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Hintertuxer Gletscher: Ein Blick hinter die Kulissen

Aktualisiert am 08.11.2017 in Unternehmen

Hintertuxer Gletscher

Er sorgt für klare Verhältnisse auf den Pisten und der „Schmäh“ geht ihm dabei nie aus: Jürg Tarmann, 60, ist Pistenchef am Hintertuxer Gletscher, Österreichs einzigem Ganzjahresskigebiet. 365 Tage im Jahr kann man hier Skifahren und durch die ausgezeichneten Verhältnisse hat sich der Hintertuxer Gletscher zu einem der beliebtesten Trainingsgebiete im internationalen Skisport entwickelt. Von Mai bis Dezember bereiten sich auf diesen Pisten zahlreiche Profis und Nachwuchssportler aus der ganzen Welt auf die kommende Saison vor.

Für Jürg Tarmann bedeutet das vor allem: Jede Menge Organisationsarbeit – deswegen ist es auch gar nicht so einfach, ihn für ein Interview zu erreichen. Schließlich gelingt es mir, während er in der Gondel sitzt. „30 Teams waren heute am Gletscher,“ erzählt er mir. „Im vergangenen Jahr haben Skifahrer aus 57 Nationen bei uns trainiert. Darunter waren Teams aus den USA, Südkorea, Australien, Deutschland, Belgien, Italien, Bosnien, dem Libanon, der Türkei, Zypern, Griechenland, England, Frankreich, Spanien und natürlich aus Österreich.“

Jürg Tarmann, Pistenchef am Hintertuxer GletscherJürg Tarmann, Pistenchef am Hintertuxer Gletscher

Schummeln gilt nicht

Wie entscheidet er denn, welches Team welche Pisten bekommt? „Wir haben im Sommer 30 Trainingspisten zur Verfügung. Das heißt, dass alle zusammen trainieren müssen. Das muss natürlich gut organisiert und koordiniert werden. Kinder fahren in einem anderen Radius Ski als Erwachsene, Frauen in einem anderen als Männer. Grundsätzlich muss das Niveau der gemeinsam trainierenden Fahrer ähnlich sein“, erklärt er. „Manche Trainier schummeln gerne mal und behaupten, dass ihre Mannschaft die Beste sei. Ich schaue mir aber die Teams immer genau an und vergleiche bei den FIS-Fahrern zum Beispiel auch die Punkte. Wenn es sein muss, greife ich schon mal ein – zum Beispiel wenn eine Mannschaft zu viel Platz beansprucht. Im Großen und Ganzen ist die Koordination eine große logistische Aufgabe. Wenn Teams aus Übersee drei Wochen zum Trainieren zu uns kommen und mit Sack und Pack vor der Türe stehen, muss alles funktionieren und perfekt eingeteilt sein. Alle müssen sowohl die FIS-Regeln als auch die internationale Wettkampfordnung einhalten, Sicherheit steht an erster Stelle. Daher müssen alle Mannschaften vor dem Training eine Vereinbarung unterschreiben. Diese gibt es mittlerweile in 16 Sprachen.“

57 Nationen haben schon am Gletscher trainiert57 Nationen haben schon am Gletscher trainiert

Vor dem Pistenchef sind alle gleich

Ich will wissen, ob Weltcupsieger gegenüber den Nachwuchsläufern einen Bonus genießen. Da winkt Jürg Tarmann sofort ab. „Nein, bei mir wird jeder gleich behandelt, der Nachwuchs genauso wie die Profis. Ich sage immer, ohne Nachwuchs haben wir keine Zukunft.“

Gibt es denn Bestechungsversuche für die besten Pisten? Auch bei dieser Frage lacht Tarmann:Nein, das gibt es nicht. Das würde auch gar nicht gehen. Und wenn dann doch einer mal – so wie vor kurzem – einen guten Käse mitbringt, dann sag ich ihm gleich: Schneid ihn auf, bring ihn zu den Trainern und esst ihn alle gemeinsam.“

Wenn der Herr der Pisten über seine Arbeit spricht, merkt man ihm an, wie viel Freude sie ihm macht. Mit Begeisterung erzählt er Anekdoten über die zahlreiche Begegnungen am Gletscher. „Es klappt wirklich gut bei uns am Hintertuxer Gletscher. Da entwickeln sich sogar Freundschaften, wie zwischen dem iranischen und dem amerikanischen Team, die letztlich sogar Trikots getauscht haben. Im Sport geschehen Dinge, die in der Politik leider nicht funktionieren.“

Der beste Ort für die Autogrammjagd

Ich möchte wissen, ob ich als Amateurskifahrerin während der Trainingszeit am Hintertuxer Gletscher auch Platz finde, um meine Kurven zu ziehen.  „Selbstverständlich, wir haben Platz für alle. Die Pisten für die Amateure werden nicht belegt. Ganz im Gegenteil, der Gast soll immer freie Fahrt haben. Die Trainingsstrecken für Abfahrt und Super G werden bei uns ins Skigebiet integriert, an Stellen, an denen der normale Skifahrer selten unterwegs ist, zum Beispiel unter den Liftpfeilern. Diese Pisten werden nur für die Rennläufer präpariert. Oder wir schaffen Korridore für die Athleten, wo sie in Ruhe trainieren können. Im Herbst kommen viele Gäste, um auf Autogrammjagd zu gehen – mit Erfolg. Die Mannschaften machen das gerne.“

Jürg Tarmann mit dem NachwuchsJürg Tarmann mit dem Nachwuchs

Bei 365 Tagen durchgehendem Betrieb braucht es nicht nur einen Pistenchef, der einen kühlen Kopf bewahrt, sondern auch zahlreiche Mitarbeiter in anderen Bereichen, damit die Pisten immer in Top-Zustand sind. „Das stimmt. Alleine im Sommer sind etwa 120 Personen im Einsatz. Im Winter sind es noch mehr, dann ist das Skigebiet ja auch größer. Insgesamt werden es dann rund 170 Personen sein, die an den Liften, den Kassen, auf den Pisten, in der Verwaltung oder in den Restaurants arbeiten.“

Und welche Jahreszeit ist dem Pistenchef am Gletscher am liebsten? Der Sommer oder der Winter? Da lacht Jürg Tarmann wieder: „Im Winter bin ich gar nicht als Pistenchef am Gletscher, sondern bin Chefskilehrer. Ich fahre also selber Ski. Ehrlich gesagt, hört der Winter für mich nie auf.“

Rosanna Battisti fährt gerne weg und kommt gerne wieder – vor allem im Winter, wenn die Skipisten rufen.

Rosanna
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