Eine von 757 Tausend – Wie Lizette von Südafrika nach Tirol kam
„From the Beach to the Berg“ – so bringt Lizette ihre Lebensgeschichte auf den Punkt. Mit „Beach“ meint Lizette ihre Jugend in Südafrika, denn dort brauchte sie nur zehn Minuten bis zum Meer. Die Millionenmetropole Kapstadt war die Heimat der damals 19-Jährigen Linguistik- und Soziologiestudentin Lizette. Wie es sie von dort „to the Berg“ verschlagen habe, will ich von ihr wissen. „Auch Afrikaner machen Urlaub“, lautet die logische Antwort. Sie schaut mich herausfordernd an, lacht und legt den Kopf dabei in den Nacken. Eine Europareise mit „ganz vielen Oldtimern“ sei es gewesen, eigentlich eine Pilgerreise, organisiert vom Pfarrer ihrer südafrikanischen Gemeinde. Ihr Vater hätte gekniffen. „Er hat Angst bekommen und gesagt, ich sei sowieso interessiert in Europa.“ Also fuhr Lizette an seiner Stelle, um sich Kirchen anzuschauen und – die Liebe ihres Lebens kennen zu lernen. Das wusste sie zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht.
Bei Lizette fallen Sätze wie dieser: „Tiroler sind wie gefrorenes Gemüse.“
„Meine Idee war, eine Strandbar zu machen“
In einer abschüssigen Seitengasse mitten in der Haller Altstadt finde ich das „Café Lizette“. Dort treffe ich eine strahlende Frau von 52 Jahren. Lizette trägt immer ein Lächeln auf den Lippen, ihre Aussagen unterstreicht sie mit einem „woasch?“, so wie das viele Tiroler tun. Seit 1984 lebt sie in Hall in Tirol und ist mit einem Tiroler verheiratet. In ihrem Café dominiert die Farbe Rosa. Tafeln mit lustigen und altklugen Sprüchen hängen an der Wand. Sprüche wie dieser: „Genieße das Leben ständig, denn Du bist länger tot als lebendig.“ Lizette hat sich hier 2016 ihren Traum erfüllt. „Schon vor Jahren war meine Idee, so eine Strandbar zu machen in Hall. Wo die Leute barfuß im Sand stehen können, auch im Winter.“ Aus der Sache mit der Strandbar wurde zwar nichts, doch Lizettes Euphorie tat das keinen Abbruch.
In Lizettes Café ist die Welt rosarot.
„No Sports“
Für die vierfache Mutter Lizette ist das Café wie ein weiteres, fünftes Kind. „Ich vergleiche das immer mit einem Baby. Die erste Zeit kann das Kind noch gar nichts, da musst du es immer stillen und es weint in der Nacht. Sehr zeitaufwändig war das. Jetzt, nach einem Jahr, kann es schon alleine gehen.“ Sie plane nicht so gern, sondern lebe lieber in den Tag hinein, sagt Lizette. Sie lacht viel und gern, während wir uns unterhalten. Ihre Hobbies, falls doch mal Zeit bleibt? „Daheim sein, Freunde empfangen, einfach mal rumgammeln. Das ist eigentlich mein Hobby, wenn man so will. Wir sind keine Sportler. Like Churchill said: No Sports.“
Wir – damit meint sie sich und ihren Mann Manfred. „Das war Liebe auf den ersten Blick bei uns zwei.“ Kennengelernt haben sich die beiden bei Lizettes Europareise in Hall in Tirol. Auf einer Wiese beim Gasthaus Thresl in Heiligenkreuz habe er sie angesprochen, erzählt Lizette. Er war Mechaniker. „Normalerweise ist er nicht der Typ, der Frauen anredet oder so. Er war sehr schüchtern.“ Manfred zeigte ihr Innsbruck. „Und da haben wir uns ineinander verliebt.“ Innerhalb eines Jahres verlobten sie sich, heirateten und bekamen ein Kind. Heute hat Lizette vier erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. „So gesehen bin ich wertvoll fürs Land Tirol, für Österreich. Logisch, nicht? Wenn man so viele Kinder bekommt.“
„Das war Liebe auf den ersten Blick bei uns zwei“ – Lizette über ihren Mann Manfred.
