlagen hatte – noch 1945 als „Halbjude“ zur Zwangsarbeit nach Thüringen verpflichtet. Davon und von „den schwierigen Neuanfängen nach 1945 bis hin zu Otto Grünmandls Durchbruch als Künstler, der – feinsinnig, aberwitzig und hintergründig-böse – immer wieder vor Dummheit und Mitläufertum warnt“, erzählte bis März 2020 eine von zahlreichen Veranstaltungen begleitete Ausstellung im Stadtmuseum Hall, an der Florian Grünmandl als Kurator mitwirkte.

 

„… dann schau ma weiter!“ 

Zu seinem 70. Geburtstag im Mai 1994 lud Otto Grünmandl seine Freunde mit den Worten ein: „Liebe Freunde, wie jedes Jahr lade ich Euch auch heuer zu meinem 70-sten Geburtstag diesbezüglich ein und zwar herzlich.“ Es sollten nur mehr wenige Geburtstage folgen. Im März 2000 starb der Wortkünstler nach langer Krankheit in Hall. Von seinem Kabarettistenkollegen und Freund Gerhard Polt verabschiedete er sich mit den Worten: „Woasch Gerhard, i stirb jetz amal derweil, und dann schau ma weiter!“

Man könnte sagen: Es lag eine gewisse Prophetie darinnen, denn auch 20 Jahre später kann man zumindest an seinem Werk immer noch weiterschauen. Das Haller Kulturlabor Stromboli bringt seit zehn Jahren mit „Otto Grünmandls Zimmertheater“ seine Texte wieder auf die Bühne oder in den Stadtraum und lädt zahlreiche Kleinkünstler zu Auftritten nach Hall ein. 2020 kann man den 96. Geburtstag des großen Künstlers und freundlichen Menschen Otto Grünmandl am 4. Mai zwar nicht in einer öffentlichen Veranstaltung feiern, aber doch jeder für sich. Zu empfehlen ist der Genuss von „Alpenländischen Interviews“ oder dem zweiten seiner gesammelten Sinnsprüche, der wie der erste in keiner Zugabe fehlen durfte

Höret, was Erfahrung spricht: Keine Rose ohne Dornen und kein Schatten ohne Licht und kein Hinten ohne vornen.
Otto Grünmandl, Zwei gesammelte Sinnsprüche, Nr. 2
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