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Ulrich Goëss-Enzenberg: Der Beschützer von Schloss Tratzberg

01.03.2021 in Kulturleben

Schloss Tratzberg, Foto: Johannes Sautner, Shoot+Style

Ein Gespräch mit dem Schlossherrn von Tratzberg, Ulrich Goëss-Enzenberg – über das Leben im Schloss, grandioses Handwerk, smarte Kooperationen und die Fähigkeit, sich in unwägbaren Zeiten überraschen zu lassen. 

Text: Klaus Brunner/Julia König
Fotos: Johannes Sautner, Shoot+Style

Die Liste der Eigentümer von Schloss Tratzberg hoch über dem Inntal bei Jenbach liest sich wie ein Who-is-Who der Tiroler Geschichte, Kaiser Maximilian soll sich sogar mit einem Gedicht an einer der Wände verewigt haben. Heute gehört das Schloss Ulrich Goëss-Enzenberg, der seit 30 Jahren mit seiner Familie in den uralten Gemäuern lebt. Wenn der Schlossherr nicht gerade die Renaissance digitalisiert, ist er mit Renovierungen beschäftigt. Die Zeit der Pandemie hat er für allerhand Neuerungen genutzt.

Renovierung als Mehrgenerationenaufgabe: Der Pracht von Schloss Tratzberg verhalf schon Franz Enzenberg, Ururgroßvater des heutigen Schlossherrn, zu neuem Glanz. 
Im August 2021 werden die Restaurierungsarbeiten an den Fresken im Hof abgeschlossen.
Renovierung als Mehrgenerationenaufgabe: Der Pracht von Schloss Tratzberg verhalf schon Franz Enzenberg, Ururgroßvater des heutigen Schlossherrn, zu neuem Glanz.  Im August 2021 werden die Restaurierungsarbeiten an den Fresken im Hof abgeschlossen.

Herr Goëss-Enzenberg, Schlossherr ist nicht der alltäglichste Beruf – wie kann man sich das vorstellen?

Mit viel Arbeit. Wir leben quasi im Büro, sind von Besuchern und Personal tagtäglich gefragt. Wir haben uns vor 30 Jahren gefragt, ob wir das Schloss so renovieren sollen, dass man hier auch wohnen kann. Meine Frau meinte, dass es sinnvoll wäre, dass unsere zukünftigen Kinder hier aufwachsen und das Schloss als Zuhause empfinden und nicht nur als Bürde, als Last, die man erhalten muss. Denn es gibt ständig irgendwo etwas zu renovieren. Der Großvater meines Großvaters – Franz Enzenberg – hat vor 150 Jahren angefangen zu renovieren – und wir renovieren immer noch.

Familienbande und die Welt der Habsburger. Über die Wände rankt sich der Stammbaum des Herrschergeschlechts.
Familienbande und die Welt der Habsburger. Über die Wände rankt sich der Stammbaum des Herrschergeschlechts.

Schloss Tratzberg ist ja nicht nur Ihr Zuhause, sondern auch ein viel besuchtes Museum. Will man der Welt etwas mitgeben, wenn man sein eigenes Schloss öffentlich zugänglich macht?

Es geht ja hier nicht ums Eigene. Wir fühlen uns auch eher als Beschützer und Bewahrer denn als Besitzer: Wir können ja eh nichts mitnehmen. Darum sehe ich meine Aufgabe – wie das auch meine Vorfahren schon gemacht haben – in der Erhaltung. Wenn man schon das Privileg hat, sich um so etwas kümmern zu dürfen, dann soll man es so gut wie möglich für die Nachwelt erhalten und versuchen, es zu verbessern. Und man hält ein Gebäude auch anders instand, wenn es ein Zuhause und nicht nur ein Museum ist.

Arbeit in luftiger Höhe: Das Dach von Schloss Tratzberg ist 5.000 qm groß und wurde kürzlich mit Schindeln neu gedeckt.
Foto: Familienstiftung Schloss Tratzberg
Arbeit in luftiger Höhe: Das Dach von Schloss Tratzberg ist 5.000 qm groß und wurde kürzlich mit Schindeln neu gedeckt. Foto: Familienstiftung Schloss Tratzberg

Was ist aktuell alles zu tun?

Die Fresken im Innenhof wurden in der Renaissance angelegt und sind nun abgewittert. Vor 50 Jahren wurden sie zwar renoviert, aber wahrscheinlich war die Qualität der Farben nicht sehr gut, da sie jetzt schon wieder stark verbleichen. Vor ein paar Jahren haben wir entschieden, sie neu zu machen, bevor sie ganz weg sind, denn sie sind prachtvoll und erhaltenswert. Dazu haben wir mit dem Denkmalamt ein Projekt gestartet. Im August 2021 können wir die Fresken wieder im Innenhof bewundern – hoffentlich wieder mit Besuchern.

