Schallerhaus, Mils, 3.–13.10.2019

Vom Wachsen und Gedeihen

„Viriditas. Die grüne Lebenskraft“ inspirierte vier Kunsthandwerkerinnen zu einer Ausstellung in Mils. Ein Gespräch mit der Initiatorin Sissi Sterntaler. Text: Esther Pirchner
Fotos: Axel Springer, Tirol Werbung

Vier künstlerische Wege

Den Kreislauf des Lebens, das Wachsen, Gedeihen und Vergehen beschrieb schon die mittelalterliche Universalgelehrte, Dichterin und Malerin Hildegard von Bingen. Für die „grüne Lebenskraft, die Feuchtigkeit, von der die ganze Schöpfung durchdrungen“ ist, prägte sie den Begriff der Viriditas – eine Quelle auch für Kreativität und damit für die Töpferin Sissi Sterntaler Inspiration für das Formen und Gestalten von Ton. Seit mehr als dreißig Jahren beschäftigt sie sich mit dem Material, stellt regelmäßig ihre Arbeiten aus und schlägt auch immer wieder Brücken zu anderen Kunstformen oder entwickelt gemeinsam mit anderen Kunsthandwerkerinnen Konzeptausstellungen. Nach der sehr erfolgreichen Gemeinschaftsausstellung „Das Apfeljahr“ im Schallerhaus in Mils wählte sie für die aktuelle Schau das Thema „Viriditas. Die grüne Lebenskraft“ und setzte dieses gemeinsam mit der Textilkünstlerin Regina Knoflach, der Glasmacherin Corinne Goldbach und der Grafikerin und Malerin Rosi Betz in Kunst und Kunsthandwerk um.

Viriditas alle

Kunst und Handwerk vereinen sich bei den vier Gestalterinnen der Ausstellung „Viriditas“ (v. li. n. re.): Sissi Sterntaler (Keramik), Corinne Goldbach (Glas), Regina Knoflach (Textiles), Rosi Betz (Malerei)

Für die Ausstellung vom 3. bis 13. Oktober 2019 entstanden organische Gefäße, blühende und von Vögeln bevölkerte Wandbehänge aus Keramik, zarte Blütenbilder, Stoffe und andere Textilwaren, die in allen Grünschattierungen – und vielen anderen Farben – leuchten, florale Mosaike und Glasobjekte. Im Eingangsbereich des Schallerhauses bilden Setzkästen und Bilder, die alle vier Künstlerinnen beigesteuert haben, eine Art Einleitung oder Inhaltsverzeichnis zu der Schau mit Bezügen zu den folgenden Räumen. Und auch wenn jede der vier einen eigenen Bereich mit ihren Objekten gestaltet hat, so gibt es doch immer wieder Berührungspunkte und Verknüpfungen zwischen den einzelnen Räumen – Dinge, die in andere Regionen „ausgrasen“, Übergänge, ein Fließen und Gedeihen, das der „Viriditas“ Hildegard von Bingens bildlich Ausdruck verleiht.

Die Seele ist wie der Wind, der über die Kräuter weht, wie der Tau, der auf die Wiesen sich legt, und wie die Regenluft, die wachsen macht.

Hildegard von Bingen
Zarte Blütenbilder
Zarte Blütenbilder …

… bietet Rosi Betz auf Postkarten und im Original an.

Aus Glasmosaik …
Aus Glasmosaik …

… schafft Corinne Goldbach Bilder und Untersetzer.

Im Setzkasten …
Im Setzkasten …

… von Sissi Sterntaler ist ein Spruch von Hildegard von Bingen zu lesen.

Handgewebt
Handgewebt

Tischwäsche von Regina Knoflach

Sissi Sterntaler, die die anderen drei dazu eingeladen hat, die „Viriditas“ der Hildegard von Bingen zu einer Ausstellung werden zu lassen, hat hier eines ihrer Leitthemen umgesetzt, das sie schon viele Jahre begleitet.

