Corita Kent: Ikone der Pop-Art in Innsbruck - Geschichten - kultur.tirol
Corita Kent, Joyful Revolutionary in der Galerie im Taxispalais, Foto: Arthur Evans
30.05.–11.10.2020, Galerie im Taxispalais

corita kent: Ikone der Pop-art in innsbruck

Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin, Professorin, Nonne und Pop-Art-Ikone der 1960er-Jahre Corita Kent sind vom 30. Mai bis 11. Oktober 2020 unter dem Titel „Joyful Revolutionary“ in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais zu sehen. Text: Benjamin Stolz
Titelfoto: Corita Art Center, Immaculate Heart Community, Los Angeles, Arthur Evans

Im unteren Foyer der Taxispalais Kunsthalle in Innsbruck sind die Wände knallgelb gestrichen. Die Bilder, die an ihnen hängen, sind bunte Proteste: Auf einem orangefarbenen Siebdruck verbrennen die Brüder und katholischen Priester Daniel und Philip Berrigan Einrückungsbefehle für den Vietnamkrieg mit Napalm. Gegenüber hängt eine orange-lilafarbene Kollage aus den Bildern von Martin Luther King, Robert und John F. Kennedy und einem hölzernen mexikanischen Christus.

Corita Kent, Foto: Arthur Evans

Die rebellischen Jesuiten Daniel und Philip Berrigan waren nicht nur Freunde von, sondern auch Inspiration für Corita Kent.
Foto: Arthur Evans

Die Bilder sind Teil der ersten Solo-Ausstellung von Corita Kent (1918–1986) in Österreich, einer Nonne, die als Pop-Art-Star in die Kunstgeschichte einging. „Als ich die Siebdrucke gesehen habe, dachte ich: Das muss ich in Tirol zeigen“, erzählt Nina Tabassomi, Kuratorin der Schau und Direktorin der Kunsthalle. In den ausgestellten Werken treffen katholischer Aktivismus und das Streben nach sozialer Gerechtigkeit auf die spielerische Gestaltung und lyrische Komposition von farbenfrohen Siebdrucken – dem Medium, das Kent wegen seiner geringen Herstellungskosten und Vervielfältigungsmöglichkeiten als „demokratisch“ erachtete.

Die Ausstellung Joyful Revolutionary, die noch bis 11. Oktober 2020 zu sehen ist, zeigt Werke der Künstlerin von den frühen bis in die späten Sechzigerjahre. In ihrer Karriere sind es genau diese Jahre, in denen sie zur popkulturellen Ikone aufstieg und seit denen sie in einem Atemzug mit Künstlern wie Andy Warhol oder John Cage genannt wird.

Von A bis Z

Nicht chronologisch, dafür programmatisch beginnt die Ausstellung mit der Serie Circus Alphabet (1968). Über die blauen Wände des Raumes (die Schauräume sind in Primärfarben rot, gelb und blau gehalten) erstrecken sich die 26 Buchstaben des Alphabets in quadratischem Format. Nina Tabassomi erklärt, wie sich allein am Buchstaben A vieles an Corita Kents Werk erklären lässt. Über den rosa Buchstaben A ist ein altes Werbeplakat mit der Überschrift „The Circus“ gedruckt, darunter ein handgeschriebenes Zitat des Dichters E. E. Cummings: „damn everything but“ (verdamme alles außer). „Der Zirkus ist lebensbejahend, unterhaltend, spielerisch und Werbung weiß, wie sie Attraktion schafft. Diese beiden Sphären verwendet Kent, um große Dinge wie Demokratie oder soziale Gerechtigkeit zu verhandeln.“ 26 Einzelwerke aus Zitaten, Werbeplakaten und leuchtenden Farben, allesamt angeordnet in der wohl bekanntesten Buchstabenfolge, fügen sich zu einem „Aufruf zur Neugier, zu einem kindlichen Blick, der grundsätzliche Dinge hinterfragt“. Diese Neugier ist eine Konstante im Leben von Corita Kent. Aus einer armen Arbeiterfamilie stammend, tritt sie mit 18 Jahren dem Orden Sisters of the Immaculate Heart of Mary in Los Angeles bei, in dessen College die talentierte junge Frau studieren, Kunst machen und später unterrichten darf.

