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Wintersport hoch fünf

Aktualisiert am 03.02.2022 in Sport, Fotos: Bernhard Poscher

Die meisten Menschen fahren nach Tirol, um ihrem Lieblingshobby im Schnee nachzugehen. Dabei hat der Winter doch so viel zu bieten. Unser Autor will mehr erleben und fordert eine Innsbruckerin zum Duell im Schnee: vier Tage, fünf Sportarten. Wer wird gewinnen? 

Das Wilde Mannle steht im Weg. Es ist kurz vor neun, wir gleiten über den Schnee, der leise unter den Fellen unserer Tourenski knirscht. Groß ist das Wilde Mannle, steinig und ziemlich hoch. 3.019 Meter, um genau zu sein. „Um das Wilde Mannle laufen wir rum, dann können wir unser Tagesziel sehen“, sagt Kilian, unser Bergführer aus Vent. Seit sieben Uhr ist er mit Vanessa und mir in den Ötztaler Alpen unterwegs. Das Wilde Mannle liegt auf unserer Tour zum Ötztaler Urkund, einem Berggipfel unterhalb der Wildspitze. Da wollen wir hin. Wenn wir so weit kommen. 

Dem Wilden Mannle begegnen wir am dritten Tag unserer Challenge. Vier Tage verbringen Vanessa und ich im Ötztal. Vanessa wohnt in der Nähe von Innsbruck, verbringt einen Großteil ihrer Freizeit vor der Haustür mit Biken, Boarden und Fotografieren. Ich komme vom Bodensee, da wo es Maultaschen statt Schlutzkrapfen gibt, die Hügel sanfter und die Outdoor-Aktivitäten gemütlicher sind. Vanessa will mir ihre Wahlheimat Tirol zeigen – und mich herausfordern. Vier Tage, fünf Sportarten, ein Ziel: Besser sein als der andere. Biathlon, Skitourengehen, Rodeln, Snowboarden, Ski fahren. Einige der Sportarten können wir, andere müssen wir erst lernen. Ein Kinderspiel, denke ich, der Schnee ist mein zweites Zuhause. Ski fahren? Seit ich drei bin. Snowboarden? Schon mal gemacht. Biathlon? Kann nicht so schwer sein. Und Skihochtouren sind doch einfach anstrengende Skitouren, oder? Der Sieg ist mir gewiss. Dann treffe ich Vanessa am Berg. 

            Merlin und Vanessa sind beide siegessicher. Doch wer wird das Duell im Schnee gewinnen?

          Merlin und Vanessa sind beide siegessicher. Doch wer wird das Duell im Schnee gewinnen?

Tag 1: In der Loipe

„Hey, ramm deine Stöcke nicht so in die Loipe. Wir sind hier beim Langlaufen, nicht beim Stockschieben“, ruft Martin. Seit zwanzig Jahren arbeitet er als Langlauflehrer und versucht nun, uns Skating und Biathlon-Schießen beizubringen. Wir schlittern in Niederthai über die Loipe einer kleinen Gemeinde im Horlachtal, rund eine halbe Stunde Autofahrt von Sölden entfernt. Die Sonne wärmt uns die Rücken, wir stehen auf schmalen Ski und versuchen Martins Lektionen zu verinnerlichen.

Wichtigste Regel beim Langlaufen: Arme unterstützen Beine, nicht umgekehrt.
Martin, Langlauflehrer

Er schiebt seine Ski v-förmig auf der Loipe vor uns her, wir folgen. Vanessa rutscht aus, landet im Schnee, ich stolpere ein Stück weiter über meine Ski. Martin grinst. „Okay, wir ziehen die Bretter nochmal aus. Ihr müsst eure Bewegungsmuster kontrollieren“.  Wir stellen uns hinter Martin in die Loipe, gleiten und springen durch den Schnee, die Füße v-förmig angewinkelt. „Langlaufen ist eine der komplexesten Sportarten: Ihr setzt über 90 Prozent der Muskulatur ein“, sagt er. Das müsse man üben. Manche ein bisschen mehr als andere. 

            Langlaufen ist doch schwerer als gedacht. Deshalb bekommen die beiden von Langlauflehrer Martin noch einige Tipps.

          Langlaufen ist doch schwerer als gedacht. Deshalb bekommen die beiden von Langlauflehrer Martin noch einige Tipps.

