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Auf sich selbst hören

Aktualisiert am 27.04.2022 in Sport

Auf sich selbst hören

Text: Simon Leitner, Bild: Johannes Mair/Alpsolut

Nach fast sechs Jahren als professioneller Monoskifahrer verkündete Simon Wallner vergangenes Jahr überraschend das Ende seiner Laufbahn. Nur wenige Monate zuvor hatte sport.tirol den Volderer noch beim Training begleitet. Ein Rückblick auf eine außergewöhnliche Karriere.

Februar 2019. Simon Wallner gibt, mitten in der laufenden Saison, offiziell das Ende seiner Karriere als Monoskifahrer bekannt. Die Schmerzen in seiner rechten Schulter, so der 32-Jährige, seien mittlerweile einfach zu groß – und das Risiko, bei weiterer intensiver Beanspruchung vielleicht sogar bleibende Schäden davonzutragen, ebenso. „Natürlich hätte ich die Saison gerne noch beendet“, erklärt Wallner. „Aber in diesem Fall musste ich auf meinen Körper hören. Die Gesundheit geht vor, ich möchte mich für die Zukunft nicht zusätzlich einschränken.“ Als Querschnittsgelähmter dürfe er sich der Gefahr, seinen Arm eventuell nicht mehr voll einsetzen zu können, schlichtweg nicht aussetzen.

Mit den Schulterproblemen hatte Wallner zwar schon lange zu kämpfen – im Grunde waren sie seit Beginn seiner sportlichen Laufbahn ständiger Begleiter –, doch in diesem Jahr haben seine Leistungen einfach zu sehr darunter gelitten. Bereits während der Saisonvorbereitung war der Tiroler immer wieder auf Physiotherapie angewiesen, wodurch er viel weniger Zeit ins eigentliche Training investieren konnte. Das hat sich schlussendlich auch in den Ergebnissen niedergeschlagen, zuletzt etwa bei der Weltmeisterschaft im slowenischen Kranjska Gora, bei der Wallner deutlich hinter seinen Erwartungen blieb. Deswegen sei die Entscheidung, sich vom Profisport zurückzuziehen, am Ende zwar nicht leicht, aber doch zumindest leichter gefallen – auch wenn er kurz vor dem Start der Saison freilich noch nicht damit gerechnet hatte, dass diese für ihn früher vorbei sein sollte als geplant.

Im Dezember 2018 war Simon Wallner gemeinsam mit dem österreichischen Nationalteam zum Trainieren am Stubaier Gletscher. Damals zeigte sich der Tiroler noch topmotiviert.
Im Dezember 2018 war Simon Wallner gemeinsam mit dem österreichischen Nationalteam zum Trainieren am Stubaier Gletscher. Damals zeigte sich der Tiroler noch topmotiviert.

Die Vorbereitung

Oktober 2018. Wallner trainiert im Innsbrucker Olympiazentrum für die anstehenden Weltcuprennen, deren erstes Mitte November stattfindet. Der Tiroler, der diesen Winter in seine dritte Weltcupsaison geht, ist hochmotiviert und zuversichtlich, sich weiter verbessern zu können. Seine Ziele sind klar definiert: Er will sich in den Top Ten etablieren und bei der WM im Januar ein gutes Ergebnis erzielen. Dafür arbeitet er hart an seiner Fitness, auch an diesem Tag, an dem Schnellkraft und Koordination im Fokus stehen.

Nach einer kurzen Aufwärmphase beginnt für Wallner das eigentliche Training. Unterstützt wird er dabei von Antonio, dem ihm zugewiesenen Trainer im Olympiazentrum, der gemeinsam mit ihm verschiedene Übungen durchführt und ihn immer wieder an seine Grenzen bringt. Das zeigt sich nicht zuletzt beim Seilklettern, das heute ebenso auf dem Programm steht wie Einheiten mit dem Medizinball oder diversen Hanteln. Nach einigen Durchgängen fragt Antonio seinen Schützling, scheinbar beiläufig, ob dieser es nicht auch zweimal direkt hintereinander schaffe, das Seil zu erklimmen. Wallner wirkt erst etwas überrascht, nimmt die Herausforderung dann aber an – und bringt es tatsächlich fertig, klettert rauf, wieder runter, dann sofort wieder rauf, und schließlich nochmal runter. Und während dieser ganzen Zeit denkt niemand auch nur entfernt daran, dass Wallner seine Beine nicht mal dann zu Hilfe nehmen könnte, wenn er es wollte.

