Handwerk in Tirol

Werk von Hand
und
Wert von Hand

In ihrem neuesten Buch porträtiert Susanne Gurschler 20 Handwerkerinnen und Handwerker aus Tirol. Mit ihrem Werk möchte sie „keinen nostalgisch verklärten Blick in die Vergangenheit“ werfen, sagt sie. Wieso sie das Buch geschrieben hat und warum es wichtig ist, traditionelles Handwerk zu schätzen und zu bewahren. Text: Haris Kovacevic
Bild: Kary Wilhelm

Was hat Handwerk Ihrer Meinung nach mit Kultur zu tun? So wie Lesen und Schreiben ist auch Handwerk eine Kulturtechnik. Etwas herstellen zu können, das unser Leben erleichtert oder verbessert, in einigen Fällen ja sogar erst ermöglicht, hat unsere Gesellschaft geprägt. Die Leute, die hier lebten, mussten selbst handwerklich begabt sein, um sich ein Leben aufzubauen – Wer besonders geschickt war, machte es zu seiner Profession. Daraus haben sich die verschiedenen Handwerke entwickelt, die bis heute tradiert wurden. Kulturtechniken verbinden Menschen, bereichern unser Leben und die Produkte sollten daher in unserer Wahrnehmung auch eine hohe Wertigkeit haben.

Haben Sie den Eindruck, dass von heimischen Handwerkern gefertigte Produkte wenig gewertschätzt werden? In den letzten Jahren hat durchaus ein Umdenken stattgefunden. Vor allem beim Thema Lebensmittel achten die Menschen verstärkt auf Regionalität, Nachhaltigkeit und hohe Qualität. Das bemerkt man auch auf den Bauernmärkten. Bei handwerklichen Produkten ist es noch nicht so ausgeprägt. Das hat auch mit dem Konsumverhalten zu tun. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, viel zu viele Dinge sind viel zu wenig wert. Wie bei den Lebensmitteln sollten wir uns aber viel mehr Gedanken darüber machen, woher die Sachen kommen, wie sie produziert werden, unter welchen Bedingungen sie produziert werden. Nicht nur weil die Ressourcen endlich sind und unsere Umwelt das nicht mehr lange durchhält, sondern weil man mit seinem Konsumverhalten Betriebe und Produzenten fördert, die oft unter Bedingungen herstellen, die, gelinde gesagt, nicht unterstützenswert sind.

Bei der Recherche durfte Susanne Gurschler die Handwerkerinnen und Handwerker in ihren Werkstätten besuchen. 

Was finden Sie an Produkten traditionellen Handwerks so beeindruckend? Während meiner Recherche für dieses Buch bin ich vielen ganz unterschiedlichen Menschen begegnet. Eines hatten sie aber alle gemeinsam: die Leidenschaft und Begeisterung, mit der sie ihre Produkte herstellten – das fand ich inspirierend, einfach toll. Das spürt man vor allem, wenn man ihnen beim Arbeiten zusieht. Beim Glasmacher Richard Weber zum Beispiel hatte ich den Eindruck, dass das Glas fast etwas Lebendiges ist. Er arbeitet mit hoher Konzentration und muss gleichzeitig extrem flexibel sein, auf das Material eingehen. Seit ich miterlebt habe, wie ein Trinkglas entsteht, greife ich Gläser ganz anders an. Oder Weben, das ist eine sehr meditative Arbeit, es fordert ebenfalls große Konzentration, aber in einer ganz anderen Form. Die Arbeitsprozesse sind einfach faszinierend.

Die Rodeln müssen vor dem Winter fertig werden. Sohn Philipp Lederwasch legt im Familienbetrieb auch Hand an.

Was kann man machen, um diese Kulturtechniken zu fördern? Erst einmal muss Handwerk in der Wahrnehmung der Menschen eine Aufwertung erfahren. Ein schöner handgemachter Stuhl ist meines Erachtens einfach ein Wert, wie ein gut geschriebener journalistischer Text ein Wert ist. Mit der Wertschätzung allein ist es aber nicht getan. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Handwerker ihre Produkte natürlich auch verkaufen wollen. Sie leben davon. Wir erhalten ein erstklassiges Produkt, hervorragend verarbeitet, das lange hält, viel Freude macht – im wahrsten Sinne nachhaltig ist.