Corita Kent, ABC, Foto: Günter Kresser

Die drei Werke A i love that one, B beauty you und C capital clown bilden den programmatischen Anfang der Serie Circus Alphabet.
Foto: Günter Kresser

Kapitalismus und soziales Gewissen

Wie Corita Kent dazu gekommen ist, sich die seit den 1960er Jahren inflationär verwendeten Werbeplakate und Billboards zunutze zu machen, zeigen die Werke im roten Raum. Im Zentrum des Drucks mary does laugh steht der Schriftzug „Mar Bas“, der dem Logo eines Supermarkts entnommen ist. Darunter steht das Statement einer Studierenden, die Maria als eine normale Frau beschreibt, die bei „Market Basket“ einkauft. Noch stärker wird der religiöse Bezug bei der künstlerischen Verarbeitung bekannter Brotmarken. Nina Tabassomi: „Corita Kent interessiert sich in dieser Zeit für den Zusammenhang zwischen Nahrung und sozialer Gerechtigkeit.“ Schrift spielt in den Serigrafien Kents eine wichtige Rolle. Durch eine große Experimentierfreude mit verschiedenen Schriftgrößen, -arten, -farben und Perspektiven entstehen mehrdeutige Wort-, Silben- und Buchstabenporträts. Eine Sache haben die Drucke laut Tabassomi aber gemeinsam: „Sie stehen auf unkonventionelle Weise für soziale Gerechtigkeit ein. Der Konsum wird dafür umgewertet und fruchtbar gemacht.“ In der Siebdrucktechnik, die sie in der ausgestellten Schaffensperiode am meisten nutzt, hat Kent ein Mittel gefunden, ihre Kunst der kapitalistischen Marktlogik zu entziehen. Durch eine Art Seidenschablone werden von jedem Werk gleich mehrere Originalexemplare gedruckt, die nicht nummeriert und heute wie damals vergleichsweise erschwinglich sind.

Corita Kent, Foto: Günter Kresser

In diesen Drucken bekommen Billboards eine religiöse und gesellschaftspolitische Lesart.
Foto: Günter Kresser

Bruch mit der Religion

Corita Kents Werk ist stark mit ihrer Religion verknüpft. Besonders klar wird dies an zwei Erlebnissen im Jahr 1962, die Kents Leben und ihre Kunst für immer verändern sollten. Einerseits sah sie in diesem Jahr erstmals Andy Warhols berühmte Campbell‘s Soup Cans, die sie zur intensiven Beschäftigung mit Pop-Art inspirierten. Andererseits fand das Zweite Vatikanische Konzil statt, das die Katholische Kirche ins 20. Jahrhundert bringen sollte. Die durch die Pop-Art erneut evozierte Öffnung der Kunst in die Alltagswelt und die zugleich stattfindende Öffnung der Kirche, „hat Kent als zwei parallele Bewegungen gesehen, die sie in ihrer Kunst verschränkt hat“, erklärt die Kuratorin. In dieser Stimmung organisiert Corita Kent auf ihrem College Marienprozessionen, die Anleihen an die damalige Protestkultur und deren Themen zeigen.  „Das fand das konservative Erzbistum von Los Angeles nicht so lustig“. 1968 folgte der stille Bruch Kents mit der Katholischen Kirche. Still deshalb, weil der in einer Vitrine ausgestellte Abschiedsbrief, den Kent ihren Vorgesetzten geschrieben hat, nicht polemisch, sondern eher resigniert wirkt. Später tritt Corita Kent sogar aus der Kirche aus.

Thomas Conrad Alleluja

Thomas Conrad, Alleluja, 1967
Foto: Günter Kresser

Heroes und Sheroes

Die Werke im gelben unteren Foyer stammen aus der Zeit, als Kent frisch aus dem Orden ausgetreten war. In der Serie heroes and sheroes (1969) gibt sich Frances Elisabeth Kent so politisch, wie sie es danach nie mehr sein wird. Wichtige Figuren der zeitgenössischen Protestkultur kommen hier zu Wort und zu Papier: Coretta Scott King, die die Ermordung ihres Mannes mit einer Kreuzigung vergleicht, der Theologe William Sloane Coffin, der in einem Playboy-Interview meint „Ich bin nicht optimistisch, aber ich bin hoffnungsvoll“, und die eingangs erwähnten Gebrüder Berrigan, deren Aktivismus wie der Corita Kents letztlich zum Bruch mit der Kirche führt. Für Kent folgen in den Jahren danach große Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum. Sie gestaltet Buchcover, publiziert in Fachzeitschriften, hält Vorträge und gestaltet sogar eine Briefmarke. „Sie arbeitet viel“, resümiert Nina Tabassomi, „ist aber ein bisschen netter, nicht mehr so scharf. Es gibt nicht mehr so viel Reibungsfläche“. Trotz der Restriktionen hat Kent in ihren Ordensjahren viel Inspiration aus ihrem Katholischen Arbeits- und Lebensumfeld gezogen. Corita Kent blieb bis zu ihrem Lebensende ein Workaholic und eine Kämpferin für die Gerechtigkeit. Auch nach dem Kirchen-Austritt ist ihr die lebensbejahende Freude an der Kunst geblieben – bis zu ihrem Lebensende ist sie eine „joyful revolutionary“.

Corita Kent_Joyful Revolutionary

30.05.–11.10.2020
Corita Kent

Foto: Günter Kresser

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