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Bergführer im Porträt: Sigi Hatzer und der Großvenediger

Aktualisiert am 19.07.2018 in Menschen
Sigi Hatzer stand bereits über 900 Mal am Gipfel des rund 3.660 Meter hohen Großvenedigers - vergangenen Sommer sogar gemeinsam mit seinem zehnjährigen Sohn Lorenz. Ich habe die beiden begleitet und dabei mehr über die Geschichte einer langjährigen Freundschaft zwischen einem Bergführer und dem Großvenediger erfahren.

Der Wind bläst mir Schneekristalle ins Gesicht. Es ist der 23. August 2016. Eigentlich Sommer, aber nur im Tal. Sigi Hatzer, unser Bergführer, packt seine Skibrille aus. Sein zehnjähriger Sohn Lorenz trägt schon eine und geht voran. Das Seil spannt sich, Gletscherspalten umzingeln uns hier in über 3.000 Metern Höhe. Bis zum Gipfel des Großvenedigers fehlen uns noch einige hundert Höhenmeter.

Es war eine gute Entscheidung, die Tour heute zu unternehmen. Erst gestern war ein niederländischer Bergsteiger bei Schlechtwetter hier am Großvenediger in eine Gletscherspalte gestürzt. Sigi zeigt mit seinem gut drei Meter langen Holzstock nach links, auf eine Gletscherspalte, die bei Schönwetter gut zu sehen ist. „Da drüben war das.“ Er kennt die Spalten am Großvenediger vermutlich so gut wie andere das Fernsehprogramm, schließlich war er auch schon oft hier oben. 936 oder 937 Mal sei es schon gewesen, da müsse er in seinem Tourenbuch nachschauen. Das hat er mir gestern Abend im 2.964 Meter hoch gelegenen Defreggerhaus erzählt, unserem Ausgangspunkt für die heutige Tour.

Ein Schafhirte, der Bergführer wurde

Sigi Hatzer, zum Zeitpunkt unserer Tour 51 Jahre alt, ist im Osttiroler Dorf Prägraten aufgewachsen. Prägraten liegt am Fuße von Österreichs vierthöchstem Berg, dem Großvenediger. Bei meinen Nachforschungen, wer diesen Berg besonders gut kennt, bin ich recht schnell auf Sigi gestoßen. Mit 14 Jahren stand er gemeinsam mit Freunden das erste Mal am Gipfel des Großvenedigers, was seiner Meinung „relativ spät“ gewesen sei. „Heute gehen die Kinder ja schon ein wenig früher“, meint er. Der Grund für Sigis verspätete Bergsteigerkarriere: In den Sommern davor musste er die Kühe seines Vaters hüten und vom ersten bis zum letzten Ferientag in den Wald treiben. Sein Vater hatte aber auch eine Schafherde. „Eigentlich bin ich mit den Schafen auf den Berg gekommen, gegenüber im Timmeltal.“ Mit 17 Jahren bestieg Sigi den Mont Blanc, Europas höchsten Berg.

Links hinter der schneebedeckten Spitze liegt unser Ziel: Der Gipfel des Großvenedigers.Links hinter der schneebedeckten Spitze liegt unser Ziel: Der Gipfel des Großvenedigers.

Wenige Meter vor uns stapft ein Zehnjähriger über das von Gletscherspalten durchzogene Innere Mullwitzkees. „Lori, geh Du voraus“, hat Sigi am Beginn der Tour zu seinem Sohn gesagt. Lorenz ist angeseilt, Sigi sichert ihn. Ein paar hundert Meter vor uns sehe ich einen älteren Bergsteiger alleine über den Gletscher gehen. „Der ist halt lebensmüde“, meint Sigi lapidar und erklärt uns, dass man zumindest zu dritt am Gletscher unterwegs sein muss. Falls einer in eine Spalte fällt, können ihn die anderen Zwei am Seil halten und retten. Angst habe ich dennoch keine. Sigi scheint zu wissen, was er tut. Durchschnittlich 30 Mal pro Jahr führt er Leute auf den Großvenediger, seit er seine Bergführerausbildung 1985 begonnen und 1987 abgeschlossen hat. Mal öfter, mal seltener. Mittlerweile betreibt er unten im Virgental gemeinsam mit seiner Frau auch einen Waldseilpark als zweites Standbein neben der Bergführerei.

