Gasser Rodel
Nov. 2019: Gasser Rodeln, Mühlbachl, Tirol

Schnelle Flitzer, Handgemacht

Es ist hoch an der Zeit, die Tiroler Rodelbahnen zu erkunden. Für den geeigneten fahrbaren Untersatz sorgt die Gasser Rodel GmbH in Mühlbachl. Text: Esther Pirchner
Fotos: Axel Springer, Tirol Werbung

Ein Betrieb in bester Kurvenlage

Einen passenderen Platz für ihren Firmensitz hätte die Familie Gasser kaum finden können: Genau an einer Kurve der Brennerstraße liegt die Produktionsstätte von Gasser Rodeln, und fast meint man den schnittigen Rodler aus dem Firmenlogo selbst um die Kurve gleiten zu sehen. Gasser gehört zu den traditionsreichsten Rodelherstellern im Alpenraum. Wie so viele heutige Wintersportspezialisten ging er aus einer Wagnerei hervor, die vor 110 Jahren gegründet wurde. Während das Wagnergewerbe aber an Bedeutung verlor, brachte die Eisenbahn den Tourismus und damit die Möglichkeit, Schneebegeisterte mit Rodeln, anfangs auch mit Holzskiern, auszustatten.

Gasser Rodeln Zwingen
Gasser Rodeln
Gasser Rodeln Hund

Handarbeit heißt bei Gasser unter anderem Verleimen und Biegen der Kufen. Fertig zusammengebaute Rodeln warten auf die Auslieferung, bewacht vom „heimlichen Firmenchef".

Vom Wagner zum Rodelhersteller

Das Wagnerhandwerk erlernten nicht nur Firmengründer Johann Isser und sein Nachfolger Rupert Gasser, sondern auch dessen Sohn Johann Gasser, der noch immer als Seniorchef im Betrieb mitarbeitet. Heute leiten seine Söhne Christian und Thomas das Unternehmen, statt der Wagnerei haben sie sich auf Maschinenbau und Schlosserei bzw. auf Tischlerei verlegt. Christians Frau Marietta erledigt die kaufmännischen Arbeiten. Wer dem Betrieb in Mühlbachl einen Besuch abstattet, der sieht, hört und riecht augenblicklich, dass hier mit Holz, Stahl, Leder und Textilien gearbeitet wird. Es wird gehämmert und gebohrt, geleimt und geschraubt, es duftet nach Holz und Lack.

Gasser Rodeln Bretter
Feinste Esche

Gerade gewachsen und astfrei muss das Eschenholz sein, aus dem die Rodeln gemacht werden.

Gasser Rodeln Dampf
Mit Dampf und Druck

Thomas Gasser macht den Holzteilen Dampf. Nach 45 Minuten ist das Holz bereit zum Biegen.

Gasser Rodeln Kufen
Paarweise

Die zwei Kufen einer Rodel stammen aus demselben Brett und werden gemeinsam in eine Form gespannt.

Biegen
Präzisionsarbeit

Beim Biegen der Hölzer leistet die mechanische Maschine aus den 1950er-Jahren präzise Arbeit.

Gasser Rodeln Biegen
Rohlinge

Nach zwei Tagen in der Form und zwei weiteren Wochen Trocknung sind die Rohlinge bereit zum Fräsen.

Gasser Rodeln Feinschliff
Feinschliff

Die CNC-Fräse übernimmt das Fräsen, Schleifen und Bohren der Kufen.

Gasser Rodeln CNC
Die Späne fliegen

Ihre perfekte Form erhalten die Kufen von der CNC-Fräse. Diese erledigt neun verschiedene Arbeitsschritte.

Bis zu 10.000 Stück pro Jahr

Sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind das ganze Jahr über im Betrieb tätig. Die Hauptproduktionsphase ist im Herbst, schließlich müssen pünktlich zum ersten Schnee und für das Weihnachtsgeschäft Rodeln in großer Zahl fertiggestellt werden. Insgesamt entstehen so 8.000 bis 10.000 Stück Rodeln in verschiedenen Modellen und bis zu fünf Größen pro Jahr: Tourenrodel, Sportrodel, Tourenrodel spezial, Tourenrennrodel, Naviser, Rennsportrodel und Supersportrodel, dazu ein eigenes Modell für den Verleih, das besonders stabil gebaut und platzsparend stapelbar ist. Das Sortiment reicht von der kleinen Kinderrodel bis zum High-End-Gerät für den Spitzensport. Die Abnehmer sind vor allem Sportgeschäfte, Privatpersonen, Verleiher und Lifte aus dem Alpenraum, aber auch „Exoten“ finden sich unter den Kunden. „Schon mein Großvater hatte einen Kunden aus Norwegen“, sagt Christian Gasser, „und den beliefern wir heute noch.“ Auch in Japan, China, Washington State, Alaska und Aspen kommen mitunter Gasser Rodeln zum Einsatz, in ungewöhnlich schneereichen Wintern gingen sogar Bestellungen aus den Niederlanden ein.