Sie haben vor mehr als dreißig Jahren begonnen, kunsthandwerklich und künstlerisch mit Ton zu arbeiten. Gehörte das immer schon zu ihrem Lebensplan?

Nein, ursprünglich wollte ich malen. Ich habe eine Werbegrafik-Ausbildung gemacht und mich für eine Ausbildung zur Bühnenbildnerin beworben. Das hat zwar nicht geklappt, aber ein Jurymitglied hat mir geraten, plastisch mit Ton zu arbeiten. Das habe ich versucht und es hat mich wirklich gepackt. Anfangs habe ich nur plastisch modelliert und gesehen, dass ich davon nicht leben kann. Ich habe mir also eine Drehscheibe zugelegt und begonnen zu drehen. Seit damals bin ich Töpferin. Diese handwerkliche Arbeit, das Drehen von Schalen und Häferln, hat mir großen Spaß gemacht. Ich habe mich einfach gefreut, dass ich das kann. Aber ich habe auch gesehen: Wenn ich dreißig Becher gemacht habe, dann waren einzelne dabei, bei denen ich mir sagen musste: Das ist so perfekt, das ist Kunst. So geht es mir bis heute.

Keramik
Keramik

von Sissi Sterntaler

Glaskunst
Glaskunst

von Corinne Goldbach

Textiles
Textiles

von Regina Knoflach

Bilder
Bilder

von Rosi Betz

Bei aller Freude am Handwerk hatten Sie zwischendurch auch immer wieder das Bedürfnis „auszuscheren“. Sie haben ein Jahr lang ein Friedensprojekt umgesetzt und – damals schon im Schallerhaus – eine Ausstellung zur Musik der „Carmina burana“ und 2014 die Gemeinschaftsausstellung „Das Apfeljahr“ gemacht. Was reizt Sie daran, mit anderen zu arbeiten?

Ich will einfach über den Tellerrand hinaussehen. Andere Techniken und Materialien machen mich neugierig und faszinieren mich. Papier würde mir zum Beispiel sehr liegen – auch als Gegensatz zur Keramik: Es ist federleicht und verhält sich auch statisch ganz anders.

Schon bei der Vorbereitung der „Carmina burana“ habe ich gemerkt, wie wichtig mir bei der Arbeit der Jahreskreis ist. Für die darauf folgende Gemeinschaftsausstellung hatte ich die Idee, ein Märchen – damals das Fragment einer Geschichte – mit mehreren Leuten und verschiedenen Materialien darzustellen. Die Umsetzung ist zwar nicht gelungen, aber aus der Idee ist schließlich ein Buch geworden. Für die Ausstellung habe ich dann ein neues Motto gefunden: „Das Apfeljahr“. Es bezog sich auf ein Gedicht von Joseph von Eichendorff und war ein unglaublicher Erfolg.

Sterntaler

Wandgestaltung von Sissi Sterntaler

Der Begriff ,Viriditas‘ beschreibt die grüne Lebenskraft, von der alles durchdrungen ist und die es dem Menschen erlaubt, Kreativität zu entwickeln. 

Sissi Sterntaler, Töpferin

Diesmal haben Sie als Motto die „Viriditas“ gewählt, ein Begriff, den Hildegard von Bingen geprägt hat. Beschäftigen Sie sich mit der mittelalterlichen Universalgelehrten schon länger? 

Ja, ich bin ihr sehr verbunden, auch ihre Bilder gefallen mir sehr. Die Farben und die Vielseitigkeit sind außergewöhnlich, vor allem für das 11. Jahrhundert. Sie war in allen Bereichen tätig, ob das Heilkunde, Gartenbau, Kochen oder Diplomatie war. Die Ganzheit in ihren Sprüchen und Gedichten hat es mir sehr angetan: „Der Kosmos klingt in Weltenmusik und die Seele das Menschen ist im Gleichklang“, das ist ein Traum – so kurz und klar, und es sagt einfach alles.