Vom Berg geschluckt

„Geht ein bisschen rechts von den anderen Spuren, da ist die Schneebrücke noch besser.“ Unter den Schneebrücken verbergen sich oft mächtige Hohlräume. Sigi sticht mit seinem Holzstock, einer so genannten Alpenstange, in den Schnee. Die Stange verschwindet zwei Meter tief darin. „Da zieht eine Spalte parallel zum Weg entlang.“ Nur die etwas hellere Schneefarbe verrät, dass sich hier ein Hohlraum unter dem Schnee verbirgt. Viele dieser Risse im Eis sind 30 Meter tief, manche bis zu 60 Meter. Darin fände sogar der 50 Meter hohe Turm der Innsbrucker Bergisel-Skisprungschanze Platz. Alleine den Aufstiegsweg am Inneren Mullwitzkees säumen über vierzig Spalten. „Jetzt, mit dem Neuschnee siehst du die nicht, das spürst du höchstens, wenn du einen Abflug machst.“ Schlechte Sicht, unerfahrene Leute – genau so passierte auch der Unfall der niederländischen Gruppe am Tag vor unserer Tour. Dennoch hört Sigi von unerfahrenen Großvenediger-Aspiranten immer wieder den Ausspruch, es sei ja „nur ein Trampelpfad“. Allerdings ein tückischer Trampelpfad. Oft benötigen Sigi und seine Bergführerkollegen zwei oder drei Tage, um alle Spalten zu sondieren und dazwischen einen sicheren Weg zum Gipfel zu finden. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme neben dem Seil hält Sigi die Alpenstange beim Aufstieg quer vor dem Körper. Sie verkeilt sich im Fall des Falles und hat Sigi schon mehrmals vor Spaltenstürzen bewahrt.

Wir stapfen weiter durch den kompakten Schnee, der das Gletschereis bedeckt. Es hat in den vergangenen Tagen etwas geschneit, die Verhältnisse sind heute ideal. Immer wieder spricht Sigi mit seinem Sohn Lorenz. „Ist dir kalt, Lori?“ Wir machen eine Pause, Sigi hält Lorenz eine Limoflasche hin: „Trink was, das ist ganz wichtig.“ Lorenz sagt nicht viel, aber er lächelt. Er ist bereits zum zweiten Mal in seinem Leben unterwegs zum Großvenediger-Gipfel, das erste Mal war vor zwei Jahren. Für seinen Vater war es das vielleicht schönste Erlebnis am Großvenediger.

Über Grenzen – und Grenzerfahrungen

Früher, da war Sigi das Bergsteigen vielleicht sogar wichtiger als eine Familie. Den Großvenediger hat er von allen Seiten aus erstiegen. Über die Südwestflanke. Über die Nordostwand. Knapp unter ihm und seinem Partner ist dort einmal ein Eisbalkon abgebrochen. Sie waren ohne Seil unterwegs. „Mit Seil hätten wir die Zeit verplempert. Dann wären wir genau in der Eislawine drin gewesen. Gott sei Dank hatten wir einen guten Riecher. Wenn Du da oben stehst, hast Du Glück gehabt, wie so oft.“

Es gab vor elf Jahren einen Tag, an dem Sigi gleich zweimal am Gipfel des Großvenedigers stand. Davor hatte er an einigen Skitourenrennen und Bergläufen teilgenommen. Da kam ihm die Idee, den Großvenediger zweimal hintereinander zu erklimmen. Mit Skiern. „Die Höhe macht auch einiges aus. Wenn du da nicht akklimatisiert bist, gehst du in die Knie“, erinnert er sich. Das erste Mal benötigte er drei Stunden und 23 Minuten von Hinterbichl im Osttiroler Virgental bis zum Gipfel, das zweite Mal waren es nur drei Minuten mehr. In achteinhalb Stunden schaffte er diese Gewalttour mit rund 4.500 Höhenmetern und 70 Kilometern. „Solche Dinge sind natürlich Highlights, die man sich merkt.“

