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Bergführer im Porträt – Bernhard Neumann und der Olperer

Aktualisiert am 24.07.2018 in Menschen

Bernhard Neumann_Olperer_Gipfelgrat

Dieser Mann war schon mehr als hundert Mal am Gipfel des Olperers. Mit jedem Versuch, den 3.476 Meter hohen Riesen im hinteren Zillertal zu erklimmen, ist Bernhard Neumanns Respekt vor diesem Berg gewachsen. Ein Versuch, den Olperer zu einem Fototermin zu überreden. Mit Bernhards Hilfe.

Es knackt und rauscht, dass man meinen könnte, der Berg bricht auseinander. An der Südflanke des Olperers löst sich ein Eisblock. Ich kann den Blick nicht abwenden, während die Kamera von Jens, unserem Fotografen, unaufhörlich klickt. Es sei selten, dass man solch abbrechende Seracs in Echtzeit beobachten könne, erklärt uns der Bergführer Bernhard Neumann. Wir befinden uns im Aufstieg auf seinen Hausberg, den 3.476 Meter hohen Olperer. Bernhard wirkt wie der Prototyp eines Bergführers: braun gebrannt, dunkle Haare, drahtige Statur, Dreitagebart, Kappe, Sonnenbrille. Das erste Mal am Olperer sei er wohl als Zehnjähriger gewesen, gemeinsam mit seinem Vater, ebenfalls ein Bergführer. So ganz genau weiß er es selbst nicht mehr, nach mehr als einhundert Olperer-Besteigungen.

Gletscherbrüche durchziehen die Südseite des Olperers, den Hausberg des Zillertaler Bergführers Bernhard Neumann.Gletscherbrüche durchziehen die Südseite des Olperers, den Hausberg des Zillertaler Bergführers Bernhard Neumann.

Bernhard Neumann_Olperer_Portrait

Bernhard führt eine Alpinschule in Mayrhofen und begleitet Skitourenreisen. Zum Beispiel nach Chile, Island und in die Antarktis. Seine Frau Kathrin sei allerdings der organisatorische Kopf der Bergschule, das gibt er unumwunden zu. Andere fahren in die Karibik, die beiden haben ihre Hochzeitsreise auf chilenischen Vulkanen verbracht. Mit Tourenskiern. Kathrin haben wir es jedenfalls zu verdanken, dass wir heute mit ihrem Mann unterwegs sind, sie hat den Termin auf unsere Anfrage hin organisiert.

Die erste und leichteste Etappe des Tages liegt bereits hinter uns: Der Aufstieg vom 1.782 Meter hoch gelegenen Schlegeis-Stausee zur Olperer Hütte in 2.389 Metern Höhe. Kurz nach der Hütte kommen uns zwei Frauen und ein Husky entgegen. Die drei kehren  zurück von einem morgendlichen Ausflug zum 3.072 Meter hohen Riepensattel. Bernhard kennt eine der beiden gut, Katharina, die Wirtin der Olperer Hütte. Ihre Huskydame „Snowy“ beschnuppert uns. „Früher, bevor wir Kinder hatten, sind meine Frau und ich abends nach der Arbeit auf die Olperer Hütte gegangen, zum Abendessen“, sagt Bernhard. „Das Panoramafenster ist einmalig. Auch das Hüttenteam um die Katharina und den Manuel, der kocht, macht einen ausgezeichneten Job.“

Unser Tagesziel auf der Landkarte: Der Olperer.Unser Tagesziel auf der Landkarte: Der Olperer.

Die Olperer Hütte, beliebter Ausgangspunkt für die Ersteigung des Olperers.Die Olperer Hütte, beliebter Ausgangspunkt für die Ersteigung des Olperers.

Wer innerhalb eines Tages auf den Olperer will, muss schnell sein.Wer innerhalb eines Tages auf den Olperer will, muss schnell sein.

Unterwegs trifft Bernhard die Hüttenwirtin Katharina.Unterwegs trifft Bernhard die Hüttenwirtin Katharina.

