Die Kunst des Larvenschnitzens

Fratzen aus Holz

Bei den alljährlichen Perchtenumzügen treiben zahlreiche teuflische Gestalten ihr Unwesen in Tirol. Damit diese auch wirklich furchteinflößend sind, braucht es vor allem eines: schaurige Larven. Kultur.tirol hat einen Schnitzer solcher Holzmasken in seiner Werkstatt besucht. Text: Simon Leitner
Bild: Axel Springer

Eigentlich ist Marco Edenstrasser gelernter Schlosser. In seiner Freizeit hat der 28-Jährige aber weniger mit Metall, sondern mehr mit Holz zu tun: Dann stellt er nämlich in seiner eigenen Werkstatt in Rattenberg Larven, vorzugsweise für Perchten, her – und das mittlerweile bereits sein halbes Leben lang.

Der gebürtige Rattenberger Marco Edenstrasser ist bereits seit 14 Jahren in seiner Freizeit als Larvenschnitzer tätig. Spezialisiert hat er sich auf Perchtenlarven, wobei er gelegentlich auch andere Brauchtumsmasken anfertigt.

"Das kann er, das mag er"

Das Schnitzen von Holzmasken für die zahlreichen Brauchtumsumzüge Tirols wird hierzulande im Allgemeinen als ebenso altes wie ehrwürdiges Handwerk angesehen, dessen Eigenarten, aber auch Geheimnisse von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Bei Marco Edenstrasser ist der Fall allerdings etwas anders gelagert, er ist nämlich, wie er sagt, nur zufällig zu seinem Hobby gekommen. „Als ich 14 Jahre alt war, wollte ich das Ganze einfach mal ausprobieren“, erzählt der gebürtige Rattenberger. „Also habe ich kurzerhand einen Fichtenbrocken, der bei uns am Dachboden lag, geholt und losgelegt.“

Trotz seiner Unerfahrenheit und des Umstands, dass ihm damals lediglich sehr kleine Schnitzmesser zur Verfügung standen, konnte Marco schon nach kurzer Zeit sein erstes Werk präsentieren: eine tatsächlich als solche erkenn- und damit auch brauchbare Perchtenlarve, die noch heute über der Eingangstür seiner Werkstatt prangt. „Sie ist zwar nicht perfekt, aber Papa hat gemerkt, dass ich scheinbar Talent fürs Schnitzen habe, und gesagt: ‚Okay, das kann er, das mag er, fördern wir ihn‘“, erinnert sich Marco zurück. Und damit begann gewissermaßen seine Laufbahn als Larvenschnitzer.

Über die Jahre hat Marco seine Technik und seinen Stil stetig verfeinert – seine erste Larve (rechts oben) hat aber immer noch einen speziellen Platz in seiner Werkstatt.

Praktisch ohne fremde Hilfe

Abgesehen von der Bereitstellung der nötigen Werkzeuge und Materialien sowie einer entsprechenden Umgestaltung der bis dahin hauptsächlich von seinem Vater in Anspruch genommenen Werkstatt hat sich Marco sein Wissen jedoch gänzlich ohne fremde Hilfe angeeignet. Zwar stand eine Zeit lang der Besuch der Schnitzschule in Elbigenalp im Raum, letzten Endes wurde allerdings nichts daraus, weil der Tiroler doch lieber beim Schlosserhandwerk bleiben wollte. „Ich hatte nie irgendjemanden, der mir irgendwas gezeigt hat“, sagt Marco. „Das Schnitzen habe ich mir also wirklich selbst beigebracht – und zwar von vorne bis hinten.“

Dafür versuchte sich der Tiroler nach der Fertigstellung seiner ersten Larve einfach immer wieder an unterschiedlichen Projekten, wobei er auch stets an neuen Techniken und Methoden tüftelte, beispielsweise, wie man die Masken auspolstert, wie sie am Kopf fixiert werden können und welche Farben sich am besten für die Bemalung eignen. Die Tatsache, dass der 28-Jährige schon immer kreativ veranlagt und handwerklich geschickt gewesen war, hat wohl ebenfalls viel dazu beigetragen, dass diese praktische Herangehensweise auch gefruchtet hat.

Die Larve im Kopf

Dass Marco sich auf Perchtenlarven spezialisiert hat, kommt übrigens nicht von ungefähr: Er ist nämlich, seitdem er sechs Jahre alt war, begeistertes Mitglied einer 25-köpfigen Perchtengruppe, eines sogenannten Passes, der insbesondere im Tiroler Unterland jedes Jahr aufwändige Aufführungen inszeniert. Seine Begabung als Schnitzer erlaubt es ihm, nicht nur sich selbst immer wieder neue Masken machen, sondern auch seine „Passkollegen“ damit versorgen zu können. „Sie hatten eigentlich recht schnell Vertrauen in mich, meine ersten Larven können also nicht ganz schlecht gewesen sein“, schmunzelt er.

es gibt Leute, die zehn Bilder von zehn verschiedenen Larven mitnehmen und von jeder einzelnen ein anderes Detail möchten.

Marco Edenstrasser, Larvenschnitzer

Abnehmer für seine Werke findet er bzw. finden ihn hauptsächlich über Facebook, wobei sich die unterschiedlichsten Interessenten bei ihm melden. Ein Großteil lässt dem Tiroler bei der Gestaltung gänzlich freie Hand, andere wiederum haben ganz bestimmte Vorstellungen davon, die sie gern umgesetzt haben wollen. „Viele bringen ein Foto einer Larve mit und sagen, sie wünschten sich etwas in der und der Richtung“, erzählt Marco. „Aber es gibt auch Leute, die zehn Bilder von zehn verschiedenen Larven mitnehmen und von jeder einzelnen ein anderes Detail möchten.“ Damit habe er grundsätzlich zwar kein Problem, jedoch genieße er es mehr, wenn er nicht so stark eingeschränkt sei, weswegen ihm jene Larven, die er nur für sich selbst mache, auch am liebsten seien.