Ein S-förmiger Grat taucht vor uns auf, wir sehen zum ersten Mal das Gipfelkreuz des Großvenedigers. Hier ist Stürzen verboten, ich würde wohl nur durch das Seil gebremst, welches an meinem Karabiner hängt. Hinter uns ragt das Rainerhorn auf, 3.560 Meter hoch. Es ist rund 100 Höhenmeter niedriger als der Großvenediger, drängt sich aber vom Virgental aus gesehen in den Vordergrund, während der Großvenediger sich vornehm zurückhält. Er ist eben ein bescheidener Riese. Zu Unrecht, denn erst 1841, vier Jahrzehnte nach dem Großglockner, wurde der Großvenediger erstmals bestiegen. Wie hoch der Gipfel tatsächlich ist, kann mir selbst Sigi nicht exakt sagen. „Wir haben noch den Stempel, den bekommt jeder Gast nach der Tour. Auf dem stehen 3.674 Meter. Das war vor 30 Jahren.“

Mitterweile, so schätzt Sigi, sei der Großvenediger durchschnittlich 3.660 bis 3.662 Meter hoch, je nach Schneelage. Im Winter sind es zwei bis drei Meter mehr, im Sommer etwas weniger. „Aber bald kommt der Fels als höchster Punkt heraus, dann kann man es genau sagen.“ Manche werden nun einwenden, der Großvenediger sei gar kein Tiroler Gipfel, sondern ein Salzburger. Auf seinem Gipfelgrat verläuft die Wasserscheide zwischen den beiden Bundesländern. Sigi ist das nicht so wichtig: „Wichtig ist, dass er da steht und dass man ihn besteigen darf.“

Vater und Sohn ganz oben

Wir erreichen den Gipfel. Einige andere Bergsteiger sind schon dort und singen ausgelassen miteinander. Wir schauen hinunter auf eine kleine, hartnäckige Wolke. Im Sonnenschein schimmert uns ein sogenannter Halo aus der Wolke entgegen – eine Art kreisförmiger Regenbogen. Ich erinnere mich an Sigis Worte vom Vorabend auf der Hütte: „Es könnte auch anders sein, das muss einem immer bewusst sein.“ Er meint damit nicht nur das Wetter. Sigi umarmt seinen Sohn Lorenz und hisst eine kleine, rote Fahne. Er hat vorab mit Filzstift etwas draufgeschrieben:

Er verstehe Leute nicht, die ihr Kind mit sechs, sieben Jahren auf irgendwelche Gipfel zerren, und das „nur für ihr Ego“, hat Sigi vor der Tour zu mir gesagt. Sein Sohn sei in den Bergen aufgewachsen. Was für ihn und Lorenz beinahe normal ist, wäre für Menschen aus dem Flachland wohl extrem.

Wir machen uns auf den Rückweg ins Tal. Wie dieser Berg ihn verändert habe, möchte ich von Sigi noch wissen. „Ich schätze es viel mehr als früher, dass ich den Berg besteigen darf. Dass er mich duldet.“ Im Laufe der Jahre habe er immer mehr Respekt vor dem Großvenediger bekommen, ergänzt Sigi. „Er ist ein guter Freund von mir geworden.“

Vom Großglockner bis zur Wildspitze, vom Großvenediger und dem Wilden Kaiser bis zum Olperer: In einer fünfteiligen Porträtserie erzählen wir diesen Sommer die Geschichten von fünf Tiroler Bergführern und ihren Hausbergen.

Falls ihr auch mit Sigi Hatzer oder einem anderen der Venediger Bergführer auf Tour gehen möchtet, findet ihr hier den Kontakt: www.venediger-bergfuehrer.at

Michael Gams ist in seiner Freizeit viel im Land unterwegs: Beim Wandern, Mountainbiken, Freeriden und Skitouren gehen entdeckt er die schönsten Plätze.

Michael
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