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Esther Wilhelm

Mythos Ötztaler Radmarathon

Aktualisiert am 20.06.2018 in Sport

Kurz vor dem Timmelsjoch gibt es die typischen tibetischen Fahnen aus alten Ötztaler Trikots (Copyright: Sportograf)Kurz vor dem Timmelsjoch gibt es die typischen tibetischen Fahnen aus alten Ötztaler Trikots (Copyright: Sportograf)

„Ein richtiger Mann muss: einen Sohn gezeugt haben, einen Baum gepflanzt haben und den Ötztaler Radmarathon gefahren sein“, so die Worte von Wolfgang Steinmayr, 4-facher Gewinner der Österreich Radrundfahrt, österreichische Radlegende und Teilnehmer des Ötztaler Radmarathons 2011.

Inzwischen gibt es ja viele Jedermann Radrennen, einige davon sollen sogar schwieriger als der Ötztaler sein. Trotzdem hält sich der Mythos Ötztaler weiter. Warum das so ist?

  • Die Länge und die Höhenmeter: Mit 238 km und 5.500 Höhenmeter keinesfalls ein Kindergeburtstag. Außerdem gibt es nur DIE eine Strecke. Entweder du schaffst sie, oder du steigst in den Besenwagen. Alle Teilnehmer des Starterfeldes treten also die gleich schwere Herausforderung an.
  • Die Höhe: Höhenmeter an sich gibt es bei anderen Radmarathons auch zur Genüge. Auf 2.509 Meter (!) SEEHÖHE hinaufzuradln bei sehr wenigen. Da wird die Luft verdammt dünn, jeder Tritt schmerzt in den Muskeln und in der Lunge. Dazu kommt, dass das Timmelsjoch der letzte Pass ist und man schon gut 3.500 Höhenmeter in den Beinen hat, wenn man unten in St. Leonhard vor 1.750 zu bewältigenden Höhenmetern steht. So schön die Timmelsjoch Hochalpenstraße auch ist, so schmerzvoll ist sie für die Teilnehmer des Ötztaler Radmarathons. Die Italiener nennen es liebevoll „il mostro“ – das Monster.
  • Die Historie: Mit bereits über 30 Jahren gehört der Ötztaler zu einem der ältesten Radmarathons der Alpen.
  • Das Datum: Der letzte Sonntag im August kann in den Alpen recht frisch sein. Von Dauerregen über Schneefall und Graupel mit Sturmböen war alles schon dabei. Gerade Teilnehmer aus Italien scheuen deshalb die Teilnahme am Ötztaler. Man könnte eines Erfrierungstodes sterben… So schlimm ist es natürlich nicht, weil die Organisatoren alles richtig machen. Trotzdem. Man muss schon einiges aushalten.
  • Die Teilnehmerzahl: ist sehr beachtlich. Man spricht davon, dass es pro Ötztaler über 20.000 Registrierungen gibt. Teilnehmen dürfen ’nur‘ 4.500. Wie funktioniert das gleich noch einmal mit Angebot und Nachfrage?
  • Die Teilnehmer: kommen aus aller Welt, aus knapp 40 Ländern um genau zu sein. Auch ehemalige Profis scheuen den Ötztaler, ist er doch eine gute Bühne sein Gesicht zu verlieren. Die TeilnehmerInnenzahl beläuft sich auf ca. 5%-8%. Ob das ein Beweis für die Schwierigkeit des Rennens ist, kann diskutiert werden. Immerhin sind wir ja bekanntlich das ‚zähere‘ Geschlecht.
  • Die Organisation: ist perfekt. Ich bin schon einige Radmarathons gefahren. Abgesehen vom Maratona dles Dolomites kann keiner mithalten. Ob Rahmenprogramm am Vortag und während des Rennens, Zuschauerzahlen entlang der Strecke, Straßensperren (die komplette Strecke ist gesperrt), Verpflegungsstationen, Rennservice, Betreuungsfahrzeuge, mediale Begleitung, etc. etc. Besser geht’s nicht.
  • Die Siegerehrung: Auch die ist anders als bei anderen Rennen. Kaum sind die Sieger im Ziel, beginnt normalerweise die Siegerehrung. Der Rest ist schnödes Beiwerk. Anders beim Ötztaler. Die große Siegerehrung findet am Abend nach dem Rennen statt. Und nicht der Sieger und die Siegerin werden zuerst auf die Bühne gebeten. Im Gegenteil! In der prall gefüllten Freizeit Arena in Sölden wartet man gespannt auf die Einfahrt des letzten Fahrers und der letzten Fahrerin. Die werden mit Feuerwehr, Polizei, Folgetonhorn, mit Jubel und Applaus auf ihre letzten Meter bereits im Dunkeln direkt in die Freizeit Arena begleitet, wo sie als Letzte die Ersten auf der Bühne sind. Das gibt Gänsehautgefühl!
  • Weil nach dem Ötztaler vor dem Ötztaler ist: Für jene, die einen Startplatz für den Ötztaler ergattert haben, beginnt ein Sommer des ‚Leidens‘. Trainingspläne werden geschrieben, strikt und bei jedem Wetter eingehalten oder stetig adaptiert. Anstatt bei größter Hitze gemütlich am See zu liegen wird trainiert. Dauerregen ist kein Hindernis, nein eine Herausforderung. Man hat ein schlechtes Gewissen, wenn der beste Freund heiratet und man ein Wochenende lang keine Zeit zum Trainieren findet. Ehen und Beziehungen werden aufs Spiel gesetzt. Man erkennt seine Kinder nicht wieder. Das Wochenende wird zum Training verwendet, die Arbeitswoche dient der Erholung. Alles dreht sich um den Ötztaler und wie man sich bestmöglich darauf vorbereitet.
  • Die Geschichten: Teilnehmer des Ötztaler Radmarathons können sich tagelang, ja wochenlang über IHREN Ötztaler unterhalten. Welchen Top-Athlethen sie wo wann und mit welcher Trittfrequenz überholt haben, welchen Pass sie mit welcher Wattzahl erklommen haben, wo der erste Krampf eingeschossen ist, wie und wann und von wo der Wind geblasen hat, wie unprofessionell die Gruppe gefahren ist, in der sie in Richtung Brenner steckten, welche Verpflegungsstation sie wie lange besucht haben, was dort verzehrt wurde, welche Zuschauer am Straßenrand den meisten Wirbel gemacht haben, wann sie die Ärmlinge ausgezogen und die Windweste angezogen haben (und umgekehrt), dass man eine halbe Stunde (!) verloren hat, weil man einen Schlauch wechseln musste, wie man noch einmal 20 Minuten (!!) für einen Klostopp verloren hat, wie sich die letzten Höhenmeter auf das Timmsljoch angefühlt haben, wie schnell sie auf der Abfahrt vom Timmelsjoch waren, ob ihnen Schafe, Kühe oder Pferde in die Quere gekommen sind, wie oft sich daran gedacht haben, aufzugeben, wie oft sie sich gefragt haben, warum sie sich das überhaupt antun, wie hart der letzte Sprint ins Ziel war, dass man klarerweise viel zu früh losgesprintet ist und einem dann die Kraft ausgegangen ist, wie sich der Zieleinlauf bei voller Kulisse in Sölden angefühlt hat, der Blick auf die Zeitnehmung, etc. etc. etc.

