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Von Total Chaos bis Von Seiten der Gemeinde

Mic check! 30 Jahre Hip-Hop in Tirol

Rap und Tirol – das funktioniert seit 30 Jahren. Wir sprachen mit den Pionieren der Szene Holger Hörtnagl von Total Chaos und DJ Busy Fingaz über Hip-Hop-Geschichte zwischen Arlberg und Pass Thurn. Text: Haris Kovacevic
Titelfoto: Wax Wreckaz by Flo Trattner

Was einst im New Yorker Untergrund begann, ist längst im Mainstream angekommen – auch in Tirol. Mit Rap-Tracks in Mundart drücken die Crews dem Hip-Hop hierzulande ihren eigenen Stempel auf. Möglich gemacht haben das die Pioniere der Szene. Wir spulen 30 Jahre zurück …

Aus der Bronx nach Wilten

Holger Hörtnagl, Foto: Alexia Fin

30 Jahre Hip-Hop-Geschichte: Holger Hörtnagl aka DBH

Beim Blättern in der Bravo bleibt der Blick des 12-jährige Holger Hörtnagl auf dem Foto von Tim Simenon hängen. Dieser, einigen Insidern vermutlich noch bekannte DJ, ist darauf mit drei Plattenspielern zu sehen. Holger findet das extrem cool, obwohl er gar nicht wirklich weiß, was der Typ da eigentlich macht. Von da an sollte das Hip-Hop-Fieber den Teenager aus dem Innsbrucker Stadtteil Wilten nicht mehr loslassen. Ohne Internet, Fachmagazine oder sonstige Info-Quellen versucht er sich Ende der 80er-Jahre über alles zu informieren, was mit der Straßenkultur zu tun hat.

Vor allem weiß Holger aber, dass er selber Hip-Hop produzieren will. Doch der Pionier muss schnell feststellen, dass Innsbruck nicht der beste Ort ist, um eine Rap-Karriere zu beginnen. Nur etwas mehr als zehn Jahre zuvor war die Kultur in New York entstanden. Von der Bronx eroberten Kunstformen wie Rap, Breakdance oder Graffiti die ganze Welt und so landet das Bild eines Hip-Hop-DJs auch in der deutschen Bravo. 

Total Chaos: Allein auf weiter Flur

Total Chaos, lange Zeit die einzige Hip-Hop-Band in Tirol: „werwaswannwiewo“ von 1997

Clemens Fantur (später als Rapper Manuva bekannt) ist Holgers Nachbar und Leidensgenosse. Ende der 1980er sind sie die einzigen Innsbrucker, die dieselbe Leidenschaft für Hip-Hop hegen. Die beiden Tiroler möchten so aussehen wie die Typen in den Videos von N.W.A. oder Public Enemy. So einfach ist das aber nicht: „Für die Klamotten musste man nach München“, erzählt Holger. In einem Army-Shop konnte man sie bestellen und etwa neun Monate später abholen kommen. „Man musste also wirklich davon überzeugt sein, dass man diese Kultur leben wollte. Und dann schauten einen die Leute auf den Innsbrucker Straßen schräg an“, lacht Holger.

Bereits mit 16 Jahren produziert Holger die ersten Beats und Clemens schreibt die Texte dazu. Die spöttischen Blicke machen bewundernden Platz – denn das, was die beiden bei ihren Ausflügen nach München bei Jams ausprobieren, kann sich hören lassen. Anfangs noch hauptsächlich in „schlechtem Englisch“, wie Holger zugibt, und bei Punk-Konzerten. Die damals stark vertretene Punk-Szene war offen für Neues und Holger und Clemens wurden regelmäßig im Innsbrucker Hafen auf die Bühne gebeten. 

Die goldene Ära des Deutschrap

Waxolutionists feat. Manuva: „Nachtschattengewächs“.

Anfang der 90er Jahre finden schließlich im Utopia und im Treibhaus Hip-Hop-Konzerte mit Künstlern aus Frankreich, England und Deutschland statt. Mittendrin: die einzige Innsbrucker Rap-Crew namens Total Chaos, bestehend aus Holger, Clemens und José Fernando Dona (genannt Donn). Total Chaos sind lange Zeit die einzige Adresse, an die sich Veranstalter wenden können, um eine lokale Vorband zu bekommen. Im deutschsprachigen Raum wächst unterdessen eine Szene heran, die als die „Goldene Generation“ gilt. „Mit Bands wie Freundeskreis, Fanta Vier und Eins zwo ging es los und ein breites Publikum wurde auf Hip-Hop aufmerksam“, erzählt Holger.

