Museum Tiroler Bauernhöfe

Von wegen Winterschlaf

Jedes Jahr im November verabschiedet sich das Museum Tiroler Bauernhöfe in die wohlverdiente Winterpause. Wobei es das Wort „Pause“ vielleicht nicht ganz trifft, denn auch im Winter wird viel im Kramsacher Freilichtmuseum getan. Und viel davon hat mit Holz zu tun. Text: Simon Leitner
Bild: Axel Springer

Seit November ist es wieder still im Museum Tiroler Bauernhöfe. Doch nur weil sich das Freilichtmuseum in Kramsach im Moment, wie jedes Jahr um diese Zeit, in der offiziellen Winterpause befindet, heißt das noch lange nicht, dass dort nicht gearbeitet wird, im Gegenteil – es wird weiterhin fleißig geschaffen und gewerkelt, wenngleich mehr im Hintergrund, hinter den bäuerlichen Kulissen sozusagen.

Was genau während der fünf Monate, in denen das Museum seine Pforten geschlossen hält, getan wird und inwiefern sich diese Arbeit von den Tätigkeiten im restlichen Jahr unterscheidet, weiß Thomas Bertagnolli. Der Historiker und Ethnologe ist seit nunmehr rund zwei Jahrzehnten der wissenschaftliche Leiter des Museum Tiroler Bauernhöfe und auch in den kalten Monaten stets voll eingespannt, wie er erzählt: „Natürlich haben wir im Winter deutlich weniger mit Publikum zu tun. Aber wir sind nicht untätig, im Grunde erledigen wir nun nämlich all das, wofür uns sonst die Zeit fehlt.“ Und das, so Bertagnolli, sei nicht wenig.

Thomas Bertagnolli ist seit rund 20 Jahren der wissenschaftliche Leiter des Museum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach. Er weiß genau, was im Winter alles im Freilichtmuseum zu tun ist.

Drinnen und draußen

Das Museum Tiroler Bauernhöfe ist auf die bäuerliche Kultur um 1900 spezialisiert. Auf einem Areal von achteinhalb Hektar finden sich 14 authentische Höfe und über 20 Nebengebäude aus verschiedenen Teilen des Landes, allesamt sorgfältig an ihren alten Standorten abgetragen und in Kramsach Stück für Stück wieder aufgebaut. In den Häusern selbst sind diverse Einrichtungs- und sonstige Gegenstände ausgestellt, die einen Eindruck vom bäuerlichen Leben um die Jahrhundertwende vermitteln.

Normalerweise sind die Gebäude frei begehbar, in den Wintermonaten allerdings ist das Betreten des Museums, ebenso wie etwaige Führungen, nur auf Anfrage möglich. In der Regel gibt es nur verhältnismäßig wenige Interessierte, die dieses Angebot in der kalten Jahreszeit auch in Anspruch nehmen, weswegen ein Großteil der Winterarbeit tatsächlich im Büro stattfindet: Neben der Organisation von Veranstaltungen für das kommende Jahr, verwaltungstechnischen Angelegenheiten und dem Verfassen wissenschaftlicher Abhandlungen nimmt dabei vor allem die Erfassung und Aufbereitung von neuen Exponaten viel Zeit in Anspruch.

In einem Freilichtmuseum ist es ganz normal, dass bestimmte Dinge mit der Zeit kaputt werden. Gerade, wenn sie aus Holz gemacht sind.

Thomas Bertagnolli, Wissenschaftlicher Leiter Museum Tiroler Bauernhöfe

Der zweite wichtige Aspekt der Winterarbeit neben diesen vor allem bürokratischen Verpflichtungen ist hingegen handwerklicher Natur. Aufgrund der Tatsache, dass die Höfe abgesehen von den Fundamenten hauptsächlich aus Holz bestehen, muss nämlich jedes Jahr aufs Neue viel repariert und bisweilen auch ausgetauscht werden. „In einem Freilichtmuseum ist es ganz normal, dass bestimmte Dinge mit der Zeit kaputt werden. Gerade, wenn sie aus Holz gemacht sind“, erläutert Bertagnolli. „Darum müssen wir uns natürlich kümmern.“

Dafür stehen mit Manfred Mayer und Martin Werlberger zwei erfahrene und ganzjährig angestellte Tischler bereit, die bereits seit knapp 20 Jahren alle möglichen Holzarbeiten im Kramsacher Freilichtmuseum übernehmen. „Unsere beiden Zimmerer haben eigentlich ständig was zu tun, sie gehen laufend durchs Museum und schauen, was einer Reparatur bedarf“, erzählt Bertagnolli. Während die beiden Handwerker sonst jedoch in erster Linie mit mannigfachen Instandhaltungsarbeiten an den Häusern selbst beschäftigt sind, konzentriert sich ihre Tätigkeit im Winter vornehmlich auf die Fertigung hölzerner Gebrauchsgegenstände – von Türklinken bis hin zu verschiedenen Zaunelementen.