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Das Trockentraining absolvierte Wallner hauptsächlich im Innsbrucker Olympiazentrum.

© privat/Olympiazentrum
Das Trockentraining absolvierte Wallner hauptsächlich im Innsbrucker Olympiazentrum. © privat/Olympiazentrum

Der Unfall

Juni 2011. Wallner ist mit seinem Motorrad unterwegs, diesmal auf einer Tour in Südtirol. Am Pensenjoch passiert es schließlich: Das Vorderrad rutscht weg, und Wallner kracht ungebremst in eine Leitplanke. „Ich war bei vollem Bewusstsein und habe sofort gemerkt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist“, sollte er im Nachhinein erklären. „Ich konnte den unteren Teil meines Körpers nicht mehr bewegen und spürte auch nichts mehr. Als wäre ich zweigeteilt.“ Die Diagnose, Querschnittslähmung ab TH5, ist für den Tiroler erst mal ein Schock. Ihm fallen unwillkürlich sofort all jene Dinge ein, die er künftig nicht mehr machen kann – etwa dass er, ein begeisterter Sportler, nie wieder in der Lage dazu sein wird, Fußballspielen oder Skifahren gehen zu können.

„Ich war bei vollem Bewusstsein und habe sofort gemerkt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist.“ Simon Wallner

Doch schon kurz nach dem Unfall hat Wallner den Blick wieder nach vorne gerichtet. Er schreibt sich, als erster Rollstuhlfahrer überhaupt, für ein Sportstudium an der Universität Innsbruck ein und versucht sich an verschiedenen Sportarten. Dabei probiert er, wie er sagt, wirklich alles Mögliche aus, die Bandbreite reicht von Tennis über Rollstuhlbasketball bis hin zum Handbike. Aber nichts davon scheint richtig zu ihm zu passen, bis er schließlich den Monoski für sich entdeckt und ein konkretes Ziel ins Auge fasst: als professioneller Skifahrer an Olympischen Winterspielen teilzunehmen.

Die ersten Versuche mit dem ungewohnten Sportgerät sind allerdings alles andere als vielversprechend, denn der Umgang mit dem Monoski gestaltet sich um ein Vielfaches schwieriger, als Wallner erwartet hat. „Es ist vom Gefühl einfach etwas ganz was anders als mit normalen Skiern“, erläutert er. „Die grundlegende Herangehensweise ist zwar bis zu einem gewissen Grad ähnlich, aber fahrtechnisch gibt es große Unterschiede. Man darf beispielsweise nicht zu nah an die Stangen ranfahren und muss viel weiter ausholen, darüber hinaus steuert man nur mit den Schultern und den Händen, was extrem anstrengend ist.“

Wallner gibt jedoch nicht auf und macht zunehmend Fortschritte. 2012 tritt er im Rahmen der deutschen Meisterschaften bei seinem ersten Rennen an, nicht lange danach fährt er bereits im Europacup und schließlich im Weltcup mit, wobei er sowohl im Slalom und im Riesenslalom  als auch im Super-G antritt. Sein langfristiges Ziel, Olympia, verliert er dabei jedoch nie aus den Augen, im Gegenteil – es spornt ihn immer wieder aufs Neue an, weiterzumachen und sich zu verbessern.

 

Der Höhepunkt

März 2018. Sieben Jahre nach seinem Unfall ist es schließlich soweit: Wallner wird ins österreichische Aufgebot für die Paralympics im südkoreanischen Pyeongchang berufen. Damit geht ein Traum für den Volderer in Erfüllung, der die Teilnahme als größten Erfolg in seiner Karriere ansieht. „Es war nicht nur mein erklärtes Ziel als Monoskifahrer, sondern bereits ein Kindheitswunsch von mir. Ich habe schon immer davon geträumt, einmal bei Olympischen Spielen dabei sein zu dürfen“, erzählt Wallner, der auch ein Jahr später noch eine Gänsehaut bekommen wird, wenn er von seinen Erlebnissen in Südkorea spricht. Dass es aus sportlicher Sicht nicht so läuft wie erhofft – er wird nur 17. im Riesentorlauf und stürzt beim Super-G –, kann er deshalb leicht verschmerzen. Für ihn sind allein die Erfahrung und die Möglichkeit, den olympischen Geist hautnah mitzuerleben, die Reise und alle Mühen wert.

