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meinTirol Magazin - Ausgabe #2 Winter 2021
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Franziska Storz

Griass Enk olle Mitanand

Aktualisiert am 11.11.2021 in Magazin, Fotos: Alessandro Gottardo

Hawidere! Eigentlich gilt über 1.000 Metern über dem weit entfernten Meeresspiegel in Tirol ein Berg-Duz-Gebot. Aber wie verhält es sich bei der Begegnung mit Respektspersonen? Vor allem, wenn man nicht auf Anhieb erkennt, wie viele es sind?
Hawidere! Eigentlich gilt über 1.000 Metern über dem weit entfernten Meeresspiegel in Tirol ein Berg-Duz-Gebot. Aber wie verhält es sich bei der Begegnung mit Respektspersonen? Vor allem, wenn man nicht auf Anhieb erkennt, wie viele es sind?

Unsere Münchner Autorin liebt Tirol und den Dialekt. Aber eine Sache hat sie nie verstanden: Wann darf man sein Gegenüber hier duzen? Und was heißt eigentlich „enk“? Ein Experiment im Grenzbereich der Sprache.

In meinem Kopf trage ich viele schöne Erinnerungen an Tirol mit mir herum. Wirklich. Hunderte.

Und ein paar unschöne. Einmal blieb mein Mann in einem Erlebnisbad in Wörgl im Tunnel einer Wasserrutsche stecken. Er behauptet bis heute, es lag am Material seiner rutschfesten Badehose, nicht an seiner Leibesfülle, aber sei’s drum: Ergebnis war ein robuster Auffahrunfall im Rutschtunnel, ein nasenblutendes Kind und ein erboster Tiroler Vater, der meinen Mann als „wompaten Biffl“ (etwa: „dickes Rindvieh“) beschimpfte. Auch ich habe mich in Tirol schon oft blamiert, habe als Kellnerin auf der schönsten Alm der Steinplatte, der Stallenalm, ein Tablett mit 18 Stamperln aus Versehen an den Kinderskikurstisch ausgeliefert, zu viele Skilehrer angehimmelt und viel zu viel Alkohol getrunken. Aber: Ich habe immer gut zugehört, liebe die Vielfalt des Dialektes und habe zumindest eine Sünde bislang vermieden: mich sprachlich anzubiedern, indem ich die Sprache der Einheimischen imitiert habe. Das soll sich nun ändern.

Tirol ist ein Grenzland – zu Deutschland, Italien, der Schweiz, Vorarlberg, Salzburg und Kärnten. Je mehr Grenzen, desto wichtiger ist traditionell die Begrüßung und Verabschiedung von Grenzgängern. Dafür hält der Dialekt einiges vor. Zur Begrüßung: „Griaß di“, das Tirol exklusiv vorbehaltene „Griaß enk“, das auch in Bayern gebräuchliche „Griaß eich“, das universale „Servus“, das moderne „Hi“ und das alt-modische „Hawidere“. Zur Verabschiedung: „Pfiat di“, „Pfiat enk“, „Pfiat eich“. Als Münchnerin kenne ich auch noch „Pfia Gooooood“, was ich nicht verwende, weil „Pfiat“ bei mir immer nach „Fiat“ klingt – und das geht gar nicht.

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Dieser Artikel ist aus dem meinTirol Magazin. Unter www.tirol.at/abo können Sie das Magazin abonnieren und bekommen jede Ausgabe kostenfrei nachhause in den Briefkasten.