„Die geistige Freiheit hier ist unbezahlbar“
Lizettes Humor ist auch ihre schärfste Waffe gegen Vorurteile und Rassismus. Mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime der 80er-Jahre aufgewachsen, weiß sie genau, wie wertvoll Freiheit ist. „Uns wurde immer eingetrichtert: White is right.“ Sie sei zwar froh, dass sie in Südafrika aufgewachsen ist, vor allem der lockeren Mentalität wegen. Allerdings brauche man dort viel Geld, um seinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen und in einer sicheren Gegend zu wohnen – im Gegensatz zu Tirol. „Hier wohnt jeder in einer sicheren Gegend.“ Ihr gefalle es auch, dass die Leute hier alles selber machen und nicht für alles und jedes Handwerker oder Garden Boys hätten. „Mir hat das auch so gefallen, dass die Leute frei sind. Obwohl ich Protestantin bin. Hier zahlst du deine Kirchensteuer und fertig.“ In Südafrika sei das anders, was Religion angehe: „Viel Brainwashing. Hier nicht, das gefällt mir. Die geistige Freiheit, die die Leute haben. Das ist unbezahlbar.“
„Ich dachte, ich bin in der Wildnis gelandet“
Leicht hatte Lizette es anfangs im Tirol der 80er-Jahre trotzdem nicht. Sie habe sich anfangs wie in einer Zeitmaschine gefühlt, als sie von der Millionenstadt Kapstadt nach Hall in Tirol übersiedelte. „Ich habe es nicht glauben können, wie die Leute mich angestarrt haben. Ich war einfach eine Sensation als Dunkelhäutige.“ Ihr als Großstädterin wurden seltsame Fragen gestellt, wie zum Beispiel: „Du hast sicher noch nie so viele Autos gesehen.“ Dabei hätten die Tiroler und sie schon damals etwas gemeinsam gehabt, sagt Lizette: „Ich habe mir gedacht, ich bin in der Wildnis gelandet und die haben sich gedacht, ich bin eine Wilde.“
Lizette kam von der Millionenstadt Kapstadt in Südafrika ins beschauliche Hall in Tirol.
„Tiroler sind wie gefrorenes Gemüse“
Ihr Mann wurde vom Mechaniker zum gefragten Kabarettisten – was zum Teil wohl auch ihr Verdienst war, wie Lizette erzählt: „Ich habe ihn gezwungen, sein Talent auszuüben. Mehr nicht.“ Seine Familie hätte gar nicht gewusst, dass er so ein lustiger Mensch sei. „Als er mich kennengelernt hat, ist es zum Vorschein gekommen.“ Lizettes Offenheit und Freude am Lachen hatten ihren Mann dazu animiert, die Leute als „Luis aus dem Ultental“ zum Lachen zu bringen – eine seiner Paraderollen auf der Bühne. Auch Lizette hat einige lustige Sprüche auf Lager. Ein Beispiel: „Ich fühle mich wohl in Tirol. Die Tiroler sind halt wie gefrorenes Gemüse: Wenn man sie auftaut – und jeder von uns weiß, dass gefrorenes Gemüse eigentlich frischer ist als so genanntes frisches Gemüse. Weil die werden ja richtig gleich gepflückt, gleich verarbeitet, die sind frisch, frisch, frisch. Und sind dann natürlich auch knackig.“
Es dauerte bis zum Jahr 2016, als Lizette endlich ihren Traum von einem eigenen Café verwirklichte. In den Jahren davor brachte sie Kindern Tanzen bei, unterrichtete ältere Leute im Salsatanz und arbeitete zuletzt als Native Speaker im Kindergarten. Im Café Lizette sei sie nun ihre eigene Chefin. „Als vierfache Mama bin ich das ja gewöhnt, zu dienen. Zu Bedienen. Verwöhnen. Bei mir ist alles selbstgemacht: Brot, Kuchen, die Aufstriche, alles.“ Das Café hat sie von ihrem Schwager Helmut übernommen, dessen Gäste vor allem ältere Herren waren. Die sind nun weg. Jetzt kommen vor allem deren Frauen vorbei.