Hier ein paar Beispiele. Bitte Zeit nehmen. Nicht tage- oder wochenlang, aber doch ein paar Stunden einplanen ;o)

Geschichte 1: http://www.quaeldich.de/touren/eiskalte-traeume-am-timmelsjoch-oetztaler-radmarathon-2014-ein-erlebnis-in-5-akten/

Geschichte 2: http://www.triundrun.at/index.php?option=com_content&view=article&id=261:i-have-a-dream-oetzttaler-radmarathon-2014&catid=2:berichteschwarzach&Itemid=2

Geschichte 3: http://54elf.de/geschafft-oetztaler-radmarathon-2013/

Geschichte 4 (die längste): http://cervelover.blogspot.co.at/2014/09/otztaler-radmarathon-2014-strecke.html

Meine Geschichte: http://www.blogtirol.at/2015/08/mein-oetztaler/

  •  Emotionen & Gefühle: Nervosität, Zweifel, Respekt, sakrische Angst, Schmerz, Leidenschaft, Erschöpfung, Hingabe, Wut, Zorn, Kampfgeist, volle Kraft voraus, Überwindung, Durchhaltevermögen, Spaß, Antrieb, überwältigt sein, Zuversicht, Freude, Hochgefühl, totale Erleichterung, Dankbarkeit, Zufriedenheit, Ruhe, Stolz!

Mehr Infos zum Ötztaler Radmarathon: www.oetztaler-radmarathon.com

Esther Wilhelm ist am liebsten mit dem Rennrad unterwegs. Dabei entdeckt sie nicht nur die schönsten Radstrecken, sondern auch Orte und Plätze, bei denen sich das Stehenbleiben und Einkehren lohnt.

Esther Wilhelm
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