Nach knapp zwei Stunden des Herumstolperns und -stürzen beginnen wir zu gleiten, die Unfälle werden weniger, die Freude größer. „So, jetzt wird geschossen“, sagt Martin. Seit vier Jahren können Sportbegeisterte in Niederthai Biathlonschießen üben. Mit echten Waffen und echtem Schießstand. Einziger Unterschied: Die Waffe feuert Laserstrahlen, keine Projektile. Der Effekt ist der gleiche: Trifft man ins weiße Ziel, wird die Scheibe schwarz. „Waffe auf dem Handballen ausruhen und den Ellbogen in die Hüfte drücken“, erklärt Michael vom Nordic Team Niederthai, der den Schießstand betreut. Das Fadenkreuz tanzt über der Zielscheibe, jeder Herzschlag drückt die Waffe pulsierend nach oben. Ich drücke ab. Die Zielscheibe bleibt weiß. „Lass das Fadenkreuz von oben in die Zielscheibe fallen“, erklärt Michael. Das Fadenkreuz fällt, ich drücke ab, die Zielscheibe wird schwarz. „Sehr gut“, sagt Michael. Nur die Zeit, die sei nicht gut. Ankommen, hinlegen, schießen, aufstehen. Michael sagt: „Profis brauchen dafür 25 Sekunden“.  Vanessa und ich vergeuden für zwei Durchgänge 15 Minuten. Meine Scheibe wird dreimal schwarz, Vanessa trifft zweimal. „Der Tag geht dann wohl an dich“, gibt Vanessa zu. Tag eins, Sieg eins. So kann es weitergehen. 

            Damit der Schuss gelingt, ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Merlin schafft in zwei Durchgängen drei Treffer.

          Damit der Schuss gelingt, ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Merlin schafft in zwei Durchgängen drei Treffer.

            Vanessa hingegen trifft zwei Mal. Deshalb geht der Tagessieg an Merlin.

          Vanessa hingegen trifft zwei Mal. Deshalb geht der Tagessieg an Merlin.

Tag 2: Auf der Piste 

Frühmorgens stehen wir im Skigebiet Hochoetz an der Bergstation, vor uns breitet sich die leere Piste aus, der Schnee ist hart und geriffelt. Perfekte Bedingungen für ein Rennen. Weil wir uns beide auf der Abfahrtspiste wohlfühlen, bauen wir ein Handicap ein: Vanessa bringt mir das Snowboarden bei, ich ihr das Skifahren. Den Punkt bekommt, wer die neue Disziplin am Ende des Tages besser beherrscht.

Beim Boarden ist es wichtig, dass du ein Gefühl für dein Brett bekommst.
Vanessa

Langsam drehe ich die Boardspitze Richtung Tal, nehme Fahrt auf, gleite über die Piste, werde immer schneller. „Halte deinen Oberkörper ruhig!“, ruft Vanessa hinter mir her. Zu spät. Das Board verkantet, kippt nach vorne, ich lande mit dem Gesicht auf dem harten, geriffelten Schnee. Aufstehen, Helm richten, weiterfahren. Zwei Stunden lang liege, schlittere und sitze ich auf der Piste, dann habe ich den Dreh einigermaßen raus.

            Merlin hat sich Snowboarden wirklich einfacher vorgestellt.

          Merlin hat sich Snowboarden wirklich einfacher vorgestellt.

Mittags tauschen wir die Boards gegen Ski. „Also, beim Skifahren ist besonders wichtig, dass du …“. Weiter komme ich nicht. Vanessa schießt an mir vorbei, die Skier parallel, die Arme angewinkelt, die Stöcke unter die Achseln geklemmt. Im Schuss verschwindet sie hinter einer Kuppe. „Mein Vater hat mich das erste Mal auf die Ski gestellt, da war ich drei“, sagt sie an der nächsten Kuppe und grinst. Ihr braucht niemand mehr Skifahren beibringen. Den Tag habe ich verloren, aber immerhin die Erkenntnis gewonnen, dass Snowboarden auch ziemlich viel Spaß macht.

            Vanessa zeigt beim Skifahren ihr ganzes Können und holt sich somit diesen Tagessieg.

          Vanessa zeigt beim Skifahren ihr ganzes Können und holt sich somit diesen Tagessieg.

