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Kulturautor

Enrique Gasa Valga: Tanz für das beste Publikum

01.03.2021 in Kulturleben

Noche elegante (c) Egger

Seit 2009 leitet Enrique Gasa Valga die Tanzcompany des Tiroler Landestheaters in Innsbruck – ein Interview zum Wiederlesen.

Bilder: Axel Springer, Target Group

Nach mehreren covid-bedingten Verschiebungen sollte Enrique Gasa Valgas Tanzstück „Terra baixa“ Anfang 2021 über die Bühne gehen – aber noch heißt es für Publikum, Tänzer und Tanzchef, sich in Geduld zu üben. In Vorfreude darauf und auf den Operettensommer Kufstein kann man aber schon schwelgen. Das folgende Interview mit Enrique Gasa Valga anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums 2019 als Leiter der Tanzcompany hilft dabei.

Der Gastgarten beim Haus der Musik in Innsbruck, früher Nachmittag. Wenn Enrique Gasa Valga an einem der Tische in der Sonne sitzt oder sonst wo in Innsbruck unterwegs ist, kann es schon einmal passieren, dass ihn eine Passantin oder ein Passant anspricht und ihm für seine Arbeit dankt. „Are you the man, who takes care of our dancers?“, hat ihn unlängst eine Tirolerin gefragt und sich dann für seine Arbeit bei ihm bedankt, erzählt er – und auch, wie sehr er sich darüber gefreut hat. „Sie hat ‚our dancers‘ – ‚unsere Tänzer‘ gesagt und ‚the man, who takes care of‘ – der Mann, der sich um sie kümmert“, meint er lächelnd und beschreibt mit diesem kurzen Satz, wie das Tiroler Publikum die Tanzcompany und ihn als deren Leiter wahrnimmt. Und schon sind wir mittendrin in einem Gespräch über Zuhause-Sein und Tanzkunst, Erfolge und neue Herausforderungen …

Was bedeutet der Begriff „Heimat“ für Sie? Sie selbst arbeiten seit 2003 in Innsbruck – zunächst als Tänzer, dann als Leiter der Tanzcompany – und sind hier sesshaft geworden. In der kommenden Saison haben Sie ein Stück von Angél Guimará aufs Programm gesetzt und bringen dem Tiroler Publikum damit ein Stück Kultur aus Ihrer katalanischen Heimat näher.

Für Tänzer ist „daheim“ das Theater, die Gefühle, die sie haben, und wie sehr sie willkommen sind. Tirol hat mich so sehr willkommen geheißen, dass ich mich nicht stärker zu Hause fühlen könnte als hier. Ich habe oft Stücke aus der österreichischen Kultur gemacht, wie „Mayerling“ oder „Georg Trakl“, diese Auseinandersetzung mit Österreich und Tirol finde ich sehr interessant. Aber irgendwann habe ich mir auch gedacht: Warum sollte ich nicht etwas von meinen Leuten machen? Das ist eine Seite von mir, die ich dem Publikum hier noch nie gezeigt habe. 

Enrique Gasa Valga

Enrique Gasa Valga

Wie der Tanz, so die Gedanken dazu: ernsthaft, aufmerksam, mit Leichtigkeit
Wie der Tanz, so die Gedanken dazu: ernsthaft, aufmerksam, mit Leichtigkeit

Unabhängig davon, wo man lebt, ist das Tanzen ein Metier, in dem man Weltbürger sein muss, an verschiedenen Theatern arbeitet und auf Tournee geht. Ist Tanz also umgekehrt für Orte wie Innsbruck eine Kunstform, mit der man die Welt hereinholen kann?

Die Sprache des Tanzes hat keine Grenzen. Auf der ganzen Welt gibt es Musik und Tanz und in den Ensembles kommen Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Die Beziehung beim Tanzen ist sehr nah, allein durch den physischen Kontakt, und sie erfordert eine besondere Sensibilität. Das Tolle ist, dass sich alle diese Kulturen mischen und dass uns das Tanzen zu einer Familie macht. In meinen Augen ist das eine ideale Gesellschaft.

Die Tanzcompany am Tiroler Landestheater ist nicht nur international besetzt, sie genießt auch internationales Ansehen. In einem früheren Gespräch haben Sie einmal gesagt, in Tirol sei man sich seiner kulturellen Rolle trotzdem gar nicht bewusst und würde sich selbst als eher provinziell wahrnehmen.

Die Tiroler sind etwas zu bescheiden. Sie reisen viel, sind sehr interessiert an der Kultur anderer Länder. Wenn ich ein Stück von Shakespeare oder Goethes „Faust“ verwende, dann wissen sie, was das ist. Sie sind stolz auf „ihr“ Tanzensemble. Zugleich sind die Tiroler auch kritisch, weil sie wissen, was Qualität bedeutet, und auch Qualität erwarten. Ich sehe keinen Unterschied zu einem Publikum in München oder London. 

Una Noche elegante: Eine elegante Nacht in der Saison 2018/19
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A Midsummer Night's Dream: Tanz nach Shakespeare
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Frida Kahlo: Der mexikanischen Malerin widmet Enrique Gasa Valga bereits zum zweiten Mal ein Tanzstück.
Frida Kahlo: Der mexikanischen Malerin widmet Enrique Gasa Valga bereits zum zweiten Mal ein Tanzstück.

Dass die Tiroler auf die Tanzcompany stolz sind, hat viel mit Ihrer Arbeit als Leiter dieses Ensembles und mit Ihren Choreografien zu tun. Woher nehmen Sie die Inspirationen für diese Arbeit?

