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Paul-Philipp Hanske

Die Berge kommen der Kunst entgegen

30.03.2021 in Magazin

Interview: Paul-Philipp Hanske

Paul Naredi-­Rainer ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck und Herausgeber des gewaltigen Sammelbandes „Kunst in Tirol“. Hier erklärt er, wie die Berge den Weg in die Kunst fanden – und wieso in Tirol die Dinge manchmal länger dauern.

Herr Professor Naredi-­Rainer, gibt es so etwas wie eine typisch tirolische Kunst?

Nein, das wurde zwar immer wieder versucht: das typisch „Tirolische“ in der Kunst auszumachen, aber generell gelten Überlegungen zu „Nationalstilen“ heute als kunstgeschichtlich nicht haltbar oder ideologisch fragwürdig. Wir haben in unserem Bildband diese örtliche Begrenzung rein pragmatisch benutzt: Kunst, die aus Tirol stammt, für Tirol geschaffen wurde oder in der Tirol eine Rolle spielt, etwa motivisch. Und da gibt es eine Menge zu entdecken.

Paul Naredi-Rainer - Der Professor für Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck ist Herausgeber des Sammelbandes „Kunst in Tirol“. Zuvor war er unter anderem Leiter des Rheinischen Bildarchivs in Köln. Naredi-­Rainers Fachgebiet ist Architektur, darüber hinaus ist er ein profunder Kenner aller Epochen der abendländischen Kunst.
Paul Naredi-Rainer - Der Professor für Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck ist Herausgeber des Sammelbandes „Kunst in Tirol“. Zuvor war er unter anderem Leiter des Rheinischen Bildarchivs in Köln. Naredi-­Rainers Fachgebiet ist Architektur, darüber hinaus ist er ein profunder Kenner aller Epochen der abendländischen Kunst.

Womit wir schon bei dem zentralen Tiroler Motiv sind: den Alpen. Was ist die erste künstlerische Darstellung eines Tiroler Berges?

Das kann man ziemlich genau sagen, und wie es der Zufall will, ist es eine der ersten realistischen Darstellungen eines Berges überhaupt. Es ist Albrecht Dürers Aquarell „Innsbruck von Norden“. Wahrscheinlich malte er es auf der Rückkehr von seiner zweiten Italienreise, also 1507. Er kam gerade aus Venedig, traf dort mit den größten lebenden Künstlern zusammen und war davon ganz beseelt. Die Rückreise über die Alpen hielt er in vielen Aquarellen fest, eines davon ist die berühmte Ansicht von Innsbruck. Hinter der Stadt erkennt man deutlich die Sonnenspitze und den Patscherkofel. Das sieht auf den ersten Blick nicht spektakulär aus, tatsächlich war Dürer damit aber seiner Zeit um Jahrhunderte voraus.

Wieso?

Dürer schaute genau hin und gab korrekt wieder. Er war deutlich beeinflusst von der revolutionären Schule der nordeuropäischen Realistik. Die Hinwendung zur exakten Naturbetrachtung geschah vor allem in den Niederlanden des frühen 15. Jahrhunderts, etwa durch van Eyck. Dürer übertrug das nur auf ein Feld, das bisher als nicht darstellenswert erachtet wurde, die Bergwelt.

War Dürer wirklich der erste Künstler, der Berge malte?

Nein, aber einer der Ersten, der sich um eine korrekte topografische Ansicht bemühte. Dazu muss man wissen, welche Rolle Berge – oder allgemein: Landschaft – in der Kunst der Zeit spielten. In den Gemälden des Hochmittelalters tauchen Landschaften so gut wie gar nicht auf. Das zentrale, also das transzendente Geschehen fand in der Regel vor Goldgrund statt. Die Landschaft wurde als nicht wichtig erachtet und schlich sich über Umwege in die Kunst, etwa auf den Seitenbildern von Altären. Dort allerdings taucht sie zunächst als idealisierte Landschaft auf, die eine allegorische Bedeutung hatte.

Der Berg ist das Schwierige, das Feindliche, das zu Bezwingende

Wofür standen die Berge in diesem Kontext?

Es gibt dieses Ereignis, das kulturgeschichtlich nicht überbewertet werden kann: Im April 1336 bestieg der Dichter und Gelehrte Petrarca zusammen mit seinem Bruder den Mont Ventoux in der Provence. Diese erste datierte alpinistische Exkursion verband er mit Betrachtungen über sein Innenleben und die Bedeutung der Kunst. Der Berg ist das Schwierige, das Feindliche, aber dann doch zu Bezwingende. Und er verkörpert das Tremendum, das Schreckliche, Erschütternde, auch das, was man später im 18. Jahrhundert das Erhabene nannte. Dabei handelte es sich aber nie um eine konkrete Gegend, sondern eine übersteigerte, eine idealtypische Landschaft, die im wahrsten Sinn des Wortes zugespitzt wurde.