Wir schauen Richtung Süden, Bernhard zählt einige der Gipfel in unserem Blickfeld auf: Hochfeiler, der höchste Berg im Zillertal mit 3.510 Metern, hoher Weißzint, Großer Möseler. Zum Greifen nahe vor uns erhebt sich der 3.410 Meter hohe Schrammacher mit seiner beinahe senkrecht abfallenden Nordwand. Kaum vorstellbar, dass der junge Tiroler Alpinist David Lama diese Nordwand im Winter bezwungen hat. In dieser Umgebung ist Bernhard Neumann also aufgewachsen, den Olperer immer im Blick. Als Zwanzigjähriger wagte er mit Freunden eine winterliche Überschreitung des Olperers von Nord nach Süd gewagt – Bernhard mit den Skiern am Rucksack, die anderen mit Snowboards. Damals habe er gemerkt, dass zu so einer ernsthaften Bergtour schon einiges dazugehöre, erzählt Bernhard. Manche seiner Freunde auf dieser Tour waren alpinistisch weit weniger erfahren als er. Das sei sicher eines der wichtigsten Erlebnisse gewesen, weshalb er später die Ausbildung zum Bergführer gemacht habe. Heute, mit Anfang Vierzig, bildet er selber junge Bergführer aus.

Ein dumpfes Brummgeräusch begleitet uns. Diesmal ist es nicht der Eisbruch zu unserer linken, menschenleeren Seite. Rechts, ungefähr einen Kilometer Luftlinie von uns entfernt, erkenne ich eine Pistenraupe am Tuxer Ferner. Jetzt erst bemerke ich die Skipisten, die sich unter dem Doppelgipfel der Gefrorenen Wand ausbreiten. Skifahrer gleiten über den Schnee, und das am 19. Juli. Reges Treiben herrscht im einzigen Ganzjahresskigebiet Österreichs, dem Hintertuxer Gletscher. „Um diese Zeit im Sommer sind so um die 800 Leute aus aller Welt hier, um zu trainieren“, sagt Bernhard, „Skirennläufer, sogar aus Australien.“ Ich hatte angenommen, die meisten Skirennläufer würden im Sommer auf der Südhalbkugel trainieren, zum Beispiel in Neuseeland oder in Chile. „Ja, schon, aber hier sind einfach die Bedingungen und die Infrastruktur am besten.“

Der Schlegeis-Stausee, unser ständiger Begleiter am Weg auf den Olperer.Der Schlegeis-Stausee, unser ständiger Begleiter am Weg auf den Olperer.

Bernhard seilt uns an. Im Hintergrund zu sehen: Der Gipfelgrat.Bernhard seilt uns an. Im Hintergrund zu sehen: Der Gipfelgrat.

Den Olperer kann man vom Hintertuxer Skigebiet aus mittlerweile als Tagestour machen. In früheren Zeiten war dieser Berg eine extreme Herausforderung. Bevor es die Gletscherbahn in Hintertux gab, mussten Bergsteiger zunächst zum Spannagelhaus aufsteigen, an dessen Stelle noch heute eine Hütte steht. Von der rund 2.600 Meter hoch gelegenen Hütte aus war der 3.476 Meter hohe Olperer immer noch eine knackige Tagestour – mit einem langen Gletscher dazwischen. „Der 86-jährige Onkel von meiner Frau, ein Bergführer und Schustermeister, hat das noch gemacht“, erzählt Bernhard. „Das war früher für die Bergsteiger schon eine große Herausforderung.“ Auch heute noch sei eine Olperer-Besteigung aus dem Skigebiet nicht leicht, denn es gebe einen gewissen Zeitdruck: „Der Lift sperrt um 8:15 Uhr auf und die letzte Bahn hinunter geht um 16 Uhr. Also ist das Zeitfenster dazwischen klein. Olperer-Aspiranten, die über den Nordgrat rauf wollen, müssen gut klettern können. Es sind irrsinnig glatte Plattenstellen drin und das heißt, sie müssen wirklich ein gutes Niveau mitbringen. Gleichzeitig darf man auch eines nicht vergessen: Durch die schnelle Bergfahrt mit der Bahn sind die Leute oft nicht so gut angepasst an die Höhe, wie zum Beispiel jemand, der über die Olperer Hütte aufsteigt. Der Körper braucht Zeit, um sich auf das einzustellen. Und deswegen sind diese Tagestouren nicht einfach.“

Wir haben die technisch leichtere Variante über die Südseite gewählt, allerdings auch als Tagestour mit rund 1.700 Metern Höhenunterschied im Aufstieg. Ob wir das – inklusive unserer vielen Fotostopps – tatsächlich schaffen, bezweifle ich inzwischen. Wenigstens Jens hat die Nacht zuvor auf der Hütte verbracht, Bernhard und ich sind unten beim Stausee gestartet. Wir ziehen die Klettergurte an und klinken uns ins Seil ein. Mein erstes Mal in einer Seilschaft, auch für Jens ist es eine Premiere. Die Schuhe sinken im weichen Schnee ein. Bernhard geht voran durch ein Schneefeld, das ihm zufolge den Namen „Schneegupf“ trägt. Vergangene Woche hat es geschneit, an manchen Stellen reicht uns der Schnee bis zu den Knien. „Erst vor ein paar Tagen musste ich eine Tour auf den Olperer abbrechen“, sagt Bernhard, „wegen Lawinengefahr“. Und das Mitte Juli. Heute haben wir mehr Glück, der Schnee hat sich bereits etwas verfestigt, eigentlich optimal zum Hinaufgehen. Nur an ein paar steilen Stellen müssen wir besonders aufpassen, denn dort blitzt das blanke Eis hervor.

