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Stefan slammt – The Spirit of Zeitgeist

Aktualisiert am 02.11.2021 in Magazin

Prost: Unser Magazin-Kolumnist Stefan Abermann liebt Schnaps-Tastings.
Prost: Unser Magazin-Kolumnist Stefan Abermann liebt Schnaps-Tastings.

Bei modernen Schnapsverkostungen vergisst man zwischen Blumenbouquet und glitzernden Gärbottichen fast, wie viel Power im Klaren steckt, findet unser Kolumnist. Obacht! Prost!

Vor Kurzem wollte mir ein Freund eine Freude machen. Er schenkte mir etwas, „was mir bestimmt Spaß machen würde“: eine Schnapsverkostung. Toll, dachte ich, man hält mich für einen Säufer. Schnapsverkostung, das kannte ich davor eher als „Shnap’s Tasting“, eine Art destillatorische Heizdeckenveranstaltung, eine Irish-Kaffeefahrt, bei der wehrlosen Reisenden minderwertiger Fusel angedreht wird. Doch dann klickte ich mich durch die auf dem Gutschein angegebene Webpräsenz und sah ein anderes Bild: durchgestylte Aufnahmen kupferner Gärkessel, Menschen, die sich nach ihrem harten Tagwerk als Innenarchitekten die Zeit nahmen, einen goldenen Lichtstrahl durch eine prismatisch klare Flüssigkeit fallen zu lassen. Versonnen fixierten sie ihre Kristallgläser und kuschelten sich in ihre Wollpullis. Bald würden diese Menschen Liebe machen. Vielleicht miteinander, auf jeden Fall aber mit dem Schnaps.

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Plötzlich verstand ich, dass heute selbst Schnaps Lifestyle sein kann. Etwas, das einem von einer „Aromaberaterin“ „vermittelt“ wird, statt dass man einfach die Flasche leer säuft, bis niemand mehr weiß, wo oben und unten ist. „Spüren Sie das blumige Bouquet? Den galanten Abgang? Die florale Struktur der Aromen?“ All das will der Schnapsinquisitor mit dem Produkttest-Fragebogen wissen, mit esoterischem Säuseln in der Stimme.

Und tätsächlich, da ist ein halber Obstgarten in der Zauberflöte und Fruchtnoten, die einem den Kopf so verdrehen, dass man fast vergessen könnte, dass es immer noch Alkohol ist, der derbe reinhauen kann. Das sind Prozente, die teuer werden können, die Wucht in 2-cl-Dosen, eine Gedankenvernichtungswaffe. Vielleicht fangen bald auch Waffenfirmen an, ihre Shots so zu vermarkten: „Bemerken Sie das diskrete Singen des Laufs, die melodiöse Komponente des Knalls?“ Da fehlt nur noch ein Innenarchitektenpärchen.

Prost: Unser Magazin-Kolumnist Stefan Abermann liebt Schnaps-Tastings.
Prost: Unser Magazin-Kolumnist Stefan Abermann liebt Schnaps-Tastings.

Doch Schnaps hat eben viele Seiten, und vielleicht liegt gerade darin sein Reiz. Eigentlich ist Schnaps wie eine Familie: Es gibt ein paar Einserbrände und Vorzeigefässer – Schwiegerstamperl zum Verlieben, wo die Brenner danebenstehen wie stolze Eltern bei der Abschlussfeier: glasklare Handwerkskunst, bei der man noch die Wuchsrichtung des Obstbaums herausschmeckt. Dann gibt es Geselligkeitsgeiste und Schwips-Schwager, die ein ganzes Dorf unterhalten können, wo alle Nachbarn so lang verkosten, bis zum Abfüllen gar nichts mehr übrig bleibt. Wieder andere sind Freunde, die man nur aufsucht, wenn es einem schlecht geht: Schluck-Buddys und Gesprächspartner zum Einreiben. Doch wie in jeder guten Familie gibt es auch den unbeliebten Rest: Nachlaufonkel, Maischeschwestern und Likörcousins, und hintennach purzeln noch Heere entfernter Verwandter, die man gar nie kennenlernen wollte: pöbelnde Obstler, Korns und Krautingers – Feuerwässer, die wie Flammenwalzen durchs Land ziehen, um Mägen, Lebern und Hirne zu verwüsten. Destillate, in denen alles verarbeitet wurde, was zum Wegwerfen zu schade war; das, was Familienväter dazu bringt, nackt auf Tischen zu tanzen. Brandgefährliche Brände, bei denen man eigentlich gleich wieder einen Schnaps bräuchte, um sie aus dem Gedächtnis zu löschen.

Aber all das ist eben (auch) Schnaps – das Gute und das Böse zugleich. Ein Rausch, den man nicht vergisst, der aber auch vergessen lässt. Kontrollverlust in Tröpfchenform, aber auch eine Austrittskarte aus einer Welt, die alles unter Kontrolle zu haben glaubt. Wohl und Weh liegen stets nur einen Schluck auseinander. Und genau das sollte man nie vergessen – egal, in welcher Form ein (Zeit-)Geist sich zeigt: Auch mit durchsichtigen Dingen kann man ein blaues Wunder erleben.

 

 

Stefan Abermann
Stefan Abermann

Der Poetry-Slammer, geboren 1983, lebt mit seiner Familie in Innsbruck. Abermann verfasst neben Bühnentexten auch Romane und Theaterstücke. Zuletzt ist der Kurzgeschichtenband „Changes“ erschienen.

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