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Jedem Dorf sein Lift

Aktualisiert am 26.11.2020 in Sport

Dorflift Flirsch (c) TVB St. Anton am Arlberg
Dorflift Flirsch (c) TVB St. Anton am Arlberg

In etwa jeder zweiten Tiroler Gemeinde findet man noch ein ganz spezielles Kleinod: den Dorflift, liebevoll auch Bürgermeisterlift genannt. Ein Plädoyer.

Früher war das so: von der Schule heim, Skizeug anziehen und ab zum Dorflift. Die Hausaufgaben mussten warten, bis es dämmerte und sich die Finger zuhause wieder aufgewärmt hatten. Meine Mutter hat derweil wahrscheinlich Kaffee getrunken und Zeitschriften gelesen (viel wahrscheinlicher war sie mit dem Haushalt beschäftigt, aber das ist eine andere Geschichte), mitgehen durfte sie jedenfalls nicht. Denn der Nachmittag beim „Schlepper“ hat nur uns Kindern gehört, der Liftinger und ein paar anwesende Erwachsene haben schon auf uns aufgepasst. So waren wir wundervolle Nachmittage lang mit Schanzenbau (Tipps und Tricks sowie entsprechende Schaufeln gab‘s vom Liftwart), Wettrennen und dem Üben von Kunststücken beschäftigt und haben die große Freiheit am Bürgermeisterlift genossen.

Warum der Dorflift im Volksmund Bürgermeisterlift heißt, ist schnell erklärt: nicht selten werden die Schlepplifte nämlich von den Gemeinden selbst erhalten, um den ortsansässigen Kindern das Skifahren mit möglichst niedriger Zugangsschwelle zu ermöglichen. Oft setzt sich der jeweilige Bürgermeister persönlich für den Erhalt des (meist) alten Schlepplifts ein. Manche der 120 Dorflifte werden auch von Tourismusverbänden oder Bürgerinitiativen getragen und das, wie ich finde, absolut zurecht! Denn auch, wenn man hier vergeblich nach schier endlosen Pistenkilometern und beheizten Sesselliften sucht, der Dorflift kann mehr, als man auf den ersten Blick vermuten möchte.

1 . Dorflifte sind (meistens) alt, aber sicher

So mancher Dorflift mag noch Hippies befördert haben, aber keine Angst: unsicher macht sie das deswegen nicht. Mal abgesehen davon, dass die Lifte ohnehin regelmäßig geprüft und gewartet werden, zeigt die Seilbahnstatistik der Republik Österreich auch, dass sich an Schleppliften kaum Unfälle ereignen – schwere schon gar nicht.

Auch der Dorfberglift in Kartitsch wurde in den 1960er Jahren erbaut. (c) Osttirol WerbungAuch der Dorfberglift in Kartitsch wurde in den 1960er Jahren erbaut. (c) Osttirol Werbung

2. Der Dorflift geht auch, wenn’s mehr Kinder als Erwachsene sind

Mit zwei Kindern im Alter von 4 und 6 Jahren stehe ich oft vor der Herausforderung einer ordentlichen Freizeitgestaltung, die ich auch alleine bewältigen kann. Da bleibt im Winter neben Eislaufplatz, Waldgängen und Spielplatz nicht viel, denn ganz ehrlich: alleine mit den Jungs auf den Sessellift geht gar nicht. Ein Hoch daher auf den Dorflift, denn das Schleppliftfahren haben die Kids recht schnell gelernt. So sind wir alle an der frischen Luft, ich kann sogar mal gemütlich beim Lifthaus sitzen, während die Jungs rauf und runter sausen und die Kinder gewinnen obendrein eine ordentliche Portion Selbstvertrauen dazu, weil sie schon „alleine“ Skifahren gehen können.

?halleluja, jetzt fährt der kleine auch schon selbst mitm #tellerlift #schlepplift #skifahrenmitkindern A post shared by Julia König (@jules_koenig) on Jan 18, 2017 at 12:16am PST

3. Der Dorflift ermöglicht große Freiheit für kleine Skifahrer

Eine der größten Vorteile des Dorflifts ist auch, dass er so wunderbar überschaubar ist. Es gibt einen Lift, eine flache Piste und fertig. Da können Nachwuchsskifahrer schon mal eine Abfahrt ohne elterliche Aufsicht wagen und sich so richtig groß fühlen. Und weil der Dorflift ja auch so familiär ist, ist auch immer wer zur Stelle, der im Fall helfen kann.

Skifahrer und Rodler in friedlicher Koexistenz beim Skilift in Trins. Nicht im Bild: der skilifteigene Eislaufplatz weiter links. (c) TVB Wipptal/Joakim StricknerSkifahrer und Rodler in friedlicher Koexistenz beim Skilift in Trins. Nicht im Bild: der skilifteigene Eislaufplatz weiter links. (c) TVB Wipptal/Joakim Strickner

4. Übung macht den Meister

Ganz klar: wenn man den ganzen Tag immer wieder den gleichen Hang fährt, muss man sich irgendwann nicht mehr um die Orientierung kümmern, sondern kann sich ganz auf die eigene Technik und deren Feinschliff konzentrieren. Kunststücke eingeschlossen.