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SIE

Eigentlich lernt jedes Schulkind im deutschsprachigen Raum von klein auf: Zu Freunden, Familie und guten Bekannten sagt man „Du“ und zu Fremden und Respektspersonen „Sie“. In Tirol und auch in manchen Gegenden Bayerns wurde das scheinbar höfliche „Sie“ über 1.000 Meter Höhe abgeschafft: Es gilt das Berg-Du und die damit verbundene Hoffnung, dass alle, die vom Berg runterkommen, nicht mehr so engstirnig sind wie vorher. Duzen ist ein sprachlicher Gesellschaftsvertrag: Wir sind füreinander da. Wir Bergsteiger. Wir Biker. Wir Vereinsmeier. In Tirol gilt das Du auch in den Tälern. Über die Gründe kann ich nur spekulieren, vermutlich fühlen sich zwischen den Bergen alle Menschen gleich klein und wurden durch die Ausgesetztheit in der Natur in vielen hundert Jahren zur Gemeinschaft erzogen. Das distanzierte Sie weicht in Tirol dem Du, symbolisiert Kameradschaft, Hilfsbereitschaft, die Liebe zu Menschen, dem Vieh und der Landschaft.

Als Bayerin, die in Schwaben sozialisiert und von einer astreines Hochdeutsch sprechenden Mutter erzogen wurde, tu ich mir mit diesem omnipräsenten „Du“ schwer. Einerseits, weil ich es hasse, fremde Menschen anzuquatschen. Andererseits, weil mir schmerzlich bewusst ist, dass ich eine dialektfreie, traditions- und ausdrucksarme Aussprache habe, die eher Distanz schafft als Nähe. Deshalb will ich meinen inneren Deutschlehrer überwinden und mich durch Tirol duzen – und so vielleicht lernen, offener auf Leute zuzugehen.

Einfach ist das nicht: Die Berg-Du-Regel klingt einfach, kann aber böse enden. Wenn einem zum Beispiel auf über 1.000 Meter Höhe ein Polizist begegnet und gerade auf dem Wanderparkplatz einen Strafzettel ausstellt. Was zählt dann? Respekt oder Höhenmeter?

Auf den sanften Stufen des „Kaiseraufstiegs“ bei Ebbs scheitere ich schon an einem einfachen „Griaß di“. Darf ich hier überhaupt schon duzen? Eigentlich sind wir nach Höhenmetern noch zu tief, andererseits definitiv auf einem Wanderweg und irgendwie in den Bergen. Wieso also nicht? Mein erstes „Griaß di“ werfe ich selbstbewusst einem jungen Mann in Funktionskleidung zu. Keine Reaktion. Mit entgeistertem Blick auf seine Wanderstöcke stiefelt er wortlos an mir vorbei. Vielleicht ist er Finne. Der nächste Versuch bei einer rüstigen Dame mit wettergegerbtem Gesicht, die sehr einheimisch aussieht. Ich so: „Griaß di“. Sie so: „Grüüüüße Sie“. Während ich mich noch frage, ob die Dame sich von meinem Du gestört fühlte, sagt meine kleine Tochter: „Mama, warum fragst du bei allen Leuten nach Griesbrei?“

Ja, wer bist denn du? In Grenzregionen sind Grußformen und -formeln besonders wichtig: weil man vielen Fremden begegnet, weil man im Moment des Begrüßens die Weichen stellt, in welche Richtung sich eine Beziehung entwickeln kann.
Ja, wer bist denn du? In Grenzregionen sind Grußformen und -formeln besonders wichtig: weil man vielen Fremden begegnet, weil man im Moment des Begrüßens die Weichen stellt, in welche Richtung sich eine Beziehung entwickeln kann.