Die deutsche Rap-Welle veränderte alles: „Als im Treibhaus Mitte der 90er monatlich Hip-Hop-Festln organisiert wurden, kamen so viele Leute, dass man eigentlich nicht mehr von einer Nischen-Szene reden konnte“, sagt Holger. Er selbst organisierte im Utopia einmal im Monat einen Jam namens „Most Wanted“, der ebenfalls zu einem Fixtermin für Fans wurde. Vor allem in der aufblühenden Snowboard-Szene kam die Musik gut an. So ritten Total Chaos auf der ersten Deutschrap-Welle und tourten mit Crews wie ‚Blumentopf‘ oder ‚Ein zwo‘ durch Deutschland.

Die nächste Generation

Schmerzen in Männerherzen: IBK-Tribe mit Dialekt-Rap und „Schick sie wieder weg“

Als die Jungs von Total Chaos zunächst nach München und dann nach Wien ziehen, hinterlassen sie in Innsbruck eine kleine, aber bunte Hip-Hop-Szene: „Als Teenager pilgerten wir immer vom Unterland nach Innsbruck, um die Jams und Konzerte mitzuerleben. Im Utopia, das später Nutopia und noch später Weekender hieß, wurde Hip-Hop aufgelegt, ebenso im Treibhaus oder Hafen“, erinnert sich Claudio Blassnig a.k.a. DJ Busy Fingaz an die frühen Nullerjahre. Mit seinem DJ- und Produzentenkollektiv „Wax Wreckaz“ feiert er seit mehr als 20 Jahren Erfolge im In- und Ausland. 

Plötzlich traten mit „IBK Tribe“ oder „Wisdom and Slime“ auch neue Crews auf den Plan und Dialekt-Rap wurde salonfähig. DJs aus Tirol etablierten unterdessen eigene Veranstaltungsorte und mussten damit zurechtkommen, dass sie in Wien unbemerkt blieben. „So trat beispielsweise Claudio mit seiner Crew Wax Wreckaz beim Snowboard-Festival Air’n’Style vor 1.000 Menschen auf, während man in der Hauptstadt gar nichts von ihnen wusste“, erzählt Holger Hörtnagl.

Clubkultur zwischen Kommerz und Underground

Die „Wax Wreckaz“ brachten frischen Wind in die Innsbrucker Clubs und sind auch als Produzenten erfolgreich.

Vor allem in der Innsbrucker Clubkultur hinterließen Claudio Blassnig und seine Crew tiefe Spuren: Im eher mainstreamig ausgerichteten Blue Chip übernahm DJ Fu, einer der Wax Wreckaz, die DJ-Bookings und machte den Laden zu einem Sammelort für Hip-Hop-Fans. Parallel dazu gab es im Couch Club in der Anichstraße die legendären Donnerstagabend-Partys mit internationalen DJs.

Während im Blue Chip auch mal poppigere Nummern von Jay-Z & Co. liefen, war die Musikselektion in der „Couch“ spezieller. Die Wax Wreckaz schafften den Balanceakt und begeisterten in beiden Clubs das Publikum. „Doch zeichnete sich damals schon ab, dass Hip-Hop vielschichtiger wird und auch immer mehr die Popmusik beeinflusst“, sagt Claudio Blassnig.

Was man alles mit einem Honda Civic anstellen kann, erläutern Jamin & Fid Mella im Jahr 2017.

Von Mainstream und Gangsta-Rap

Heute scheint Hip-Hop in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. „Mein 11-jähriger Halbbruder hört Capital Bra rauf und runter, während sich mein 50-jähriger Nachbar A Tribe Called Quest reinzieht“, erzählt Claudio Blassnig. Gleichzeitig ist die Kultur aber so facettenreich und vielseitig wie nie zuvor – auch in Tirol. Waren es vor 10 Jahren noch Läden wie das NLK oder das FUYA, wo sich Jugendliche trafen und Projekte entstanden, verlagert sich die Szene immer mehr ins Netz. Der Produktivität tut das aber keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.