Das große Glück in meiner Karriere als Tänzer war die Zusammenarbeit mit den besten Leuten, und vieles, was ich jetzt mache, hat mit diesen künstlerischen Eltern  zu tun. Heute beschäftige ich mich weniger mit anderen Produktionen, weil ich meine eigenen Sachen machen möchte, aber so wie jetzt, wenn Choreografen wie Jiří Kylián und Nacho Duato da sind, ist das auch für mich ein tolles Erlebnis.

Welche Stoffe sprechen Sie an?

Am Anfang habe ich versucht, kein typisches Ballett aufs Programm zu setzen wie „Schwanensee“ oder „Giselle“ – das macht man, wenn man viele Karten verkaufen möchte –, sondern ich dachte: Wenn wir es schaffen, mit Produktionen Erfolg zu haben, die außerhalb dieser Ballettnorm stehen, dann haben wir etwas erreicht. Das ist die pragmatische Strategie.

Als Kreativperson entscheide ich meistens komplett intuitiv. Da bin ich Spanier oder Katalane. Wenn ein Film oder ein Buch zu mir spricht, dann sage ich: „Okay, das machen wir!“ – auch wenn ich mir später dann manchmal denke: „O Gott, das ist viel zu schwierig!“ (lacht)

Auch die Talente eines Balletttänzers können mich stark inspirieren – wenn ich zum Beispiel bei jemandem den Eindruck habe, dass er ein perfekter Faust sein könnte. Vieles kommt von meinen Tänzern, von dem, was die Leute anzubieten haben.

Wenn ich heutzutage einen berühmten Choreografen wie Mauro Bigonzetti einlade und er antwortet: „Es ist eine Ehre, in Innsbruck zu arbeiten“, dann zeigt das, wie weit wir gekommen sind.
Enrique Gasa Valga

Die Ballettgala zu Ihrem Zehn-Jahres-Jubiläum ist auch eine Gelegenheit, einen Blick zurück zu werfen. Was ist Ihnen als Highlight(s) dieser Jahre in Erinnerung geblieben?

Ein Highlight für mich ist: Viele Tänzer, die in den letzten zehn Jahren mit uns gearbeitet haben, auch solche, die direkt von der Ausbildung zu uns ins Ensemble gekommen sind, sind in die Welt hinausgegangen und haben Top-Karrieren gemacht. Dass ich dazu einen Teil beigetragen habe, ist ein großer Erfolg. Mit vielen dieser Tänzer bin ich übrigens in Kontakt geblieben – ein bisschen wie ein großer Bruder, den man anruft, wenn man ein Problem hat oder einen besonderen Erfolg feiert. Von diesen früheren Ensemblemitgliedern kommen sechs zur Gala, außerdem andere weltberühmte Tänzer.

Eine Entwicklung, über die ich mich sehr freue, ist der gute Ruf, den sich die Tanzcompany erworben hat. Wenn ich heutzutage einen berühmten Choreografen wie Mauro Bigonzetti einlade und er antwortet: „Es ist eine Ehre, in Innsbruck zu arbeiten“, dann zeigt das, wie weit wir gekommen sind.

Sie inszenieren auch Musiktheater oder Open-Air-Produktionen wie „Gaia – Stubai Mutter Erde“. Besteht dabei ein großer Unterschied zu Choreografien?

Der Unterschied zwischen einem Choreografen und einem Regisseur von Musiktheater oder Schauspiel ist nicht so groß. Du hast eine Bühne und musst eine Welt kreieren und dem Publikum etwas vermitteln. Idealerweise – egal ob Schauspiel, Oper oder Ballett – gehen die Leute mit Gänsehaut nach Hause. Sie sollten lachen und weinen, das ist es, was ich erreichen möchte.

Beim Tanz hast du keine Sprachmöglichkeit, aber du kannst mit Tanz relativ frei deine eigene Geschichte bauen und sehr gut über Emotionen etwas vermitteln. Bei Musical und Oper hast du Text, Gesang und Musik zur Verfügung. Du spielst also mit anderen Elementen und kannst dem Publikum auch durch Sprache etwas vermitteln.

Im Ballettsaal studiert Enrique Gasa Valga die Choreografien mit der Tanzcompany ein.
Im Ballettsaal studiert Enrique Gasa Valga die Choreografien mit der Tanzcompany ein.

Wie gut Sie sich Geschichten ausdenken und dem Publikum vermitteln, lässt sich auch an den zahlreichen Preisen vermitteln, mit denen Ihre Produktionen ausgezeichnet wurden. Freuen Sie sich besonders über diese Art der Anerkennung?

Für mein Ego ist es natürlich top, ich nehme Preise gerne an, es sollten mehr kommen. Aber in der Kunst sind solche Entscheidungen sehr subjektiv. Genauso ist eine schlechte Kritik die Meinung von nur einer einzigen Person und eine Produktion kann heute schlecht bewertet werden und in zwanzig Jahren gut.

Darum nehme ich Erfolg und Fiasko gleich ernst. Über beides solltest du nicht den Kopf verlieren.

Zehn Jahre als Leiter der Tanzcompany in Innsbruck liegen hinter Ihnen, haben Sie schon Pläne für die nächsten Jahre?

Es ist manchmal vorgekommen, dass ein anderes Haus mich engagieren wollte, aber ich habe immer gemerkt, dass ich mit der Arbeit in Innsbruck noch nicht fertig bin. Solange das Publikum mehr von uns will und solange ich sehe, dass sich das Ensemble weiterentwickelt, sehe ich keinen Grund, woanders hinzugehen. Ich habe hier das beste Publikum der Welt.

Dann freuen wir uns auf viele weitere Ihrer Produktionen am Tiroler Landestheater. Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

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