Holz, so weit das Auge reicht – kein Wunder, dass die Tischler des Museum Tiroler Bauernhöfe ständig im Einsatz sind.

Zaun um Zaun, Schindel um Schindel

Besuchern fällt es womöglich nicht unbedingt auf den ersten Blick auf, aber auf dem Areal des Freilichtmuseums sind zahlreiche Zäune verbaut – zusammengenommen über 16 Kilometer. Und wie bei den Höfen ist das dominierende Element Holz, weswegen bestimmte Komponenten immer wieder ersetzt werden müssen. Dazu zählen Stangen und Steher ebenso wie sogenannte Zaunringe, mit denen die Komponenten verbunden werden können.

Die Herstellung dieser Ringe ist nicht eben einfach, wie der Museumsdirektor berichtet: „Beim Zaunringbinden handelt es sich um ein altes Handwerk, bei dem gewöhnliche Fichtenäste geflämmt, gebogen und schließlich zu Ringen zusammengebunden werden. Das ist eine äußerst undankbare und schmerzhafte Arbeit für die Hände.“ Früher war das Binden der Zaunringe eine Möglichkeit für Kleinbauern, sich ein Zubrot zu verdienen, im Museum Tiroler Bauernhöfe wird diese Aufgabe hingegen ebenfalls von Manfred Mayer und Martin Werlberger übernommen. Die Ringe selbst halten dann rund zwei Jahre aus.

Rund ums Holz

Hölzerne Zaunringe halten einiges aus. Ihre Herstellung ist allerdings nicht ganz einfach.

Farbe bekennen

Auf den meisten Dächern im Museum finden sich Legschindeln aus Holz. Diese können dreimal gewendet werden und sind so rund 16 Jahre lang im Einsatz.

Zaun an Zaun

Im Museum Tiroler Bauernhöfe finden sich über 20 verschiedene Zaunformen. Jede einzelne davon hat ihre Besonderheiten.

Im Haus

Auch in den Häusern selbst finden sich viele Elemente aus Holz – nicht zuletzt natürlich mit den unterschiedlichsten Exponaten.

Vor der Tür

Das für etwaige Reparaturarbeiten nötige (Alt-)Holz wird an verschiedenen Plätzen im Museum gelagert.

Noch länger haltbar sind allerdings die sogenannten Legschindeln, die man auf den Dächern vieler Höfe sieht und die erst nach 16 Jahren ausgetauscht werden müssen – aber nur, wenn man sie rechtzeitig und regelmäßig wendet. „Es ist immer nur eine Hälfte einer Seite dem Wetter ausgesetzt, der Rest der Schindel sonst verdeckt“, erläutert Bertagnolli. Nach vier Jahren dreht man sie um, sodass der vormals nasse Teil unten liegt und trocknen kann. Und das wiederholt man mit jeder Schindel insgesamt zweimal, bis sie schließlich ausgetauscht werden muss. Das ist nicht nur ökonomisch, sondern sorgt mitunter auch für ein schönes Farbenspiel, wenn etwa eine kürzlich umgedrehte Schindel zwischen den anderen zu leuchten scheint.

Die Umdeckung der Dächer selbst geht im Übrigen nicht im Winter über die Bühne, dafür sind diese, in feuchtem Zustand, schlichtweg zu rutschig. Aber die Schindeln werden in der Winterpause entsprechend vorbereitet, damit sie gegebenenfalls sofort eingesetzt werden können, sobald die Temperaturen und Witterungsbedingungen es erlauben.

Altes Holz und alte Technik

Unabhängig davon, was nun konkret gemacht werden muss: Das für die Ausbesserungsarbeiten und die Produktion der Gebrauchsgegenstände nötige Holz ist meist Altholz und wird zum Teil direkt in den Häusern des Museums selbst gelagert. Bertagnolli zufolge gebe es mittlerweile zwar einige Anbieter, bei denen sich solcherart Holz beziehen lasse, der Großteil des Bestands im Museum Tiroler Bauernhöfe wurde allerdings über die Jahre, insbesondere bei Sichtungen von (potenziellen) neuen Objekten, zusammengetragen. Man verwende bewusst Altholz, damit reparierte Elemente und Ergänzungen nicht so sehr ins Auge stächen, erzählt der Museumsdirektor. Nur dort, wo das nicht notwendig oder möglich sei, greife man auf andere Holzarten zurück.

Bei den Ausbesserungen selbst sind die beiden Schreiner des Museums Tiroler Bauernhöfe oft auf altes Wissen aus verschiedenen Regionen des Landes angewiesen, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Viel ist aber tatsächlich einfach auch Improvisation, wie Bertagnolli erklärt: Man schaue einfach, was fehle, was funktionieren könnte und was es dafür brauche, und irgendwann bekäme man schließlich ein Auge dafür, was zu tun und welches Holz zu nehmen sei. „Das hat natürlich wenig mit der heutigen Zimmerei zu tun“, meint Bertagnolli. „Aber im Grunde wurde das früher auch nicht anders gehandhabt. Insofern sind wir also auch in dieser Hinsicht authentisch.“

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