Skilift Easpen: Runter von der Schleppspur und ab zur Schanze. Und das am besten „Tausendhundertmal“. (c) Kaunertal TourismusSkilift Easpen: Runter von der Schleppspur und ab zur Schanze. Und das am besten „Tausendhundertmal“. (c) Kaunertal Tourismus

5. Dorflifte haben nichts zu bieten? Von Wegen!

Dass es am Dorflift nur einen Hang gibt, heißt nicht, dass er nicht auch einiges zu bieten hätte! Einige der Lifte verfügen über Flutlichtanlagen, künstliche Beschneiung und kindgerechte Funparks und wenn die Ski ein paar Minuten Pause brauchen, kann sich der Nachwuchs auf den zugehörigen Winterspielplätzen, Rodelhügeln oder Eislaufplätzen austoben oder sich in den Wärmestuben ausrasten.

Grünberglift in Obsteig: Zauberteppich, Schlepplift und dazwischen ganz viel Platz zum Üben.Grünberglift in Obsteig: Zauberteppich, Schlepplift und dazwischen ganz viel Platz zum Üben.

6. Aller Anfang ist der Dorflift

Fast jeder Tiroler hat das Skifahren am Dorflift gelernt und wenn auch nicht jeder später in den Skiolymp aufgestiegen ist, so liest sich die Liste jener Profis, deren Karriere am Dorflift ihren Anfang genommen hat, wie das Who-is-Who des Skirennzirkus: Niki Hosp (Karlift Heiterwang), Benni Raich (Galtwiesenlift Wald), Günther Foidl (Hausberglift Waidring) und Mario Matt (Skilift Flirsch) (um nur wenige zu nennen).

Klein aber oho: am Dorflift in Flirsch haben die Gebrüder Matt ihre ersten Schwünge auf dem Weg zum Weltmeistertitel gewagt. (c) TVB St. Anton am ArlbergKlein aber oho: am Dorflift in Flirsch haben die Gebrüder Matt ihre ersten Schwünge auf dem Weg zum Weltmeistertitel gewagt. (c) TVB St. Anton am Arlberg

7. Am Dorflift gibts Skivergnügen für kleines Geld

Wer sich für einen Tag am Dorflift entschieden hat, muss nicht tief ins Geldbörserl greifen: die Tageskarten sind bereits ab € 5,- (Kinder) bzw. € 8,- zu haben. Manchmal kosten sie sogar gar nichts. So bleiben auch die Ausgaben für einen Familienskiurlaub im Rahmen. Und der Kaiserschmarrn geht sich auch noch aus.

Die Preise für das Tagesticket kosten beim Waidringer Hausberglift zwischen 13 und 25 Euro – dafür gibts sogar einen Kinderfunpark. (c) TVB Pillerseetal/Anita LohingerDie Preise für das Tagesticket kosten beim Waidringer Hausberglift zwischen 13 und 25 Euro – dafür gibts sogar einen Kinderfunpark. (c) TVB Pillerseetal/Anita Lohinger

Fazit

Ich genieße es, als Tirolerin die Qual der Wahl zu haben und zwischen vielen Top-Skigebieten pendeln zu können. Nichtsdestotrotz liebe ich die Tage an den Kleinliftanlagen sehr, denn durch das konzentrierte Angebot kann ich mit den Kindern sehr entschleunigte, stressfreie und doch abwechslungsreiche Tage im Freien erleben. Argument für die Dorflifte sind natürlich auch die unschlagbar niedrigen Preise, die einen Skitag für die ganze Familie finanzierbar machen. Ich bin jedenfalls froh, dass sich doch noch einige der Dorflifte – auch dank sehr engagierter Initiativen – erhalten konnten und so das Freizeitlandschaft Tirols bereichern.

Perfekt für einen entspannten Skinachmittag und mein persönlicher Lieblingslift: die Kasererwiese in Igls (c) Tirol Werbung/Julia KönigPerfekt für einen entspannten Skinachmittag und mein persönlicher Lieblingslift: die Kasererwiese in Igls (c) Tirol Werbung/Julia König

Download

Ich habe eine (sehr unvollständige) Liste der Tiroler Dorflifte erstellt, die ich laufend aktualisieren werde. Wieder mal vorbeischauen lohnt sich ;-)

Julia König bändigt zwei kleine, aber umso wildere Jungs und ist deshalb in ihrer freien Zeit viel mit ihrer Familie in der Natur unterwegs. Sie hat die besten Tipps zu Abenteuerspielplätzen und Ausflugszielen.

Julia
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