Wir queren den „Schneegupf“ in 3.000 Metern Höhe.Wir queren den „Schneegupf“ in 3.000 Metern Höhe.

Bernhard kurz vor dem Gipfelgrat. „Erst vor ein paar Tagen musste ich eine Tour auf den Olperer abbrechen“, sagt Bernhard, „wegen Lawinengefahr“.Bernhard kurz vor dem Gipfelgrat. „Erst vor ein paar Tagen musste ich eine Tour auf den Olperer abbrechen“, sagt Bernhard, „wegen Lawinengefahr“.

Wir erreichen eine Höhe von rund 3.200 Metern und kraxeln über Felsblöcke weiter nach oben – bis zu einer drahtseilversicherten Passage. Dazwischen entdecken wir alte Eisentritte. Hier sind im Jahr 1867 die Olperer-Erstbesteiger Paul Grohmann, Georg Samer und Jackl Gainer hinaufgeklettert. Damals allerdings ohne ein Fixseil aus Stahl. 2017 ist das genau 150 Jahre her. Bernhard erzählt mir, dass der ortsansässige Alpenverein zum 150-jährigen Jubiläum überlegt, die Drahtseilversicherungen zu entfernen, um den Berg wieder in seinen Originalzustand zurückzuversetzen – mit Bohrhaken anstelle der Drahtseile. „Denn die Fixseile verleiten vielleicht auch Leute dazu, raufzugehen, die dort gar nicht hingehören.“ Wir sind in diesem Moment dennoch froh um die Stahlseilversicherung an dieser luftigen Passage. Neben uns bricht der Berg hunderte Meter weit senkrecht ab.

Minuten später, in rund 3.450 Metern Höhe sehen wir bereits das Gipfelkreuz. Uns fehlen nur noch wenige Höhenmeter bis zum Gipfel. Er wirkt zum Greifen nahe, aber vor uns liegt noch ein gutes Stück des schroffen Gipfelgrates. Langsam läuft uns die Zeit davon, denn uns steht auch noch ein langer Abstieg bevor. Jens ist erschöpft, ich bin erschöpft. „Wir werden ja alle müde – ich auch, ich bin ja auch keine Maschine“, sagt Bernhard zu uns. Nachdenklich schaut er Jens an, der sich tapfer bis hierher hochgekämpft hat. „Auch Jens wird immer müder“, sagt Bernhard, „je länger wir das hinauszögern, umso schneller verschlechtert sich die Situation. Und wir sind wirklich weit gekommen. Es ist zwar nicht mehr weit, aber drehen wir lieber um, wir haben noch einen weiten Abstieg.“

Wir steigen wieder ab zur Olperer Hütte, Bernhard und ich essen noch schnell etwas, bevor wir wieder zurück zum Auto gehen. Hüttenwirtin Katharina versucht, uns zu trösten. „Dann habt ihr wenigstens einen Grund, dass ihr nochmal kommt. Das ist gut.“ Jens bleibt noch eine Nacht auf der Hütte, um das grandiose Abendrot noch weiter zu fotografieren. Der Olperer glänzt nochmal in den letzten Sonnenstrahlen, die Wolkenfetzen rund um den Gipfel haben sich fast völlig verzogen. Bernhard schaut hinauf. „Ich war schon über hundert Mal oben, aber er hat mich noch nie abgeworfen.“ Auch diesmal nicht.

Bernhard Neumann_Olperer_Portrait 2

Fotos: Fotos: Tirol Werbung / Jens SchwarzFotos: Fotos: Tirol Werbung / Jens Schwarz

Vom Großglockner bis zur Wildspitze, vom Großvenediger und dem Wilden Kaiser bis zum Olperer: In einer fünfteiligen Porträtserie erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von fünf Tiroler Bergführern und ihren Hausbergen.

Falls ihr auch mit Bernhard Neumann auf Tour gehen möchtet, findet ihr hier seinen Kontakt: www.mountain-sports-zillertal.com

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim Wandern, Mountainbiken, Freeriden und Skitouren gehen entdeckt er die schönsten Plätze.

Michael
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