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Kulturautor

Die Tabakfabrik in Schwaz: Wo einst der blaue Rauch aufging …

01.03.2021 in Kulturleben

Tabakfabrik Schwaz 01

Von pfeifenrauchenden Frauen, edlen Rauchwaren und einer Milliardenproduktion in Schwaz/Tirol erzählt das Buch „Tiroler Zigarren für die Welt“.

175 Jahre lang war die Tabakfabrik in Schwaz ein wichtiger  Wirtschaftsfaktor in der einstigen Silberstadt. Maria Heidegger und Marina Hilber begeben sich in ihrem 2021 erschienenen Buch auf die Spuren der Tabakfabrik – und gewähren ganz nebenbei Einblick in eine Geschichte von Arbeit, sozialem Leben und einem geliebten und umstrittenen Genussmittel.

Wie man auf die Besetzer pfeift

Pfeiferauchen war für Frauen im bäuerlichen Mileu 1809 nichts Ungewöhnliches.
Foto: Schloss Freundsberg
Pfeiferauchen war für Frauen im bäuerlichen Mileu 1809 nichts Ungewöhnliches. Foto: Schloss Freundsberg

1809, zur Zeit der Tiroler Erhebung gegen Franzosen und Bayern, rauchten Bauern und Soldaten Pfeife, während die feine Gesellschaft den Schnupftabak vorzog. Ihre Nähe zur bäuerlichen Bevölkerung und den Tiroler Rebellen betonten Freifrau von Sternbach und Anna Jäger, indem sie Pfeife rauchten.

Der Anfang – ein Ende

Erinnerungstafel (c) H. Millonig

Für die Schwazer Bevölkerung ging das Jahr der Rebellion übrigens nicht gut aus: Ein Feuer erfasste bei Kämpfen 440 Häuser. Ihre Brandruinen blieben jahrelang stehen, der Ort verarmte. Erst die Gründung der Tabakfabrik 1830 verschaffte der verarmten Stadt wieder Arbeit.

Eine Fabrik der Frauen

Von Anfang an arbeiteten vor allem Frauen in der Tabakfabrik. Bestimmte Arbeiten wie die Bedienung elektrischer Maschinen blieben meist zuerst den Männern vorbehalten, wurden dann aber – allein schon aus Kostengründen – ebenfalls von weiblichen Arbeitskräften ausgeführt.
Foto: Tyrolia Verlag
 
Von Anfang an arbeiteten vor allem Frauen in der Tabakfabrik. Bestimmte Arbeiten wie die Bedienung elektrischer Maschinen blieben meist zuerst den Männern vorbehalten, wurden dann aber – allein schon aus Kostengründen – ebenfalls von weiblichen Arbeitskräften ausgeführt. Foto: Tyrolia Verlag  

Frauen hatten in Schwaz im 19. Jahrhundert kaum Möglichkeiten, Arbeit zu finden, daher heuerten gleich zu Beginn viele von ihnen in der Tabakfabrik an. Als billige Arbeitskräfte waren sie dort willkommen und wurden rasch angelernt. Das erste Produkt waren Tabakgespunste – in Handarbeit zu Strängen verdrehte und aufgerollte Tabakblätter, die sich die Endverbraucher selbst zu Pfeifentabak schnitten.

Zigarren für die bürgerliche Revolution

Tabakfabrik Schwaz um 1880
Bild: Schloss Freundsberg, Walter Graf
Tabakfabrik Schwaz um 1880 Bild: Schloss Freundsberg, Walter Graf

Weitere Produkte kamen dazu: zuerst Kübeltabak – in Kübeln gepresster Rauchtabak – und Kautabak, beides nach geheimen Rezepturen. Rund um die Revolution von 1848 verbreitete sich das Zigarrenrauchen – als Ausdruck einer liberalen Gesinnung – immer mehr. Da traf es sich gut, dass die Schwazer Fabrik ab 1847/48 auch Zigarren herstellte. Auch diese Arbeit ging bald in die Hände von Frauen über, während das Rauchen für Frauen im 19. Jahrhundert zunehmend verpönt war. Bald schon stieß die Fabrik an ihrer Kapazitätsgrenzen und musste ausgebaut werden, wie das Bild von 1880 zeigt.