Im Begriff der „Viriditas“ steckt das Wort „Viridian“ für die Farbe Smaragdgrün. Er beschreibt die grüne Lebenskraft, von der alles durchdrungen ist und die es dem Menschen erlaubt, Kreativität zu entwickeln. Am Beispiel Hildegards, deren Kreativität sich auf viele Gebiete erstreckte, ist das sehr deutlich. Und gerade in der derzeitigen Situation des Klimawandels müssen wir wahrnehmen, dass das Wasser unser kostbarstes Gut ist und dass wir es entsprechend würdigen müssen.

Frau mit Schale Sterntaler
Paeonia Sterntaler
Voegel Sterntaler

Zarte Frauenwesen, bunte Vögelchen und eine tanzende Pfingstrose tummeln sich in Sissi Sterntalers Arbeiten.

Sie zeigen im Schallerhaus nicht nur eigene Arbeiten, sondern haben auch Corinne Goldbach und Regina Knoflach mit ins Boot geholt, die schon beim „Apfeljahr“ dabei waren, außerdem die Grafikerin und Malerin Rosi Betz. Wie verbinden sich die unterschiedlichen Arbeiten miteinander?

Ein verbindendes Element ist ein 40 Meter langes Spruchband, das sich durch das ganze Haus zieht. Im Eingangsbereich hat jede von uns einen Setzkasten gestaltet, diese bilden zusammen eine Installation zum Thema „Viriditas“. Die Einladung hat Rosi Betz gestaltet, die für ihre Bilder oft florale Motive und Insekten auswählt. Dieses Krautwerk, das von unten heraufwächst, passt sehr gut zum Thema.

Viriditas Setzkaesten

Im Foyer des Schallerhauses verweist eine Gemeinschaftsarbeit auf die Arbeiten in den Ausstellungsräumen.

Wie haben Sie selbst den Begriff „Viriditas“ in Ihrer Keramik umgesetzt?

Es gibt ganz unterschiedliche Arbeiten: Kugeln, Wandbehänge mit Sprüchen und einer Frauenfigur, die eine Schale trägt. Die Skulptur „Paeonia“ spielt auf die Pfingstrose an und auf die ersten Blätter, die aus der Erde kommen. Die sehen aus wie Tänzer. Es gibt Windspiele, Schalen mit Spitzenmuster und Blattvasen. Ein Kopf aus Paper Clay ist von einem ähnlichen im Volkskunstmuseum inspiriert. Auch dieser ist ganz glatt – aus poliertem Holz – und hat nur ganz minimale Gesichtszüge. Einige Wandbehänge habe ich neu gestaltet, indem ich einige bunte Vögel hineingefädelt habe – eine sehr feine Arbeit, die viel Geduld erfordert.

Regina Knoflach
Rosi Betz
Corinne Goldbach

Arbeiten von Regina Knoflach, Rosi Betz und Corinne Goldbach in der Ausstellung.

Damit verändern Sie auch bestehende Kunstwerke, sie „verschwinden“ in einem neuen. Fällt es Ihnen schwer, sich davon zu verabschieden?

Ich würde mich freuen, wenn sie einmal weg wären! Denn wenn man Ausstellungen wie diese vorbereitet, muss man auch Objekte machen, die nicht unbedingt auf den Verkauf ausgerichtet sind. Einige Objekte aus solchen Projekten habe ich schon lange, sie passen auch gut in meine Wohnung, aber wenn ich sie verkaufen könnte, würde ich es sofort tun. Das gehört zum Fluss der Dinge dazu: Wenn man etwas hergibt, kann man auch wieder etwas Neues beginnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Viriditas. Die grüne Lebenskraft

3.–13.10.2019
Viriditas

Galerie im Schallerhaus
Gemeindeamt Mils
Sissi Sterntaler, Regina Knoflach, Corinne Goldbach, Rosi Betz
geöffnet zu den Amtszeiten Mo–Fr, 8–12 Uhr, sowie zum Verkauf auch am 
4.10., 14–17 Uhr
5. und 12.10., 14–17 Uhr
6. und 13.10., 10–17 Uhr
11.10., 14–20 Uhr

www.sterntalerkeramik.at
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