Tag 3: Ohne Lift 

Gerade erst Halbzeit unserer persönlichen Winter-Olympiade, und die Oberschenkel brennen ordentlich. Um sieben Uhr treffen wir in Vent ein. Das Bergsteigerdorf liegt in einem kleinen Seitental mit steil aufsteigenden Bergen, deren Gipfel im Dunkel der Morgendämmerung verschwinden. Vor uns steht Kilian. Rote Jacke, Dreitagebart, Bergführer seit 25 Jahren. Um die Hüfte ein Klettergurt, daran baumeln Seile, Karabiner, eine Bandschlinge. „Ich würde sagen, wir steigen zum Ötztaler Urkund auf“, schlägt Kilian vor. Der 3.554 Meter hohe Berg liegt irgendwo links über uns im Morgenhimmel, hinter dem Wilden Mannle, direkt unterhalb der Wildspitze, dem zweihöchsten Berg Österreichs. 3.500 Meter? So hoch hinauf? Ohne eine Tour gemacht zu haben? „Schaffen wir“, sagt Kilian. „Wichtig ist, dass wir am Anfang langsam machen. Viele Tourengeher marschieren zu schnell los.“ Gemütlich stapfen wir durch den Schnee den Hang hinauf, während die Sonne über die Berggipfel kriecht.

            Um zum Ötztaler Urkund aufsteigen zu können, müssen Merlin und Vanessa ihre Kraft gut einteilen und neue Techniken erlernen.

          Um zum Ötztaler Urkund aufsteigen zu können, müssen Merlin und Vanessa ihre Kraft gut einteilen und neue Techniken erlernen.

Nach drei Stunden taucht der Gipfel der Wildspitze vor uns auf, darunter schmiegt sich der Rofenkarferner, ein breiter Gletscher zwischen Felswänden. „Hier war ich früher noch Eisklettern“, sagt Kilian und deutet mit seinem Skistock auf eine steil abfallende Felskante. Inzwischen ist der Gletscher hinter der Felskante verschwunden. Wir queren die Moränen, hören nichts außer unseren Skiern, die über den Schnee schleifen, und unserem Atem, der kleine Wölkchen in die Gebirgsluft zeichnet. Ich versuche, Kilians Tipps zu beherzigen.

Kraft sparen, die Füße nicht anheben, sondern im Schlurfschritt vorwärts, wobei die Felle stets direkt über den Schnee gleiten.
Kilian, Bergführer

Trotzdem fällt mir das Luftholen bald schwer, während Vanessa von ihren Reisen durch Südamerika an die Höhenluft gewöhnt zu sein scheint. Bald erreichen wir den Gletscher: Gibt es da nicht Spalten, in die man fallen kann? „Keine Sorge, die sind so spät in der Saison alle zugeschneit“, beruhigt uns Kilian.

            Der Bergführer Kilian gibt den beiden den Tipp, um Kraft zu sparen, sollen sie ihre Füße nicht anheben, sondern im Schlurfschritt vorwärtsgehen, wobei die Felle stets direkt über den Schnee gleiten.

          Der Bergführer Kilian gibt den beiden den Tipp, um Kraft zu sparen, sollen sie ihre Füße nicht anheben, sondern im Schlurfschritt vorwärtsgehen, wobei die Felle stets direkt über den Schnee gleiten.

Nach sechs Stunden stehen wir auf dem Ötztaler Urkund. Von hier oben sehen wir die Gipfel der Berner Alpen am Horizont im Westen, ganz im Osten schiebt sich die Schobergruppe in den Mittagshimmel, dazwischen Täler mit grünen Wiesen und braunen Punkten, kleine Häuser und Hütten. Wir packen unsere Jause aus, nehmen einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. Es ist wunderschön. Am Ende sind wir so erschöpft, dass wir ganz vergessen, einen Tagessieger zu küren. 

Tag 4: Flotte Schlitten

„Einen Helm zum Schlitten fahren? Ist das dein Ernst?“, frage ich. Es ist neun Uhr morgens, wir stehen auf einem Parkplatz im Sulztal. „Wir gehen nicht Schlitten fahren, wir gehen rodeln“, sagt Vanessa und streckt mir meinen Helm entgegen. „Den wirst du brauchen.“ Vanessa ist nicht das erste Mal auf einem Kufenfahrzeug in den Bergen unterwegs.