DU/IHR/ENK

Nächster Stopp: St. Johann, im weitesten Sinne ein Städtlein, immerhin mit Bezirkskrankenhaus ausgerüstet und auf 659 Metern über dem Meeresspiegel. Meine Tochter bestellt eine Kugel Erdbeereis in der Eisdiele, und ich will fragen, ob es ein Bananensplit gibt. Nur wie? Per Sie? Wieder Griesbrei? „Griaß Sie“? Das scheint mir keine korrekte Form zu sein. Aus dem oberbayerischen Dorf meiner Oma kenne ich den Gruß „Griaß eahna“, eine respektvolle Begrüßung für Personen, die sich siezen. Ob das in Tirol auch gilt? In meiner Aufregung verwende ich eine bayerisch-tirolerische Hybridform und sage: „Griaß eahnakch, ich hätte gerne ein Bananensplit.“ Die Kellnerin sagt: „Kimmt glei“, und fragt, ob ich ein Wasser dazu möchte. Wahrscheinlich denkt sie, ich hätte Husten. Die Nachfrage bei meinem Freund Thomas, eingeborener Tiroler, genauer gesagt Erpfendorfer, ergibt: Er ist mit allen Gästen, die das Pillerseetal besuchen grundsätzlich per Du. Er berät mich per Whatsapp und schreibt: „Ich stelle mich mit Vornamen vor, der Gast sagt dann automatisch immer auch seinen Vornamen, und dann ist man automatisch per Du, ohne dass ich fragen muss, ob das so passt für ihn.“ Außerdem gelte „enk“ tatsächlich nur für Gruppen ab mindestens zwei Menschen. Ein gescheiter Gruß für Menschen, die sich siezen, fällt ihm nicht ein, vermutlich weil das im Tal zu selten vorkommt. Letztendlich empfiehlt er ein einfaches „Grüß Gott“.

WIR

Unterwegs sind wir in unserem Campingbus mit Münchener Kennzeichen. Das muss man den Tirolern hoch anrechnen! Eine Münchener Familie im Campingbus wird hier herzlich aufgenommen, selbst die Bauern winken freundlich, als ich „Servus“ aus dem Bus rufe, während sie in Miesbach und Garmisch gerne Autos zerkratzen, um gegen den „Overtourism“ zu protestieren. Wir stellen uns also mit unserem Bus nahe Kitzbühel auf einen Parkplatz. Der Bergwachtler am nächsten Morgen weckt uns mit dem eindeutigen Gruß: „Aufstehen.“ Ich sage: „Grüß Gott.“ Er sagt: „Der bin ich nicht, aber beim Bußgeld könnten Sie jetzt Beistand brauchen.“

 Und dann macht er uns zum Abschied ein großes Geschenk. Er sagt: „Habe die Ehre!“ Die Formel „Habe die Ehre“, ausgesprochen „Hawidere“, erinnere ich auch aus meinen Kellnerinnenzeiten als altmodischen Gruß. Es ist die in Sprache gegossene Geste des Zum-Abschied-an-den-Hut-Tippens. So was Schönes! Ich sage kleinlaut:

„Tschüss.“ Da lacht der Bergwachtler ein sonniges Lachen und kriegt sich kaum mehr ein. In Tirol haben sie nämlich eine Allergie. Gegen das „ü“. Das gibt es nicht. Es ist noch unbeliebter als das Siezen. Daher sagt man in Tirol auch: „Biffl“ statt „Büffel“. Wer sich also zuverlässig lächerlich machen will, der sagt: „Tschüss.“ Was der Bergwachtler jetzt wohl über mich denkt, frage ich Thomas. Der antwortet: „Er denkt, du bist ein Piefke.“ Pfiefkes sind Deutsche, Prahler, Snobs, feine Pinkel, so was. Die Lösung für mich als Piefke, alle korrekt zu grüßen, ist für mich letztendlich das „Servus“. Das geht durch in Tirol zur Begrüßung und zum Abschied, ich kann es gut aussprechen, wirke authentisch und vor allem: herzlich. Und es erzeugt so die Möglichkeit, dass man sich nach der Begrüßung wirklich unterhält. Wäre das Wort „Servus“ ein Mensch, dann der, der sich auf einer schlechten Party als Einziger nett mit einem unterhält. Ein Retter. Wobei: Eine andere Grußmöglichkeit gäbe es noch. „Heil.“ Hört man als artverwandten Gruß zu „Berg heil“ in Tirol immer wieder. Aber dagegen haben eben wir Piefkes – aus gutem Grund – eine Allergie.

Gastautor

Dieser Beitrag wurde von einem Gastautor geschrieben. Nähere Infos zur Person findest du im Beitrag.

Franziska Storz war stets bemüht in Tirol endlich richtig gut Skifahren zu lernen. Leider kam immer irgendeine Hütte dazwischen.

Franziska Storz
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