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Von Holzdübeln und Pantoffelhelden: Ein Naturhotel und seine Erfolgsgeschichte

Aktualisiert am 14.08.2020 in Unternehmen

Baum-Holz

Kann man ein 5-Sterne-Hotel der Oberklasse mit mehr als hundert Betten ganz und gar ökologisch bauen und betreiben? Das Naturhotel Waldklause im Ötztal hat sich einem konsequenten Konzept verpflichtet. Wie aus einer Vision eine Erfolgsgeschichte wurde.

Rein ins Tal, rauf nach Längenfeld, dann rechts abbiegen Richtung Ötztaler Ache. Dort steht es, und es nicht zu übersehen. Aber fast. Ein prägnantes Gebäude, mehrgeschossige holzverkleidete Rundbauten umgeben von heimischen Nadelbäumen. Gelungene Architektur, ungewohnt, aber stimmig, neigt man als Besucher zu murmeln. Aber das Staunen fängt erst an, wenn man nah kommt, ganz nah. Wenn man auch hinter die Fassaden des großen Holzbaus blickt.

Errichtet wurde das Hotel in Massivholzbauweise ohne Leim und Schrauben, die Dämmung besteht aus Tiroler Schafwolle, verwendet für Fassaden und Statik wurden nur Hölzer aus dem Tal, dazu ein regionales Lieferantennetzwerk: Das Naturhotel Waldklause ist öko. Aber kein Jutebeutel-Öko, eher ein supermodernes Design-Öko. 5 Sterne und Nachhaltigkeit – geht das wirklich?

Das Naturhotel Waldklause ziert eine beeindruckende Holz-Fassade.Das Naturhotel Waldklause ziert eine beeindruckende Holz-Fassade.

2001 begannen die Planungen, drei Jahre später öffnete die Waldklause dann ihre Pforten. Halb im Wald, am Ortsrand von Längenfeld im Ötztal gelegen. Damals war das Hotel der größte Holzbau Österreichs. Nur die beiden Treppenhäuser mit den Notausgängen und Fahrstuhlschächten, die mussten aus Beton sein. „Das war Vorschrift und dürfte selbst heute nicht anders gebaut werden “, erzählt Johannes Auer. Er ist einer der beiden Söhne der Erbauer und Köpfe hinter der Waldklause. Irene und Edmund Auer planten das Hotel, bis heute ist es ein Familienbetrieb.

Johannes Auer spricht gerne über die ökologische Ausrichtung des Hauses, zeigt die Holzdübel in den Massivholzwänden aus Zirbe oder Fichte, die hier die Funktion von Schrauben, Nägeln und Leim übernehmen. Aber damals, vor knapp 20 Jahren „wurden wir eher belächelt. Viele haben uns erklärt, wie man das anders und viel wirtschaftlicher bauen soll“, erinnert er sich. Doch da traf der Idealismus der Auers auf eine Eigenschaft der Tiroler im Allgemeinen und der Ötztaler im Speziellen. „Man sagt uns nach, dass wir sehr stur sein können“, erklärt Johannes Auer und lächelt verschmitzt. Heute sieht er es mit einem gewissen Pragmatismus: „Wir haben zur richtigen Zeit aufs richtige Pferd gesetzt.“ Als 5-Sterne-Hotel mit einer durchschnittlichen Auslastung von 94 Prozent und damit der höchsten im Ötztal weiß er, wovon er spricht. Im Großen lässt sich der eigene Anspruch– mit den nötigen Mitteln – durchaus umsetzen und belegen: Zertifikate über den 100-prozentigen Bezug von Ökostrom, Empfehlungen und Auszeichnungen des Klimabündnisses Tirol, ecotirol und des Naturparks Ötztal, eine Platin-Auszeichnung als Öko-Spitzenreiter von tripadvisor, das Europäische Umweltzeichen und jenes des Österreichischen Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft. Dafür muss viel erfüllt sein: Von den Lieferantenketten über die verwendeten Lebensmittel und die Erstellung von Print-Publikationen bis hin zum hoteleigenen Abfallwirtschaftskonzept, alles wird unter die Lupe genommen. Den wirklichen Herausforderungen jedoch begegnen Johannes Auer, seine Familie und die 70 Angestellten des Hotels im Kleinen. Im Alltag. 59 Zimmer und fünf Sterne unter ein ökologisches Dach zu bekommen, sei ein immerwährender Spagat.

Johannes Auer schafft es, den Spagat zwischen Luxus und Nachhaltigkeit zu meistern.Johannes Auer schafft es, den Spagat zwischen Luxus und Nachhaltigkeit zu meistern.

Erdbeeren und Pool-Temperatur

Der ökologische Anspruch in Kombination mit einem gehobenen Preissegment ist Fluch und Segen zugleich. Das beginnt schon beim Buffet. „Es gab einen großen Aufschrei, als wir uns dazu entschlossen haben, im Winter keine Erdbeeren anzubieten“, erinnert sich Johannes Auer. Dennoch: Die Ötztaler Sturheit und das Wissen um den ökologischen Fußabdruck eingeflogener Erdbeeren haben gesiegt. Wenn er durch das Hotel läuft – durch die hölzernen Flure, die nach Zirbenholz duftenden Behandlungsräume im Spa-Bereich, am Pool entlang – hat er ein Auge fürs Detail, aber eben auch für weitere Potentiale. Die Temperatur des Pools oder des Außenbeckens um ein bis zwei Grad reduzieren, zum Beispiel. Hat er schon probiert – die Rückmeldungen kamen prompt und waren deutlich: Keine Änderungen bei der Temperatur! Hier hat er sofort eingelenkt.

