Krippenkunst in Tirol

Weihnachtliche Wimmelbilder

Bevor Krippen ihren Weg in die Tiroler Privathäuser gefunden haben, wurden sie lediglich in Kirchen ausgestellt. Heute genießen sie in der Bevölkerung einen hohen Stellenwert. Ein Überblick über einige Spielarten und die Geschichte von Krippen in Tirol.  Text: Simon Leitner
Bild: Franz Oss

Während ihrer Blütezeit, dem Zeitalter des Barock, waren Krippen nicht nur um einiges größer als moderne Varianten, sondern auch wesentlich prunkvoller. Die Figuren wurden beispielsweise mit Gold bemalt, in kostbare, mit Perlen verzierte Stoffe gehüllt und mit Echthaar geschmückt. Durch ihre opulente Gestaltung bedurften diese Krippen allerdings auch einer regelmäßigen Erneuerung, was zum einen mit immensen Kosten verbunden und zum anderen mit dafür verantwortlich war, warum sie Ende des 18. Jahrhunderts aus heimischen Gotteshäusern verbannt wurden. „Aus Sicht der Aufklärung war es schlichtweg untragbar, für so ein Theater, auch wenn es ein religiöses ist, dermaßen viel Geld aufzuwenden“, erklärt Karl C. Berger, Volkskundler und Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums, das derzeit auch eine Sonderausstellung zum Thema Krippen zeigt. „Deswegen hat Kaiser Joseph II. schließlich das Aufstellen von Krippen in Kirchen verboten.“

Letztendlich galt dieser kaiserliche Erlass, wie viele der josephinischen Reformen, zwar nur wenige Jahre, dennoch hatte er große Auswirkungen. Denn um zumindest noch etwas Profit aus den plötzlich obsolet gewordenen Kunstwerken schlagen zu können, entschieden sich viele geistliche Würdenträger dazu, die Krippen zu veräußern. Käufer waren wohlhabende, gut betuchte Bürger, darunter insbesondere Wirte, die nicht nur über genug finanzielle Mittel, sondern auch über ausreichend Platz verfügten, um sich die stattlichen Krippen anzueignen und aufzustellen. Dadurch gelangten diese erstmals von Kirchen in Privathäuser und wurden im Laufe der Zeit immer beliebter. „Paradoxerweise hat also gerade das Verbot von Krippen massiv dazu beigetragen, deren Popularität zu erhöhen“, meint Berger. „Daran erkennt man mal wieder, wie effektiv solche Verbote sind.“

Im Zeitalter des Barock waren Krippen noch um einiges aufwändiger gestaltet als heute. Auch die Figuren dieses besonderen Modells, das derzeit im Tiroler Volkskunstmuseum ausgestellt ist, zeichnen sich durch ihre prunkvollen Gewänder aus.

Inszeniertes Evangelium

Im Wesentlichen handelt es sich bei einer Krippe um die figürliche Darstellung eines Evangeliumberichts, der interpretiert und somit zu einer Art kleinen Theaters wird. Entsprechende Vorläufer gab es bereits im Mittelalter, unter anderem im Rahmen von Marienzyklen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist etwa der Flügelalter von Schloss Tirol, auf dem auch die Geburt Christi abgebildet ist.

Krippen, wie wir sie heute kennen, sind allerdings eng mit der Gegenreformation verbunden. Im 16. Jahrhundert waren weite Teile Tirols, vor allem die Städte, zunehmend protestantisch geprägt. Deshalb wurden vonseiten der katholischen Kirche verschiedene Ideen und Maßnahmen entwickelt, um Menschen (wieder) zum Katholizismus zu bringen. Ein wichtiger Punkt dabei war, ihnen das Heilsgeschehen auf möglichst eindrucksvolle und vor allem plastische Weise vor Augen zu führen – unter anderem eben mit Krippen. In Tirol findet man die ersten Exemplare um 1608/1609,­­ zum einen in der Innsbrucker Jesuitenkirche, zum anderen in der Franziskanerkirche, der heutigen Hofkirche, an die auch das Tiroler Volkskunstmuseum angeschlossen ist. Im Laufe der folgenden Jahre und Jahrzehnte stellte man, ausgehend von Innsbruck und Hall, weitere Krippen in ganz Tirol auf, bis schließlich jede Pfarrkirche über ihr eigenes Modell verfügte.

