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Zigarren für die Welt: Eine kleine Geschichte des Tabaks in Tirol

Aktualisiert am 11.07.2021 in Kulturleben

Die Schwazer Tabakfabrik war im 19. Jahrhundert eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen, Geld zu verdienen. Maria Heidegger und Marina Hilber begeben sich in ihrem Buch "Zigarren für die Welt" auf die Spuren von pfeifenrauchenden Frauen, edlen Rauchwaren und dem Milliardengeschäft mit dem Tabak.

Zigarren als Kerngeschäft, hier ein Bild aus spätere Jahren, als bereits eine maschinelle Produktion bestand.
Foto: Tyrolia Verlag
Zigarren als Kerngeschäft, hier ein Bild aus spätere Jahren, als bereits eine maschinelle Produktion bestand. Foto: Tyrolia Verlag

Wie man auf die Besetzer pfeift

1809, zur Zeit der Tiroler Erhebung gegen Franzosen und Bayern, rauchten Bauern und Soldaten Pfeife, während die feine Gesellschaft den Schnupftabak vorzog. Ihre Nähe zur bäuerlichen Bevölkerung und den Tiroler Rebellen betonten Freifrau von Sternbach und Anna Jäger, indem sie Pfeife rauchten.

Pfeiferauchen war für Frauen im bäuerlichen Mileu 1809 nichts Ungewöhnliches.
Foto: Schloss Freundsberg
Pfeiferauchen war für Frauen im bäuerlichen Mileu 1809 nichts Ungewöhnliches. Foto: Schloss Freundsberg

Der Anfang – ein Ende

Für die Schwazer Bevölkerung ging das Jahr der Rebellion übrigens nicht gut aus: Ein Feuer erfasste bei Kämpfen 440 Häuser. Ihre Brandruinen blieben jahrelang stehen, der Ort verarmte. Erst die Gründung der Tabakfabrik 1830 verschaffte der verarmten Stadt wieder Arbeit.

Erinnerungstafel (c) H. Millonig

Eine Fabrik der Frauen

Frauen hatten in Schwaz im 19. Jahrhundert kaum Möglichkeiten, Arbeit zu finden, daher heuerten gleich zu Beginn viele von ihnen in der Tabakfabrik an. Als billige Arbeitskräfte waren sie dort willkommen und wurden rasch angelernt. Das erste Produkt waren Tabakgespunste – in Handarbeit zu Strängen verdrehte und aufgerollte Tabakblätter, die sich die Endverbraucher selbst zu Pfeifentabak schnitten.

Von Anfang an arbeiteten vor allem Frauen in der Tabakfabrik. Bestimmte Arbeiten wie die Bedienung elektrischer Maschinen blieben meist zuerst den Männern vorbehalten, wurden dann aber – allein schon aus Kostengründen – ebenfalls von weiblichen Arbeitskräften ausgeführt.
Foto: Tyrolia Verlag
 
Von Anfang an arbeiteten vor allem Frauen in der Tabakfabrik. Bestimmte Arbeiten wie die Bedienung elektrischer Maschinen blieben meist zuerst den Männern vorbehalten, wurden dann aber – allein schon aus Kostengründen – ebenfalls von weiblichen Arbeitskräften ausgeführt. Foto: Tyrolia Verlag  

Zigarren für die bürgerliche Revolution

Weitere Produkte kamen dazu: zuerst Kübeltabak – in Kübeln gepresster Rauchtabak – und Kautabak, beides nach geheimen Rezepturen. Rund um die Revolution von 1848 verbreitete sich das Zigarrenrauchen – als Ausdruck einer liberalen Gesinnung – immer mehr. Da traf es sich gut, dass die Schwazer Fabrik ab 1847/48 auch Zigarren herstellte. Auch diese Arbeit ging bald in die Hände von Frauen über, während das Rauchen für Frauen im 19. Jahrhundert zunehmend verpönt war. Bald schon stieß die Fabrik an ihrer Kapazitätsgrenzen und musste ausgebaut werden, wie das Bild von 1880 zeigt.

Tabakfabrik Schwaz um 1880
Bild: Schloss Freundsberg, Walter Graf
Tabakfabrik Schwaz um 1880 Bild: Schloss Freundsberg, Walter Graf

Soziales, Strom und Zigaretten

Kurz nach 1900 wurden manche Maschinen in der Tabakfabrik erstmals elektrisch betrieben, das Rollen der Zigarren blieb aber Handarbeit. Zigaretten, die immer mehr in Mode kamen, konnten aber schon maschinell produziert werden. 70 Millionen jährlich waren es um 1900. Um dieselbe Zeit kamen auch Wohlfahrtseinrichtungen zur Schwazer Tabakfabrik dazu: ein Arbeiterbad, eine Leihbibliothek und eine Wärmeküche.

Mit der Zeit konnten immer mehr Arbeiten maschinell erledigt werden, beispielsweise das Spinnen des Gespunsts.
Foto: Tyrolia Verlag
Mit der Zeit konnten immer mehr Arbeiten maschinell erledigt werden, beispielsweise das Spinnen des Gespunsts. Foto: Tyrolia Verlag

Wie man durch schwierige Zeiten kommt

Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit setzten der Wirtschaft und somit auch der Tabakproduktion stark zu. Während die Zigarettenproduktion in Schwaz eingestellt wurde, setzte man wieder auf das Kerngeschäft mit Gespunsten, Zigarren und Pfeifentabak. Die Sozialleistungen wurden erweitert: Ab Ende der 1920er-Jahre gab es einen Betriebsarzt, eine Betriebskrankenkasse, Hebammenbeistand und Arbeiterwohnhäuser wurden errichtet. Nazizeit und Zweiten Weltkrieg überstand das Werk – trotz massiver Einflussnahme des NS-Regimes – relativ unbeschadet.

Tabakfabrik Schwaz 01

Aufschwung und Niedergang

Den Aufschwung in den Jahrzehnten nach dem Krieg begleiteten der Ausbau der maschinellen Produktion und der Siegeszug der Zigarette. An „Johnny“, „Flirt“ und „Falk“ aus der Schwazer Produktion erinnern sich noch viele ehemalige Raucher:innen, „Milde Sorte“ und „Memphis“ entwickelten sich zu Verkaufsschlagern. Nach wie vor arbeiteten 80 Prozent Frauen in der Fabrik, Einkommen und Sozialleistungen waren überdurchschnittlich gut. Sogar eine Krise in den 70ern überstand der Betrieb und ging gestärkt daraus hervor – erst die Privatisierung und der Verkauf an einen britischen Konzern 2001 besiegelte das Ende des Standorts.

Erinnerung an die einstige Tabakfabrik im heutigen Einkaufszentrum "Stadtgalerien Schwaz". 
Erinnerung an die einstige Tabakfabrik im heutigen Einkaufszentrum "Stadtgalerien Schwaz". 

Tabakfabrik Schwaz

Zu Spitzenzeiten hatte die Schwazer Tabakfabrik 1.200 Beschäftigte und produzierte 5,5 Milliarden Zigaretten pro Jahr. 2005 wurde die Fabrik geschlossen, das Areal veräußert und dort schließlich das SZentrum – ein großes Einkaufszentrum mit Veranstaltungssaal – errichtet. Im Inneren hält ein von Helmut Millonig gestalteter Erinnerungsort das Gedenken an die Produktionsstätte wach. 

Esther Pirchner beschäftigt sich beruflich  - aber vor allem begeistert - mit Musik und Kultur.

Esther
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