Wenn er mit der Arbeit an einer neuen Kreation beginnt, hat Marco in der Regel schon ein ungefähres Bild davon im Kopf, wie das Endergebnis schließlich aussehen soll. Mitunter passiere es aber auch, dass sich dieses Bild während des Schnitzens ändere – „manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten“, wie Marco sagt. „Es gab schon einige Fälle, bei denen ich mir auf halbem Weg gedacht habe, oje. Aber ich bin grundsätzlich sehr perfektionistisch, und am Ende passt dann meistens doch wieder alles.“

Einblicke in die Werkstatt

Bevor es ans Schnitzen geht, wird das Holz verleimt.

Einblicke in die Werkstatt

Meist werden dafür drei Stücke miteinander verbunden.

Einblicke in die Werkstatt

Marco hat eine eigene Apparatur entworfen, auf der die aufgespannten Larven auch gedreht werden können.

Einblicke in die Werkstatt

Für die Halterung kommen ausgediente Snowboardbindungen und Bauhelme zum Einsatz.

Einblicke in die Werkstatt

Keine Larve gleicht der anderen, an jeder finden sich andere Details.

Ein Ast im Zahn

Ungefähr 30 Stunden benötigt der Rattenberger im Schnitt für eine Larve, von der Konzeption bis zur Fertigstellung. Bis auf die Augen, die er früher noch aufgemalt, inzwischen aber durch Kunststoffaugen ersetzt hat, macht er dabei alles selbst: Er schnitzt die Maske nicht nur, sondern kümmert sich auch um die Bemalung sowie das Anbringen der Hörner und Haare.

Der erste Schritt ist jedoch die Suche nach dem richtigen Holz. „Alles beginnt beim Baum“, erzählt Marco, der für seine Schnitzkunst hauptsächlich auf weiche Holzarten wie Linde oder, wegen des Geruchs, Zirbe zurückgreift. Der angenehme Duft hat jedoch seinen Preis, denn Zirben hätten Marco zufolge zahlreiche Äste, was die Arbeit des Öfteren deutlich erschwere, etwa bei Mund- oder Zahnpartien. „Wenn da ein Ast drin ist, bricht alles weg“, so der Hobbyschnitzer.

Die Bäume für die Larven bezieht Marco direkt vom Bauern. Sie werden gefällt, geschnitten und dann zu ihm auf den Dachboden geliefert, wo sie anschließend ein weiteres Mal zerteilt, ausgehobelt und schließlich zu Klötzen verarbeitet werden. Für die eigentliche Arbeit geht es dann in die Werkstatt. Dort werden die Klötze verleimt – meistens sind es drei –, auf einer selbstentwickelten Vorrichtung aufgespannt und erst mal grob mit der Motorsäge vorgeschnitten. Erst danach legt Marco die Schnitzmesser an, wobei er mittlerweile nichts mehr vorzeichnen müsse: „Ich weiß ja inzwischen, wo was hin muss, dafür habe ich über die Jahre ein gutes Gespür entwickelt“, erklärt er.

Wenn die konkrete Schnitzarbeit erledigt ist, wird die künftige Larve nochmals auf einer anderen Apparatur aufgespannt, ausgeschnitten und ausgeschliffen. Als nächstes werden die Halterungen (alte Snowboardbindungen) und die Hörner montiert, die Larve ausgepolstert und mit Ölfarben bemalt sowie das Deckfell mit Rosshaaren und zuletzt die Augen angebracht – dann ist das Kunstwerk fertig. Manchmal fügt Marco zusätzliche Komponenten wie beispielsweise Leder hinzu, was einen noch furchterregenderen Effekt hervorruft.

Einer der wichtigsten Teile jeder Perchtenlarve seien, so Marco, die Hörner: „Jeder, der etwas auf sich hält, verwendet echte Hörner“, erläutert er. „Im Grunde packt man außer Hirschen so gut wie alles drauf. Von Stein- und Geißböcken über Büffel und Hochlandrinder bis hin zu Antilopen und Kudus ist alles dabei.“

Holz statt Metall

Obwohl er nunmehr schon sein halbes Leben lang Larven schnitzt, hat Marco noch immer genauso viel Spaß daran wie damals, als er damit begonnen hat. Das Arbeiten mit Holz sieht er als Ausgleich zu seinem Broterwerb, bei dem er ausschließlich mit Metall hantiert, seine Werkstatt als eine Art Rückzugsort. „Hier fühle ich mich einfach wohl, hier habe ich meine Werkzeuge, meine Musik, und ich kann kreativ tätig sein“, sagt der Rattenberger. „Und wenn ich mal keine Lust mehr habe, dann gehe ich einfach heim, auch das ist wichtig.“

Für Marco steht jedenfalls fest, dass es sich beim Schnitzen von Larven um eine eigene Kunst handle, für die es nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch Kreativität und Vorstellungskraft brauche. „Grundsätzlich kann sicher jeder, der das Schnitzen beherrscht, Larven schnitzen“, meint der 28-Jährige. „Aber ob diese dann auch gut ausschauen, das ist eine andere Frage.“

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