Bei den Handwerkern geht es also zum Teil um ihre Existenz? Uns muss bewusst sein, dass mit jedem Handwerk, das stirbt auch ein Stück Kultur stirbt. Schließlich wurde das Wissen über Jahrhunderte weitergegeben, weiterentwickelt. Passiert das nicht mehr, landet Handwerk in Museen. Im schlimmsten Fall werden Techniken vergessen. Ein Beispiel: In Tirol gibt es – meines Wissens – keine Kalkbrenner mehr. Um aber ein historisches Bauernhaus zu restaurieren, benötigt man Kalk, braucht es Leute, die mit diesem Werkstoff umgehen können, ihn richtig einsetzen.

Bei ihrem Besuch beim Glasbläser Richard Weber hatte Susanne Gurschler das Gefühl, das Glas wäre etwas Lebendiges. 

Sind Sie selber handwerklich begabt? Nein, mein Thema ist das Schreiben. Mein familiärer Background hat mich aber sehr geprägt und ich weiß die Leistungen von Bauern und Handwerkern sehr zu schätzen. Mein Opa war Schuster. Ich erinnere mich an seine Werkstatt, die Gerätschaften, für uns Kinder eine Fundgrube und ein Mysterium. Meine Oma war Näherin, hat unsere Kleider genäht, geflickt. Meine andere Oma hat noch Wolle „getartscht“ und gesponnen, aus der im Winter Socken und Janker gestrickt wurden. Das war aber offensichtlich in den 1970er Jahren schon ungewöhnlich. Ich kann mich nämlich erinnern, dass sie noch im hohen Alter von einem Filmteam dabei gefilmt wurde. Insofern freut es mich besonders, wenn etwa das Spinnen eine Renaissance erfährt oder Doggln wieder total beliebt sind.

Also mussten sich diese und ähnliche Kulturtechniken schon immer gewissen Herausforderungen stellen? Natürlich, die Zeiten ändern sich, viele Handwerksberufe gibt es nicht mehr, weil es sie schlicht nicht mehr braucht – Scherenschleifer, Pfannenflicker, Wagner etwa. Auch in Zukunft wird traditionelles Handwerk mit Herausforderungen konfrontiert sein, bestimmte Handwerke werden auch nur noch von wenigen Menschen in Tirol ausgeübt. Es geht bei diesem Thema aber auch um uns: Wir müssen unser Konsumverhalten hinterfragen. So wie wir insgesamt derzeit mit den natürlichen Ressourcen umgehen, wird unser Planet nicht mehr lange mitmachen. Deswegen finde ich, dass wir auch bei Nutzgegenständen verstärkt auf Nachhaltigkeit und Regionalität achten sollten. Die regionalen Produkte haben natürlich ihren Preis, aber eben auch ihren ganz besonderen Wert.

Kein "nostalgisch verklärter Blick in die Vergangenheit", sondern ein Blick in die Gegenwart und Ausblick in die Zukunft.

Susanne Gurschler lebt und arbeitet als freie Journalistin in Innsbruck.

Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben? Handwerk liegt mir sehr am Herzen, nicht nur weil es in Tirol eine lange Tradition hat. Gerade im Bereich Kunsthandwerk passieren immer wieder ganz neue, tolle Sachen. Das Ziel des Buches war es nicht, möglichst viele Handwerker zu porträtieren, weil wir bald keine Gelegenheit mehr dazu haben würden, sondern zu zeigen, welchen Stellenwert sie in der heutigen Gesellschaft haben und haben können. Die Idee, das Thema Handwerk als Kulturgut zu thematisieren, Handwerker zu porträtieren, hat dem Tyrolia-Verlag gefallen.

Susanne Gurschler

freie Journalistin und Autorin

Geboren und aufgewachsen in einem Südtiroler Bergdorf, zog es Susanne Gurschler zum Studium nach Innsbruck. Ihre journalistische Laufbahn begann 1998 beim Nachrichtenmagazin Echo. Als freie Journalistin und Autorin lebt sie heute in Innsbruck und schreibt für verschiedene Magazine, Zeitschriften und Blogs. Ihre Schwerpunkte sind Kunst, Kultur, Architektur und Kulinarik. Vor Kurzem erschien im Tyrolia-Verlag ihr neuestes Werk „Handwerk in Tirol. Wo Können auf Leidenschaft trifft“.

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