Auch seiner Reputation als Sportler schadet der Rückschlag bei Olympia scheinbar wenig. Denn nur einen Monat später darf Wallner die Auszeichnung zum österreichischen Behindertensportler des Jahres 2017 entgegennehmen. Die Laudatio hält dabei sein Freund Gregor Schlierenzauer, den er beim Training im Innsbrucker Olympiazentrum kennengelernt hat und mit dem er seitdem eng befreundet ist. „Das war ein wunderschöner, aber auch sehr emotionaler Moment für mich“, gibt Wallner im Anschluss zu. „Durch Gregors Rede hat mich nämlich meine ganze Vergangenheit, alles, was ich bis dahin erlebt habe, wieder eingeholt.“

Nach seinem Unfall musste sich Wallner erst an den Umgang mit dem Monoski gewöhnen. Die Steuerung erfolgt bei ihm ausschließlich über Schultern und Hände.
Nach seinem Unfall musste sich Wallner erst an den Umgang mit dem Monoski gewöhnen. Die Steuerung erfolgt bei ihm ausschließlich über Schultern und Hände.

Der Neuanfang

Februar 2019. Nun hat sich Wallner also dazu entschieden, mit dem Monoskifahren aufzuhören. Obwohl er sich aufgrund seiner Schulterprobleme in letzter Zeit bereits des Öfteren mit dem Gedanken getragen habe, sei ihm der endgültige Schritt dennoch nicht leichtgefallen, wie er sagt. „Ich habe wirklich lange hin und her überlegt und mich gefragt, ob ich nicht einen Fehler begehe“, so Wallner. „Zum einen, weil ich ja nach wie vor gerne mit dem Monoski unterwegs bin, zum anderen, weil meine Zeit als Profi wunderschön war.“ Insbesondere der Gedanke daran, was er in diesen Jahren alles erlebt hat und was er, sollte er weitermachen, vielleicht noch erleben könnte, hat den Tiroler lange zögern lassen.

„Sport war für mich eigentlich von Anfang an eine Strategie, um mit meiner Einschränkung umzugehen.“ Simon Wallner

Seine Zeit als professioneller Monoskifahrer behält Wallner in jedem Fall in guter Erinnerung, nicht zuletzt, weil er dadurch viele neue Dinge kennen, aber auch viel über sich selbst gelernt habe. „Sport war für mich eigentlich von Anfang an eine Strategie, um mit meiner Einschränkung umzugehen“, erläutert der Volderer. „Und durch die Reisen im Rahmen der Weltcups habe ich gelernt, wie viel man trotz ‚Barriere‘ tun und erreichen kann.“ Deshalb empfiehlt er auch jedem, der sich in einer ähnlichen Situation befindet und sportliche Ambitionen hegt, den Sprung zu wagen und es einfach mal zu versuchen – auch wenn er selbst künftig einen anderen Weg einschlägt.

Beim Training im vergangenen Oktober gab Wallner noch an, dass er bei sich insbesondere in einem Bereich deutliches Verbesserungspotenzial sehe. „Ich muss einfach mehr auf mich selbst hören“, meinte er damals. „Denn ich lasse mich noch immer viel zu oft von anderen in bestimmte Dinge hineinreden.“ Als er allerdings seiner Familie und seinen Freunden von seinem geplanten Rücktritt berichtete, blieb er hart. „Anfangs haben natürlich noch viele versucht, mich umzustimmen“, berichtet der 31-Jährige. „Sie meinten, ich hätte ja bereits so viel erreicht, solle weitermachen, zumindest noch die Saison beenden. Aber mein Entschluss stand bereits fest.“ Und dieses Mal hörte er tatsächlich auf niemanden anderen als auf sich selbst.

© privat
© privat

Simon Wallner, geboren 1987 in Hall in Tirol, begann nach einem schweren Motorradunfall 2011 eine Karriere als Monoskifahrer. Er ging in den Disziplinen Slalom, Riesenslalom und Super-G an den Start, bestritt sowohl Europacup- als auch Weltcuprennen und trat bei einer Weltmeisterschaft an. Höhepunkt seiner sportlichen Karriere waren jedoch die Paralympischen Spiele 2018 in Pyeongchang (KOR), zu denen er als Teil der österreichischen Nationalmannschaft anreiste. 2019 gab Wallner seinen Rücktritt vom Profisport bekannt. Er ist Vater einer Tochter und lebt in Volders.

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