Normalerweise ist in Lizettes Café mehr los – wir besuchen sie an ihrem Ruhetag.
Wenn es einen Menschen gibt, der Lizettes Leben verändert hat, dann „der Manni“. Durch ihn sei sie auf der anderen Seite der Welt gelandet. Und auch sie selbst habe sich natürlich verändert, sagt Lizette, „weil wir immer beim Wachsen sind.“ Sie musste lernen, sich in ihrer spontanen Art zu zügeln. „Das ist das Afrikanische, wir leben ja sehr im Moment. Südländer planen nicht so.“ Doch manchmal wundert sie sich immer noch über die Eigenheiten der Menschen hier: „Wenn das Wetter heiß ist, dann kannst Du nichts tun. Dann geht der Tiroler trotzdem mit dem Rad fahren wie ein Wahnsinniger. Wenn das Wetter heiß ist, dann wird bei mir sicher nicht Rad gefahren.“ Andererseits merke sie jedes Mal, wenn sie wieder in Südafrika zu Besuch sei, wie verplant die Leute dort seien. „Ich plane nur das, was wichtig ist. Alles andere ist afrikanisch, wird nicht geplant.“
„Ich gehöre da noch zu den Schlanken“
Bei Familienbesuchen in Südafrika sei ihr erster Eindruck: „Boa, sind die alle dick. Ich gehöre da sogar noch zu den Schlanken. Aber nach zwei Tagen siehst Du das nicht mehr. Weißt Du was Du dann siehst? Du siehst das Lachen. Du siehst fröhliche, zufriedene Leute.“ Mit dem europäischen Schlankheitswahn kann Lizette immer noch wenig anfangen. „Die Frauen hier tun alle sporteln statt essen. In Tirol leben die Leute zum Arbeiten. Arbeit, Geld machen. So viele Familien sind zerstritten wegen einer Erbschaft. In Afrika arbeiten die Leute, um zu leben.“
Sie könne andere Menschen nicht glücklich machen, meint Lizette, „aber ich kann mein Glück mit jemandem teilen.“
„Die Langweiligsten sagen: Die Party ist langweilig“
Besonders stolz ist Lizette auf ihre Kinder Adrian, Jule, Nico und Jasmin, alle zwischen 19 und 31 Jahren. Jasmin hat Lizette bereits zur zweifachen Oma gemacht. Da wird selbst die lustige Lizette kurz nachdenklich. Wenn sie ihren Enkelkindern einen Ratschlag fürs Leben mitgeben könne, dann wohl diesen: „Dass man sich immer treu bleibt und dass man ehrlich ist. Viele Sachen passieren, weil die Leute mit sich selber unehrlich sind, sich selber anlügen.“ Sie könne andere Menschen nicht glücklich machen, sagt Lizette. „Das ist ein Irrtum, das geht nicht. Aber ich kann mein Glück mit jemandem teilen.“ Deshalb sei der wichtigste Mensch in ihrem Leben sie selbst. „Nur, wenn Du gefestigt bist, kannst Du Deine Liebe teilen. Ein anderer Mensch kann Dich nicht glücklich machen.“ Das sei, wie wenn man zu einer langweiligen Party gehe. „Die langweiligsten Leute sagen immer: Die Party war langweilig. Dann sage ich: Wie kann eine Party langweilig sein? Essen ist da, Musik ist da, für alles ist gesorgt – aber erst der Mensch haucht der Party Leben ein. Die Leute wollen animiert werden, aber nichts dafür tun.“
Während ich mich mit Lizette unterhalte, wird sie mehrmals von vorbeigehenden Leuten gegrüßt – ganz Hall scheint sie zu kennen. In ihrem Café liegen keine Zeitungen. Die Leute kommen auch nicht zum Zeitunglesen. Und auch nicht zum Internetsurfen. Sondern? „Network old school: Reden. Hier wird gleich mal miteinander geredet und da bin ich ganz stolz darauf. So gehört es sich auch.“ Zum Abschied streckt mir Lizette die Arme entgegen, als wolle sie mich mit ihrer Umarmung auftauen.
Fotos: Tirol Werbung / Carlos Blanchard
Lizettes Café findet ihr in der Haller Altstadt – und online: Café Lizette