Der Außenpool im Naturhotel Waldklause.Der Außenpool im Naturhotel Waldklause.

Doch genau darauf kommt es bei diesem täglichen Spagat an: auf Kommunikation, auf das Miteinander und das Eruieren von Möglichkeiten und Stellschrauben. Im besten Fall sogar gemeinsam mit den Gästen. „Hierfür haben wir sehr lange nach einer guten Lösung gesucht und keine gefunden“, sagt er und nimmt zwei verpackte Pantoffeln vom Bett einer Suite. „Es gab keine Wäscherei, keinen Anbieter, der sie nach der Reinigung nicht in Plastik verpackt hat. Also haben wir selbst eine Lösung entwickelt.“ Sie haben eine passende Einstecktüte aus Papier – natürlich 100 Prozent Recycling– entworfen und von einer lokalen Druckerei gestalten lassen. Jetzt stecken alle Waldklause-Pantoffeln in Papiertüten und werden in der hauseigenen Wäscherei gereinigt. Auf einem kleinen Schild im dritten Stock können die Gäste lesen, dass hierfür ausschließlich Öko-Reinigungsmittel verwendet werden. Wieder eine dieser kleinen Stellschrauben.

Weil es sie nur in Plastik verschweißt gab, wurden für die Pantoffeln im Hotel Waldklause…Weil es sie nur in Plastik verschweißt gab, wurden für die Pantoffeln im Hotel Waldklause…

…spezielle Verpackungen angefertigt.…spezielle Verpackungen angefertigt.

Doch was bedeutet das eigentlich: „ökologisch sein“? Was, wenn man sich entscheiden muss: bio oder regional? „Im Zweifel setze ich Regionalität über ein Bio-Siegel“, sagt er – bei Bio-Schnittlauch aus Venezuela könne er nur den Kopf schütteln. Irene Auer sicherlich ebenfalls. Sie ist für die Pflege des Kräutergartens auf der Terrasse im ersten Stock verantwortlich. Auch in der Küche versucht man so gut es geht auf Produkte regionaler Bauern zu setzen.

In der Küche werden fast ausschließlich regionale Zutaten verwendet.In der Küche werden fast ausschließlich regionale Zutaten verwendet.

Tipps kommen auch von den Gästen

Bei den Getränken geht es weiter: Auf der Suche nach einer guten Alternative zu Plastik-Trinkhalmen – Papier ist zu schnell aufgeweicht, Glas war nicht praktikabel – kam der entscheidende Hinweis von einem Gast: Ein Unternehmen in Südtirol fertigt Trinkhalme aus einem komplett kompostierbaren Kunststoff. Diese werden heute im Hotel verwendet. Einziger Nachteil: Sie sind ihren unökologischen Vorgängern so ähnlich, dass die Gäste den Unterschied nicht erkennen.

Im Waldklause wird aus komplett kompostierbaren Strohhalmen getrunken.Im Waldklause wird aus komplett kompostierbaren Strohhalmen getrunken.

Es gibt noch weitere Bereiche, erzählt Auer, in denen Kompromisse kaum auffallen. Thema Wasser. Daran hat ein Hotel – ganz besonders eines mit Spa-Bereich – nun mal einen großen Bedarf. Ein Energieberater hat sich diesen angeschaut und Optimierungspotenzial gefunden: Spar-Perlatoren in Wasserhähnen, Toiletten, Duschköpfen – bei Letzteren wurde der durchschnittliche Verbrauch beispielsweise pro Dusche von 15 auf weniger als 7 Liter pro Minute gesenkt. Gemerkt hat den Unterschied niemand.

Mit speziellen Duschköpfen wird im Waldklause mehr als 50% Wasser gespart.Mit speziellen Duschköpfen wird im Waldklause mehr als 50% Wasser gespart.

Vom Badezimmer in die Garage: Das hoteleigene Fahrzeug ist natürlich ein E-Auto, ein Renault Zoe. Geladen wird es an einer der drei Strom-Ladesäulen. Wie im Rest des Hotels fließt hier Ökostrom. Die Energie für Heizung, Warmwasser und ähnliches wiederum kommt via Fernwärme komplett aus dem Längenfelder Biomassekraftwerk, keine zwei Kilometer Luftlinie entfernt. Ein Glücksfall, denn mit Solaranlagen auf dem Dach ließe sich der Wärme-Bedarf in dieser Größenordnung niemals abbilden. Ursprünglich wurde das Kraftwerk für die Therme „Aqua Dome“ gebaut, heute versorgt es den kompletten Ort mit Fernwärme. Beheizt wird es durch Holz-Hackschnitzel aus der Region– vergleicht man seine Leistung mit einer entsprechenden Energiegewinnung durch das im Alpenraum immer noch durchaus gängige Heizöl, spart das Kraftwerk jährlich knapp 13.800 Tonnen CO2 ein.