Gangsta-Rap beispielsweise, in dem Menschen zu Wort kommen, die sonst kaum eine faire Chance für sich gesehen hätten, ist auch in Tirol auf dem Vormarsch. Waren und sind es in den USA vor allem afroamerikanische Künstler, die auf Probleme in den Vorstädten aufmerksam machen, sind es im deutschsprachigen Raum meist KünstlerInnen mit Migrationshintergrund, die thematisch ähnliche Felder beackern. Sprachlich bringen sie neue Wörter aus ihren Herkunftsländern ein und sind damit sehr erfolgreich. Tirol hat mit Albi, Traplin oder RamZ Vertreter dieses Genres, die in ihren Liedern vom Aufwachsen in Innsbruck aus ihrer Perspektive erzählen. Dass das nicht ohne Waffen, Drogen, Macho-Kultur und andere Gangsta-Klischees vor sich geht, versteht sich von selbst. 

Gangsta-Rap aus Tirol: Traplin geht „Im Schutz der Dunkelheit“ finsteren Geschäften nach.

Stadt? Land? Egal!

David Spiss, alias Yo!Zepp, von „Von Seiten der Gemeinde“ wiederum sieht in der Sprache, mit der er aufgewachsen ist ein enormes Potenzial für die Kunstform. Im Sommer 2020 hat sich seine Crew ein verlängertes Wochenende lang in einer Berghütte verschanzt, um ein Hip-Hop-Album zu produzieren – und zwar von vorne bis hinten im Oberländer Dialekt. Dass das nicht ungewöhnlich ist, beweist ein Blick auf das Opus der Band. Von „Årbada“ über „Graukas drau“ bis hin zu „Gmiatliga Socka“ gibt es hier für jeden Mundart-Forscher etwas zu entdecken. 

„Rap im Dialekt wirkt viel natürlicher und authentischer. Er ermöglicht uns, thematisch in eine eigene Welt einzutauchen und uns so auszudrücken, wie wir gewohnt sind zu denken und zu reden“, sagt David Spliss. „Von Seiten der Gemeinde“ beweisen eindrücklich, dass Tirolerisch wie geschaffen für Rap ist. Ihr Anspruch ist es auch, traditionelle Denkmuster zu durchbrechen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff Heimat zu ermöglichen.

Be Prepared: Von Seiten der Gemeinde x Da Kessl mit einem nagelneuen Track. Rap auf „Oberlandlerisch“ ist heute das Normalste auf der Welt.

30 Jahre und kein bisschen leise

Der wichtigste Treffpunkt für Hip-Hop-Fans war bis zur Corona-Pandemie der Club "Dachsbau" in der Innsbrucker Herzog-Otto-Straße. Doch auch in Zeiten von Lockdowns und Ausgangssperren klopft bereits eine neue Tiroler Rap-Generation lautstark an die Tür. Ihre musikalische Heimat findet sie vor allem beim Innsbrucker Label Aton Studio.

Die Ötztalerin Nenda wiederum wirft in „Mixed feelings“ einen Blick auf den Alltagsrassismus in Europa, während Rapperin Spilif die männderdominierte Hip-Hop-Welt aufmischt. Die Wax Wreckaz produzieren auf internationalem Niveau und zeigen 2020 in "Bun Dung ft. Javada" eindrucksvoll wie es klingt, wenn Tirol auf Jamaica trifft.

Jason Gundada hingegen fragt sich new-schoolig, „warum trapst du so hart?“, während es die AUTsiderz aus Zirl eher poppig angehen. Die Reggae-Urgesteine von der Rebel Musig Crew sind eine Institution in Sachen augenzwinkernder Gesellschaftskritik im Unterland. Auch die Osttiroler Iriepathie mögen's karibisch und rappen seit 20 Jahren auf Reggae-Beats.

So unterschiedlich die Styles und Attitüden der KünstlerInnen auch sein mögen, sie zeigen deutlich, dass die Zeiten, in denen Tirol als unfruchtbarer Boden für Hip-Hop galt, ganz offensichtlich vorbei sind.

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