Gasser Rodel

Familienbetrieb mit Tradition: Johann Gasser (li.) ist Wagnermeister, seine Söhne Christian (2. v. li.) und Thomas sind Meister der Metallverarbeitung und Schlosserei bzw. Tischlerei, Christians Ehefrau Marietta übernimmt die kaufmännischen Belange.

Das Holz – zäh, hart und formstabil

Leidenschaftliche Rodler, wie es die Tiroler sind, wundert das nicht. Eine Gasser Rodel liegt gut in den Kurven, nimmt ordentlich Fahrt auf und lässt sich gut lenken. Die Rodeln halten jahrzehntelang, Services und Reparaturen können in der Firma in Matrei problemlos erledigt werden. Bei Gasser legt man viel Wert auf gute Materialien und eine hochwertige Verarbeitung. „Am besten geeignet ist Eschenholz, weil es zäh, hart und formstabil ist“, weiß Christian Gasser über die Vorteile des hellen Holzes zu berichten. Verwendet werden die untersten 5 Meter eines Stammes, zu Brettern geschnitten, zum Biegen geeignet ist nur makelloses, astfreies Holz. Deshalb wählen Thomas und Johann Gasser selbst bei den Sägewerken in Ober- und Niederösterreich das geeignete Holz aus. Dieses wird dann im eigenen Holzlager zwei Jahre getrocknet und erst dann weiterverarbeitet. Der Stahl für Kufen und Bankeln, das Leder für die Riemen und der Lack kommen aus Österreich, die Gurte aus Italien. „Wir wollen einfach gute Materialien“, meint Christian Gasser, „wir kaufen nicht aus Patriotismus bei österreichischen Lieferanten, sondern um eine hohe Qualität zu garantieren“ und sicherzugehen, dass bei der Herstellung keine giftigen Stoffe verwendet würden.

Gasser Rodel Bezug
Gasser Rodel Kufen
Gasser Rodel Kufen

Beim Zusammenbau: Verarbeitung und Montage von Holmen, Stahlkufen und Sitzbezügen

Präzision in allen Arbeitsschritten

Ist das Holz getrocknet, werden aus den Brettern Rohlinge geschnitten und diese nach der Thonet-Methode gebogen. Rund eine Dreiviertelstunde kommen sie in einen Dampfkessel – „nichts anderes als ein überdimensionaler Druckkochtopf“ – anschließend werden sie in Metallformen gebogen. Die beiden Holzkufen einer Rodel sind jeweils aus demselben Brett geschnitten. Einmal gebogen, trocknen sie gemeinsam zwei Tage in den Formen und weitere zwei Wochen nach dem Herausnehmen. Auf dieses Weise passen sie farblich zusammen und reagieren auch später gleich auf Feuchtigkeit und andere Umgebungsbedingungen. Beim Holzbiegen, das mit einer elektrisch betriebenen mechanischen Maschine erledigt wird, muss es übrigens sehr präzise zugehen, damit im Anschluss die CNC-Fräse die Feinarbeit – Fräsen, Schneiden, Bohren usw. – erledigen kann.

Noch eine andere Biegetechnik kommt bei Gasser zum Einsatz: Für das Modell Naviser werden Latten schichtverleimt und Zwinge für Zwinge in Form gebracht. Das ist zwar aufwendiger, ein Verziehen der Rodel ist damit aber vollständig ausgeschlossen.

Gasser Rodel

Dutzende Rodeln warten darauf, ausgeliefert zu werden.

In weichen Bögen ab ins Tal

Neben Holzteilen wie Kufen und Holmen verarbeitet Gasser auch die Stahlteile selbst, Bankeln und Kufen werden aus Stahlblechen geschnitten, geschweißt, gebohrt und lackiert, am Ende werden die einzelnen Teile zusammengebaut, die Gurte für die Sitzflächen befestigt, Holme und Kufen (meist) beweglich verbunden. Zwar hat Gasser als Freizeitrodeln auch fest verschraubte Modelle im Sortiment. „Aber eigentlich“, meint Christian Gasser, „sollte jede Rodel beweglich sein. Sie ist leichter beherrschbar und lenkbar, man fährt auf ihr wie auf Schienen.“ Nicht zuletzt könne man Hindernissen besser ausweichen und das Sportgerät auch in eisigen Kurven noch drehen. Dadurch ist man sicherer unterwegs als auf einem starren Bock. Jene, die eine Gasser Sport- oder Rennrodel fahren, kennen dieses Gefühl. Während andere auf ihren fest verschraubten Böcken ums Eck ruckeln, sausen sie selbst lachend und in weichen Bögen zu Tal.

Gasser Rodel GmbH

Tiroler Rodelhersteller
Gasserrodel

Ziegelstadl 15
A-6143 Mühlbachl
Tel. +43.5273.6243
E-Mail: office@gasserrodel.at

gasserrodel.at
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