Detailverliebte und verspielte Krippen wie diese sind weit mehr als nur eine Darstellung der Geburt Christi: Sie können ganze Gesellschaften abbilden und auch als Sittenbilder oder (kritische) Kommentare einer bestimmten Zeit fungieren.

Obwohl man Krippen heutzutage meist unwillkürlich mit Weihnachten assoziiert, war die Geburt Christi ursprünglich nicht das einzige biblische Ereignis, das damit dargestellt wurde. Die Bandbreite umfasste alle wichtigen Szenen des Evangeliums, das Pfingstwunder wurde beispielsweise ebenso inszeniert wie die Hochzeit von Kana oder die Auferstehung Jesus Christi. Vor allem die sogenannten Fastenkrippen, die mitunter auch heute noch zu Ostern in manchen Tiroler Kirchen aufgestellt werden, waren von großer Bedeutung. Dass sich letzten Endes doch die Weihnachtskrippen durchgesetzt und etabliert haben, ist Berger zufolge in erster Linie auf ihre Motivik zurückzuführen: „Die Darstellungen in Fastenkrippen sind in der Regel sehr heftig, da geht es um Folter, Hinrichtung und dergleichen. Weihnachtskrippen hingegen zeigen eine friedliche, äußerst liebliche Szene und sind deswegen um einiges beliebter.“

Neue Interpretationen

Heute unterscheidet man Krippen je nach Material, Motiv oder Stil, wobei in Tirol vor allem zwei Spielformen der Weihnachtskrippe weite Verbreitung finden: die orientalische Krippe auf der einen und die Tiroler Krippe auf der anderen Seite. Beide Varianten gehen auf Strömungen zurück, die Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Ursprung hatten und darauf abzielten, die barocke Krippentradition zu erneuern.

Ein maßgeblicher Faktor für das Aufkommen orientalischer Krippen waren die zu jener Zeit häufiger werdenden Pilgerreisen, in deren Zuge sich auch zahlreiche Tiroler auf den Weg nach Jerusalem begaben. Der Aufenthalt an ebenjenem Ort, an dem sich das in der Krippe gezeigte Geschehen zugetragen haben soll, machte einen großen Eindruck auf viele heimische Krippenbauer und Figurenschnitzer, und dies schlug sich natürlich auch in deren Werken nieder. In der Folge entstand eine völlig neue Form von Krippen, die sich in mehrerlei Hinsicht deutlich von ihren Vorgängern abhoben. Einer der markantesten Unterschiede betraf die Auswahl und Gestaltung der Figuren – diese waren nun nicht mehr in barocke Gewänder oder Trachten gehüllt, sondern wiesen ein Erscheinungsbild auf, das orientalisch anmuten sollte bzw. dem Stereotyp eines „Menschen aus dem Orient“ entsprach.

Bunt und Lebendig

Krippen aus Papier waren in früheren Zeiten keine Seltenheit. Dieses farbenfrohe Exemplar stammt vom Thaurer Künstler Michael Ram (1804–1884).

Weihnacht in den Alpen

Tiroler Krippen wie diese von Josef Bachlechner (1871–1923) verlegten das Heilsgeschehen in eine idealisierte Tiroler Szenerie.

Im Heiligen Land

Orientalische Krippen unterscheiden sich sowohl hinsichtlich der Farbgebung als auch der Figurengestaltung deutlich von Tiroler Krippen.

Etwas später wiederum entwickelte sich mit der Tiroler Krippe eine Variante, die Christi Geburt in eine idealisierte Tiroler Landschaft mit entsprechend gekleideten Figuren verlegte. Als Vater dieser Ausprägung gilt der in Bruneck geborene und in Hall tätige Künstler Josef Bachlechner, der das Heilsgeschehen mit dem eigenen Lebensort verbinden wollte und so neben der orientalischen Krippe eine zweite große Krippentradition in Tirol begründete.

Neben diesen beiden Strömungen gab es auch noch eine dritte, die ebenfalls im frühen 20. Jahrhundert begann und vor allem auf Künstler, die sich in diesem Bereich betätigt haben, einen sehr starken Einfluss ausgeübt hat. Sie geht zurück auf den Schwazer Ludwig Penz, der bei seinen Krippen eine bis auf das Wesentliche reduzierte, sehr abstrakte Formensprache benutzte. Seine Figuren sehen beinahe wie Rohlinge aus, sind aber trotzdem identifizierbar.