Soziales, Strom und Zigaretten

Mit der Zeit konnten immer mehr Arbeiten maschinell erledigt werden, beispielsweise das Spinnen des Gespunsts.
Foto: Tyrolia Verlag
Mit der Zeit konnten immer mehr Arbeiten maschinell erledigt werden, beispielsweise das Spinnen des Gespunsts. Foto: Tyrolia Verlag

Kurz nach 1900 wurden manche Maschinen in der Tabakfabrik erstmals elektrisch betrieben, das Rollen der Zigarren blieb aber Handarbeit. Zigaretten, die immer mehr in Mode kamen, konnten aber schon maschinell produziert werden. 70 Millionen jährlich waren es um 1900. Um dieselbe Zeit kamen auch Wohlfahrtseinrichtungen zur Schwazer Tabakfabrik dazu: ein Arbeiterbad, eine Leihbibliothek und eine Wärmeküche.

Wie man durch schwierige Zeiten kommt

Zigarren als Kerngeschäft, hier ein Bild aus spätere Jahren, als bereits eine maschinelle Produktion bestand.
Foto: Tyrolia Verlag
Zigarren als Kerngeschäft, hier ein Bild aus spätere Jahren, als bereits eine maschinelle Produktion bestand. Foto: Tyrolia Verlag

Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit setzten der Wirtschaft und somit auch der Tabakproduktion in Österreich stark zu. Während die Zigarettenproduktion in Schwaz eingestellt wurde, setzte man wieder auf das Kerngeschäft mit Gespunsten, Zigarren und geschnittenem Pfeifentabak. Ein Umbau in den 1920er-Jahren brachte unter anderem eine Dampfheizung, eine neue Küche und drei Speisesäle. Die Sozialleistungen wurden erweitert: Ab Ende der 1920er-Jahre gab es einen Betriebsarzt und eine Betriebskrankenkasse, Hebammenbeistand für Schwangere – und sogar Arbeiterwohnhäuser wurden errichtet. Nazizeit und Zweiten Weltkrieg überstand das Werk – trotz massiver Einflussnahme des NS-Regimes – relativ unbeschadet.

Erfolg mit der „Milden“

Die Verpackung erfolgte ebenso maschinell (Bild) wie die Produktion von Zigaretten. Bis zu 5,5, Milliarden Stück verließen pro Jahr das Werk.
Foto: Tyrolia Verlag
Die Verpackung erfolgte ebenso maschinell (Bild) wie die Produktion von Zigaretten. Bis zu 5,5, Milliarden Stück verließen pro Jahr das Werk. Foto: Tyrolia Verlag

Den Aufschwung in den Jahrzehnten nach dem Krieg begleiteten der Ausbau der maschinellen Produktion und der Siegeszug der Zigarette. An „Johnny“, „Flirt“ und „Falk“ aus der Schwazer Produktion erinnern sich noch viele ehemalige Raucher, „Milde Sorte“ und „Memphis“ entwickelten sich zu echten Verkaufsschlagern. Nach wie vor arbeiteten 80 Prozent Frauen in der Fabrik, Einkommen und Sozialleistungen waren überdurchschnittlich gut. Sogar eine Krise in den 70ern überstand der Betrieb und ging gestärkt daraus hervor – erst die Privatisierung und der Verkauf an einen britischen Konzern 2001 besiegelte das Ende des Standorts.

Das Ende – eine Erinnerung

Erinnerung an die Tabakfabrik
Erinnerung an die Tabakfabrik

Zu Spitzenzeiten hatte die Tabakfabrik 1.200 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt, 5,5 Milliarden Zigaretten pro Jahr produziert. 2005 wurde sie geschlossen, das Areal veräußert und dort schließlich das SZentrum – ein großes Einkaufszentrum mit Veranstaltungssaal – errichtet. Drinnen hält ein von Helmut Millonig künstlerisch gestalteter Erinnerungsort das Gedenken an die wichtige Produktionsstätte wach. Wer sich für die Geschichte des Tabaks in Tirol, die Arbeitsbedingungen und die Rolle der Fabrik im sozialen Gefüge von Schwaz interessiert, kommt um das Buch „Tiroler Zigarren für die Welt“ von Maria Heidegger und Marina Hilber nicht herum.  

Tiroler Zigarren für die Welt

Die Geschichte der Schwazer Tabakfabrik 1830–2005

von Maria Heidegger
und Marina Hilber

168 Seiten
mit 67 farbigen und 76 Schwarzweiß-Abbildungen
Innsbruck-Wien 2021

ISBN 978-3-7022-3912-1

Tyrolia.at

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