                   Ein Blick hinter die Kulissen: Der "Maschinenraum" ist überraschend klein, da...
                Ein Blick hinter die Kulissen: Der "Maschinenraum" ist überraschend klein, da...

Die Vermessung des Waldes

Während die Herkunft von Wärme und Strom unsichtbar ist, ist etwas anderes omnipräsent beim Gang durch das Hotel und dessen Außenbereich: Holz. Überall. Bei den Wänden im Innen- (Fichte oder Zirbe) und Außenbereich (Lärche), beim Blick durch die bodenhohen Fenster auf den umliegenden Wald und beim Wandeln über den Baumsteg, der in mehreren Metern Höhe um das Hotel herum durch die vielen Lärchen und Fichten hindurchführt, die bis auf wenige Zentimeter an das Gebäude heranragen. „Was wäre die Waldklause ohne Wald?“, sagt Johannes Auer und bleibt vor einem alten, etwa fünf Meter hohen, abgestorbenen Baumstamm stehen. Prüfend schaut er hinauf: „Da hat sich jetzt tatsächlich ein Specht eingenistet. Gut, dass wir den stehen gelassen haben.“ Der Tipp dazu kam vom örtlichen Förster – mit dem arbeiten die Auers eng zusammen. Genau wie vor neun Jahren, als das Hotel erweitert wurde, als die hölzernen Rundbauten hinzukamen. „Wir haben damals jeden Baum im Wald vermessen lassen, um genau zu wissen, welche Bäume sich für die Konstruktion eignen, wo ihr Holz eingesetzt werden kann, um letztendlich so wenig Bäume wie möglich fällen zu müssen.“ Sämtliches Holz kam aus dem Wald rund um Längenfeld. Anschließend wurde alles wieder vom Förster aufgeforstet – mit regionalen Arten wie Kiefer, Fichte, Lärche.

Das Holz ist im Waldklause allgegenwärtig.Das Holz ist im Waldklause allgegenwärtig.

Viel Holz kommt aus dem lokalen Forst.Viel Holz kommt aus dem lokalen Forst.

Hier trifft Design auf Natürlichkeit.Hier trifft Design auf Natürlichkeit.

Die Massivholz-Bauweise kommt ohne Schrauben und Leim aus.Die Massivholz-Bauweise kommt ohne Schrauben und Leim aus.

Nicht nur draußen, auch drinnen ist es grün.Nicht nur draußen, auch drinnen ist es grün.

Ob Heizungsverkleidungen oder Papierkörbe – das Holz ist allgegenwärtig.Ob Heizungsverkleidungen oder Papierkörbe – das Holz ist allgegenwärtig.

Fragt man den Architekten Markus Kastl nach der Massivholzbauweise, betont dieser zwar die Verbindung eines nachhaltigen Hotelkonzepts, das sich gleichzeitig der Region verpflichtet und technisch am Stand der Zeit agiert. Doch auch hier gab es Hürden. „Der Holzbau hatte seine Tücken bezüglich der schalltechnischen Anforderungen“, erklärt Kastl. An diese Tücken erinnert sich Johannes Auer gut. Heute kann er darüber lachen und erzählen. Zu Beginn des Projektes, sagt er, wäre der Bau der Waldklause fast gescheitert. Zu viel Schall wurde übertragen, zu hellhörig waren die ersten beiden Prototypen für die Zimmer. Gemeinsam mit einem Baubiologen der Universität Innsbruck wurde geforscht und eine Lösung gefunden. Wieder natürlich, wieder aus Holz: Kork-Platten. Jedes Zimmer ist eine Art eigene Einheit und durch eine Kork-Schicht komplett entkoppelt. Kein Durchkommen für Schall. Dementsprechend ruhig ist es beim Laufen durch Gänge oder Zimmer. Besonders dann, wenn über die Filz-Läufer schreitet, die man überall im Hotel findet. Wo der Filz herkommt? „Das ist alles aus Schafswolle und kommt aus dem Ötztaler Schafwollzentrum“, erklärt Auer. Dazu war man sozusagen historisch verpflichtet – sein Großvater war ein ortsansässiger Schäfer.

Auch in Zukunft wird Johannes Auer mit einem aufmerksamen und prüfenden Blick durch die Räume laufen. Der tägliche Spagat, die Suche nach Verbesserungspotentialen, das Drehen an kleinen und großen Stellschrauben, das Finden von Kompromissen – all das wird weitergehen. Macht aber nichts. Schließlich sind die Ötztaler ja für ihre Sturheit bekannt. Und die kann sehr positiv sein.

Fotos: Jörg Koopmann & Lene Harbo Pedersen

Alexander Zimmermann ist so oft es geht am Berg – meist in Wander- oder Kletterschuhen. Im Winter allerdings ebenso gerne auf Alpinen oder Langlauf-Ski. Als Journalist und Stratege pendelt er zwischen München, Tirol, Hamburg und Heidelberg.

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