Abgesehen von diesen Kategorien existiert jedoch keine klassische oder allgemeingültige Einteilung von Krippen – zum Glück, wie Berger meint: „Nicht nur, aber vor allem zeitgenössische Krippenbauer zeigen viel Kreativität und Mut zur Innovation. Eine strenge Klassifizierung wäre dabei nur hinderlich.“

Details am Rande

Diese Freiheit in der Gestaltung führte und führt noch immer zu einer großen Vielfalt an Krippen mit zum Teil gänzlich unterschiedlichen Schwerpunkten: Manche rücken das Weihnachtsgeschehen buchstäblich in den Vordergrund, in anderen wiederum stellt es lediglich ein Element unter vielen dar. Solcherart Krippen funktionieren in gewisser Weise ähnlich wie Wimmelbilder, erläutert Berger. „Es lohnt sich in diesen Fällen, genau hinzuschauen, denn neben der Geburt Christi werden noch ganz andere Dinge gezeigt, etwa ein Kampf zwischen Wilderer und Jäger, Szenen eines Almabtriebs oder die Arbeit in einem Bergwerk. Im Besitz des Museums befindet sich sogar eine Krippe, in der jemand, etwas versteckt, auf einem Plumpsklo sitzt. Solche verspielten Komponenten findet man häufig.“

Im Tiroler Volkskunstmuseum werden auch einige moderne(re) Krippen präsentiert.

Darüber hinaus können Krippen oft als kritische Kommentare oder Sittenbilder der jeweiligen Zeit angesehen werden. Bereits im Barock wurden etwa die Gewänder der Figuren echten Kleidern, die damals Mode waren, nachempfunden. Zudem fanden auch viele marginalisierte Bevölkerungsgruppen wie Bettler, Hausierer und Knechte Aufnahme in Krippen und erhielten dadurch zumindest dort jenen Platz, der ihnen in der Gesellschaft verwehrt blieb. „Die Botschaft dahinter war zwar in erster Linie eine kirchlich-pädagogische – nämlich, dass jeder, unabhängig von Status oder Herkunft, zum Jesuskind kommt. Trotzdem spielte eine gehörige Portion Sozialkritik ebenfalls mit hinein“, so Berger.

Dieser Aspekt ist letztendlich bis heute in Krippen zu beobachten. In der derzeitigen Sonderausstellung des Volkskunstmuseums gibt es beispielsweise auch ein besonderes Exponat, das das Weihnachtsgeschehen auf ein im Mittelmeer treibendes Schlauchboot verlegt. In diesem befinden sich das Jesuskind, Maria und ein König, von Josef fehlt allerdings jede Spur. Er ist nämlich, so der Schöpfer der Krippe, ertrunken.

Ungebrochene Faszination

Ganz egal, um welche Variante es sich handelt oder welches Material verwendet wird, Tatsache ist, dass Krippen in Tirol noch immer eine wichtige Rolle spielen. Krippenbaukurse, der Brauch des Krippenschauens und dazugehörige Krippenpfade erfreuen sich nicht nur in ausgewiesenen Krippenregionen wie dem Pitztal, dem Schnalstal oder verschiedenen Dörfern und Städten rund um Innsbruck – darunter etwa Thaur, Axams oder Zirl – großer Beliebtheit. Die Faszination von Krippen geht dabei weit über das religiöse Moment hinaus. Viele interessieren sich vornehmlich für den künstlerischen bzw. handwerklichen Aspekt, andere wiederum stellen zu Winter in erster Linie aus emotionalen oder nostalgischen Gründen eine Krippe bei sich zu Hause auf.

Dass sich die Menschen in Tirol nach wie vor für Krippen begeistern können, merkt jedenfalls auch Berger, der von einem ungebrochenen Besucherstrom bei den Krippenausstellungen im Volkskunstmuseum spricht: „Die zunehmende Profanierung der Bevölkerung hat offenbar nicht dazu geführt, dass das Interesse an Krippen zurückgeht. Ganz im Gegenteil.“

Die zunehmende Profanierung der Bevölkerung hat offenbar nicht dazu geführt, dass das Interesse an Krippen zurückgeht. Ganz im Gegenteil.

Karl C. Berger, Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums
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