Rodeln ist die gefährlichste Sportart, die wir gemeinsam machen. Du wirst dich wundern, wie schnell man mit den Dingern wird.
Vanessa

Nach den Gefahrenhinweisen noch kurz das Einmaleins des Rodelns: Lenken entweder mit den Füßen oder durch Verlagern des Gewichts. „Und zum Bremsen den Schlitten vorne nach oben ziehen. Klar so weit?“ Klar so weit. 

            Vanessa gibt Merlin zu Beginn noch schnell eine Einführung ins Rodeln.

          Vanessa gibt Merlin zu Beginn noch schnell eine Einführung ins Rodeln.

            Mit der richtigen Ausrüstung stapfen die beiden los.

          Mit der richtigen Ausrüstung stapfen die beiden los.

Mit dem Helm im Rucksack und den Rodeln an der Schnur ziehen wir los. Dohlen krächzen in den Ästen einer Tanne, Schneeflocken fallen aus dem Himmel, die Sonne schimmert wie eine glatt polierte Porzellanscheibe durch die Wolken. Wir erreichen einen Fichtenwald, von den Ästen hängt Moos, verfilzt vom Wind und Wetter der Alpen. Die Smartphones sind auf Flugmodus, nichts stört die Ruhe. Wir genießen die Entschleunigung, jeder hängt seinen Gedanken nach. Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir die Amberger Hütte. Wir stecken unsere Rodel in den Schnee und bestellen Kaiserschmarrn mit Apfelmus, Preiselbeeren und Puderzucker, der so weiß ist wie der Schnee unter unseren Füßen. 

Dann fällt es uns ein: Heute ist der letzte Tag, wir müssen eine Siegerin küren. Oder einen Sieger. Oder? „Muss es immer ums Gewinnen gehen?“, fragt Vanessa, pikst ihre Gabel in den Kaiserschmarrn und tunkt den Bissen in die Preiselbeeren. Sie hat Recht. Urlaub sollte kein Wettkampf sein. „Es ist viel schöner, wieder Anfänger sein zu dürfen und neue Sportarten zu lernen“, sagt sie. Wir durften in den vergangenen vier Tagen tatsächlich eine ganze Menge: neue Erfahrungen machen. Und Fehler. Und die schönsten Kurven erleben, die es auch für Erwachsene gibt: Lernkurven. 
Noch zweimal die Gabel in die Granten tunken, wie die Preiselbeeren hier im Ötztal heißen, dann ist der Teller leer.

            Nach einer Stärkung auf der Amberger Hütte rodeln Vanessa und Merlin um die Wette.

          Nach einer Stärkung auf der Amberger Hütte rodeln Vanessa und Merlin um die Wette.

Wir ziehen die Helme auf und setzen uns auf die Rodel. Bald nehmen wir Fahrt auf, schneller und immer schneller schießen die Kufen über den Schnee. Wir rauschen an Bäumen und Felsen vorbei. Der Helm schützt vor dem Fahrtwind und den Felsen, die neben dem Forstweg aufragen. Vanessa hatte recht, die Dinger werden verdammt schnell. Und wenn man nicht aufpasst, fliegt man in einer engen Kurve von der Strecke. Ich merke, dass ich die Geschwindigkeit am besten vor dem Manöver verringere und die Kurve eher von außen anfahren sollte. Wieder etwas gelernt. 

            Vanessa und Merlin sind zufrieden mit ihren Leistungen und machen sich auf zur nächsten Sportart.

          Vanessa und Merlin sind zufrieden mit ihren Leistungen und machen sich auf zur nächsten Sportart.

Nach einer halben Stunde sind wir im Tal, klopfen den Schnee von den Hosen und räumen die Rodel ins Auto. Ich ziehe den Helm aus und lehne mich an das kühle Blech des Fahrzeugs. Dann sehe ich die Langlaufski, die im Kofferraum liegen. Die passenden Schuhe stehen daneben. Wenige Augenblicke später klicken die Metallstifte der Langlaufschuhe in der Bindung. Die nächste Loipe ist nur wenige Schritte entfernt.

Fenstermonteur, Goldschmied, Türsteher. Jetzt freier Journalist. Studium der Geschichte, Ethnologie und Kommunikationswissenschaften in Freiburg, München und Kanada. Ausgebildet an der Deutschen Journalistenschule. Schläft lieber draußen als drinnen und das am liebsten in Tirol.

            Merlin Gröber.
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