Wir haben die Lockdowns außerdem dazu genutzt, die Dächer fertig zu decken. Eigentlich wollten wir das Projekt wegen der fehlenden Einnahmen absagen, aber da ein solches Projekt langfristig organisiert werden muss, haben wir es dann trotzdem gemacht. Das war eine reine Erhaltungsmaßnahme, ohne Return of Investement. All das kostet natürlich wahnsinnig viel Geld. Aber wir rechnen ohnedies nicht in Wirtschaftsjahren, sondern in Generationen. Es hat früher auch schon schlechte Zeiten gegeben.

Einlegearbeiten und Schnitzereien gibt es überall im Schloss. An der Decke im Königinzimmer arbeiteten „sieben Tischlermeistern mit sieben Gesellen in sieben Jahren und sieben Monaten“.
Einlegearbeiten und Schnitzereien gibt es überall im Schloss. An der Decke im Königinzimmer arbeiteten „sieben Tischlermeistern mit sieben Gesellen in sieben Jahren und sieben Monaten“.

Was macht das Schloss so besonders?

Tratzberg steckt voller Erinnerungen, Kunstschätze, Bilder und Möbel. Das Besondere ist, dass es so hinterlassen wurde, wie vor 400 Jahren jemand ausgezogen ist. Dass all diese Möbel erhalten geblieben sind, haben wir zum Teil auch der Familie Fugger zu verdanken. Die Namen der Räume stammen übrigens aus einer Inventarliste, die Jakob Fugger erstellt hat. Mit dieser Liste kannst du heute noch durchs Haus gehen und abhaken. Es gibt ganz wenige Schlösser, die noch so vollständig eingerichtet sind.

Mein Großvater hat am liebsten Handwerker durchs Haus geführt. Das geht mir auch oft so. Weil die viel mehr schätzen, was sie sehen. Im Königinzimmer ist diese Holzdecke, die von sieben Tischlermeistern mit sieben Gesellen in sieben Jahren und sieben Monaten gemacht wurde – das muss man sich mal vorstellen! Ein Tischler, der das kann, versteht, was das für eine tolle Arbeit ist. Es macht Spaß, das mit diesen Menschen zu teilen.

Versteckte Plätze: Auch ein gastfreundlicher Schlossherr braucht ab und zu Ruhe – dann zieht er sich zurück.
Versteckte Plätze: Auch ein gastfreundlicher Schlossherr braucht ab und zu Ruhe – dann zieht er sich zurück.

Was ist Ihr Lieblingsort im ganzen Anwesen?

Es gibt ein paar Lieblingsorte, unter anderem die Fuggerstube und der Tänzlstube, der nach den Erbauern benannt wurde. Dann gibt es noch einen ganz kleinen Raum im Turm, das Turmwärterstübchen, von dem aus man eine Aussicht vom Wilden Kaiser bis zum Patscherkofel hat. Dahin kann ich mich zurückziehen, wenn ich Ruhe brauche – vorausgesetzt, ich schaffe es, mein Handy unten zu lassen.

Fast wie der Schlossherr selbst wandeln Besucher auf einer virtuellen Tour durch Schloss Tratzberg. Die digitale Führung ist seit 2020 auf der Website von Schloss Tratzberg abrufbar.
Fast wie der Schlossherr selbst wandeln Besucher auf einer virtuellen Tour durch Schloss Tratzberg. Die digitale Führung ist seit 2020 auf der Website von Schloss Tratzberg abrufbar.

Sie schaffen es, sehr innovativ eine Brücke von der Renaissance in die Neuzeit zu schlagen …

Wir haben schon vor 25 Jahren begonnen, das Schloss mit einer Audiotour in 9 Sprachen begehbar zu machen. Dadurch wurde die Führung – wir nennen es auch Erlebnisführung – spannender gemacht: Wir lassen die Vorfahren erzählen, wie es ihnen hier ergangen ist, im Jagdsaal hört man die Pferde reiten und Ritter kämpfen und so weiter.

Voriges Jahr haben wir eine Virtual-Reality-Tour geschaffen. Da sieht man über ein VR-Brille in einer fünfminütigen Führung, wie das Schloss früher ausgesehen hat und wie es nach dem Brand von 1500 wieder komplett neu aufgebaut wurde. Mit diesem Angebot zeigen wir, dass wir modern sind und Spaß machen und auch die jungen Leute ansprechen wollen.