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Unrealistisch spitz wirken auch die Berge auf dem Bild „Der Tiroler Landsturm anno 1809“ aus dem Jahr 1819.

Joseph Anton Koch war ein typischer Landschaftsmaler aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Er wuchs als Bauernsohn in Tirol auf, kam viel in Europa herum und lebte dann vor allem in Rom. Das Bergpanorama, das er in dem „Landsturm“ malt, sollte die dramatische Situation illustrieren. In der Bildmitte sieht man den Tiroler Nationalhelden Andreas Hofer, der den Tiroler Aufstand gegen die Besetzung des Landes durch napoleonische Truppen anführt.

In diesem Bild widmet sich der Landschaftsmaler Anton Koch dem Tiroler Nationalhelden Andreas Hofer. Interessant ist die unrealistisch spitze Darstellung der Berge, die eher eine symbolische Landschaft bilden.
 
In diesem Bild widmet sich der Landschaftsmaler Anton Koch dem Tiroler Nationalhelden Andreas Hofer. Interessant ist die unrealistisch spitze Darstellung der Berge, die eher eine symbolische Landschaft bilden.  

Abbildungen von Hofer gibt es in Ihrem Bildband zuhauf. Wieso ist die Figur bis heute so prominent in Tirol?

Weil das Tiroler Nationalbewusstsein in dem Volksaufstand erst so richtig entstand. Bayerische und französische Truppen besetzten das Land ab 1806. Begründet wurde dies unter anderem damit, dass die Strukturen der Aufklärung eingeführt werden sollten. Aber die Tiroler haben sich dagegen gewehrt. Andreas Hofer führte den Aufstand an – stand aber auch für ein nationalistisches und rückwärtsgewandtes Selbstverständnis des Landes. Dann wurde er verraten, festgenommen und in Mantua hingerichtet. Das ist vielen Tirolern fest im Bewusstsein. Sein Grab in der Innsbrucker Hofkirche trägt bis heute Trauerflor. Ich hatte einmal in einer Vorlesung einen Seniorenstudenten, und als die Rede auf die Bedeutung von Mantua in der Kunstgeschichte kam, empörte sich dieser und sagte, er wolle von Mantua nichts wissen, da dort Andreas Hofer erschossen worden sei.

Ist Tirol konservativer als andere Regionen Europas?

Rein kunstgeschichtlich muss man diese Frage klar bejahen. Während anderswo der Barockstil im Kirchenbau, also alles mit Prunk, Gold, Stuck und kleinen Engerln, eine klar umgrenzte Epoche vornehmlich im 17. und 18. Jahrhundert war, baute man in Tirol barock anmutende Kirchen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Die Abgeschiedenheit der Täler führt zu eher bewahrenden Strukturen

Was sind die Gründe für diese Bodenständigkeit?

Das ist ein komplexes Phänomen. Die schon erwähnte Zwangsaufklärung durch Napoleon ist ein Grund. Zuvor fand die Gegenreformation hier einen sehr fruchtbaren Boden. Die Folge war ein konservativer Katholizismus, der zu einer sehr ausgeprägten, oft naiven Volksfrömmigkeit führte. Und ganz allgemein kann man sicher sagen, dass natürlich auch die landschaftlichen Gegebenheiten, also die Abgeschiedenheit der Täler, zu eher bewahrenden, festhaltenden Strukturen führen. Das aber gilt für Gebirgsregionen generell. Da weht ein anderer Wind als in Städten oder am Meer.

Wieder zurück zur Kunstgeschichte: Gibt es denn Stile oder Schulen, für die das Motiv der Berge besonders dankbar war?

Die gesamte Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts der Romantik: Das Erhabene der Gebirgswelt, der herrliche Schrecken wandelt sich langsam in das Geheimnisvolle. Da hat der Berg ein ähnliches Schicksal wie der Wald. Er steht außerhalb der zeitgenössischen Welt, die die Romantiker oft als profan und flach ablehnten, und ragt gewissermaßen aus der Geschichte heraus. Der Berg ist dann nicht mehr das, vor dem man steht, sondern eine eigene Welt, in die man eintaucht. Oft sind es dann auch Nachtlandschaften, die dieses Geheimnis der Gebirgswelt noch deutlicher zur Geltung bringen.

Und wie blickt man in der Moderne auf die Alpen?

Die Bergwelt kam mit ihren scharfen Kanten und den harten Hell-Dunkel-Kontrasten dem Expressionismus sehr entgegen. Da gibt es etwa die „Dolomitenlandschaft“ von Oskar Kokoschka aus dem Jahr 1913. Meiner bescheidenen Meinung nach das schönste Bergbild überhaupt. Ich bin mir nicht mal so sicher, was mich daran so anspricht. Da ist zum einen die Farbstimmung: dieses dunkle Grün und Grau und Blau, die das In-sichRuhen dieser Landschaft zum Ausdruck bringen. Über dem Bild liegt eine unglaubliche Ruhe. Die Berge wirken wie schützende Wände. Dann aber führt dieser Weg mit dem Fuhrwerk mitten durch die Landschaft, der für eine deutliche Öffnung sorgt und zeigt, dass Tirol trotz aller Enge seit Jahrtausenden eine der wichtigsten Transitstrecken Europas ist.

Der Expressionist Kokoschka floh in den Vorkriegsjahren oft in die Abgeschiedenheit der Alpen. Für Paul Naredi-Rainer, der ein Überblickswerk über Kunst in Nord- und Südtirol herausgegeben hat, steht die Farbigkeit des Gemäldes für das In-sich-Ruhen der Landschaft.
 
Der Expressionist Kokoschka floh in den Vorkriegsjahren oft in die Abgeschiedenheit der Alpen. Für Paul Naredi-Rainer, der ein Überblickswerk über Kunst in Nord- und Südtirol herausgegeben hat, steht die Farbigkeit des Gemäldes für das In-sich-Ruhen der Landschaft.  

Für eine Öffnung sorgt seit mehr als 100 Jahren ja auch der Tourismus. Hat sich das auch in der Kunst niedergeschlagen?

Durchaus! Da gibt es zum Beispiel Alfons Walde, dessen Bild „Der Aufstieg der Skifahrer“ (1929) ja auch unseren Sammelband ziert. Er stammte aus Kitzbühel, arbeitete auch als Architekt und widmete sich als Maler sehr einfachen, oft bäuerlichen Sujets. Und auch fürs Skifahren interessierte er sich sehr. Er hatte das Glück, dass sich Kitzbühel schon in den 1920er-Jahren zu einem regelrechten Nobelort für Skitourismus entwickelte. Seine Darstellungen des Wintersports trafen also auf eine zunehmend wohlhabende Schicht an Ski-Enthusiasten. Und so fanden seine Bilder zum Teil reißenden Absatz, und er produzierte in Serie. Dabei entwickelte er einen durchaus eigenen Stil, der auf der einen Seite vom Wiener Sezessionismus beeinflusst war, also einer symbolistisch aufgeladenen Variante des Jugendstils, auf der anderen Seite von der Klarheit der neuen Sachlichkeit.

Der Architekt, Fotograf und Maler Alfons Walde lebte in Kitzbühel. Als einer der ersten Künstler widmete er sich ab den 1920er­Jahren dem neuen Phänomen Skisport. Daneben schuf er bäuerliche Szenen,  Landschaftsbilder und erotische Abbildungen. 
Der Architekt, Fotograf und Maler Alfons Walde lebte in Kitzbühel. Als einer der ersten Künstler widmete er sich ab den 1920er­Jahren dem neuen Phänomen Skisport. Daneben schuf er bäuerliche Szenen,  Landschaftsbilder und erotische Abbildungen. 

Was gefiel den Leuten so an den Bildern?

Waldes Markenzeichen war, die menschlichen Körper auf einfache und prägnante Formen zu reduzieren und die Landschaft in ein sehr plastisches HellDunkel ohne große Diversifizierung zu bringen. So produzierte er ikonische Tirol-Ansichten, die als Werbeplakate genutzt wurden. Und im Gegensatz zu eigentlich allen anderen lokalen Künstlern der Zeit werden Walde-Bilder für mittlere sechsstellige Summen gehandelt. In der Tiroler Elite gehört es bis heute zum guten Ton, einen Walde zu besitzen.

Paul-Philipp Hanske kommt aus Regensburg, sein Großvater war Brauer. Von der Devise „Berge von unten, Kirchen von außen, Wirtshäuser von drinnen!“ fühlt er sich sehr angesprochen.

Paul-Philipp Hanske
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