Das vergangene Jahr war coronabedingt natürlich besonders hart, weil wir sehr viele Besucher verloren haben. Deshalb haben wir beschlossen, eine digitale Führung anzubieten, die über unsere Homepage abrufbar ist. Für einen geringen Ticketpreis können Interessierte durch das ganze Schloss gehen und so lange bleiben, wie sie wollen. Außerdem kann man so auch Räume besichtigen, die sonst nicht zugänglich sind, wie etwa die Tänzlstube. In Zukunft wird man auch durch die Geheimgänge gehen können.

Digitale Touren bringen alle, die zurzeit nicht kommen können, ganz nah an die Details – und sogar in Räume, die sonst nicht zugänglich sind.
Digitale Touren bringen alle, die zurzeit nicht kommen können, ganz nah an die Details – und sogar in Räume, die sonst nicht zugänglich sind.

Bei der digitalen Führung kooperieren Sie auch mit Stift Admont in der Steiermark. Kann das die Zukunft sein, dass Kulturinstitutionen enger zusammenrücken?

Ja, das System dahinter heißt cultour.digital. Das Stift hat damit begonnen, seine prachtvolle Klosterbibliothek, die eine der größten der Welt ist, zu digitalisieren. Da kann man reingehen, Bücher aus dem Regal nehmen und diese dann digital ansehen. Bei uns sind es andere Inhalte. Ich versuche, viele andere Schlosskollegen auch dazu zu bringen, das zu machen, weil die im selben Dilemma stecken, dass die Besucher nicht kommen dürfen. Diese Touren kann man aber weltweit zugänglich machen. Die Japaner, Chinesen, Amerikaner, die zurzeit nicht kommen können oder vielleicht auch gar nicht vorhaben, zu kommen, können sich für 5 Euro das Schloss ansehen. Ich glaube, dass es eine große Chance ist, diesen Kulturschatz auch mit anderen interessierten Menschen zu teilen.

„Wir lassen uns gerne überraschen, wenn wir wieder öffnen können“ – Graf Goëss freut sich schon auf die Rückkehr der Besucher.
„Wir lassen uns gerne überraschen, wenn wir wieder öffnen können“ – Graf Goëss freut sich schon auf die Rückkehr der Besucher.

Im vergangen Sommer konnten Sie nur einen Bruchteil der normalen Besucherfrequenz verzeichnen. Wie ist Ihre Perspektive für dieses Jahr?

Ich habe keine Perspektive. Ich habe – durch das letzte Jahr und die ständig neuen Lockdowns – gelernt, nicht mehr zu planen. Alles, was man plant, kommt eigentlich anders, als man denkt, und unsere Planung geht jetzt Richtung Digitalisierung und Renovierung. Wir lassen uns gerne überraschen, wenn wir wieder öffnen und wieder viele Leute kommen. Aber wenn sie nicht kommen, müssen wir auch damit leben. Aber wie gesagt, wir denken in Generationen, nicht in schlechten Jahren.

Die Facts zum Schloss

13. Jh. erstmals urkundlich erwähnt als Grenzfeste gegen Bayern
15. Jh. Jagdschloss Kaiser Maximilians
1492 bei einem Brand zerstört, die Ruine geht auf die Silberbergwerksbesitzer Tänzel über
1500 Errichtung des ersten spätgotischen Teils mit außerordentlich kunstvoll gestalteten Marmor-, Holz- und Eisenarbeiten 
1554 Augsburger Kaufmann Georg Ritter von Ilsung erwirbt das Schloss, Aus- und Umbau zum Renaissanceschloss durch ihn und seine Erben, die Familie Fugger
17. Jh. mehrere Besitzerwechsel, das Schloss bleibt lange unbewohnt
1847 Heirat des Franz Graf Enzenberg mit Ottilie Gräfin Tannenberg. Schloss Tratzberg wird zum privaten Wohnsitz. Beginn der Renovierungsarbeiten, die bis heute andauern
20. Jh. Das Schloss wird öffentlich zugänglich, seither kann es besichtigt werden
2020 digitale Tour auf cultour.digital

Virtuell durchs Schloss – die neue digitale Tour führt durch Schloss Tratzberg

Schloss Tratzberg

Familie Goëss-Enzenberg

derzeit aufgrund des Lockdowns geschlossen, digitale Führungen möglich

A-6200 Jenbach
Tel. +43 5242 63566
info@schloss-tratzberg.at

schloss-tratzberg.at

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