Spitz- und Spottnamen Tiroler Gemeinden
Der leider inzwischen verstorbene Volkskundler Friedrich Haider hat in seinem Werk „Innsbrucker Karpfen, Bozner Seligkeiten“ (Athesia, 1988) in mühevoller Recherchearbeit Spitz-, Spott – und Necknamen zusammengefasst, die sich einst, vor längst vergangener Zeit, benachbarte Orte Tirols untereinander gegeben haben sollen – und sich teilweise immer noch geben, oft hinter vorgehaltener Hand versteht sich. Haider betont im Vorwort seines Buches, dass er niemand mit diesem Werk ärgern wollte, sondern nur altes Volksgut vor dem Vergessen schützen will. Deshalb bitte nicht persönlich nehmen! Ich jedenfalls musste sehr schmunzeln. Einige meiner ganz persönlichen Favoriten aus dem Buch möchte ich euch hier vorstellen (größtenteils Auszüge aus dem Originaltext).
Bitzler
Das waren die Ischgler, weil man in Ischgl statt „ein bißchen“ „a bitz“ sagt. Bezogen wurde „das bißchen“ angeblich auf den Sonnenschein, der im Paznauntal allgemein nicht übermäßig vorhanden ist.
Gealrubeler
So wurden die Bewohner der Gemeinden am Arlberg bezeichnet. Dort wurden einst besonders viele gelbe Rüben (Möhren) angebaut.
Sunnaluahner
Das waren die Lermooser, die es angeblich vorzogen, mehr in der Sonne zu lehnen als zu arbeiten.
Zipflkappa
Ebenfalls die Lermooser. Den Beinamen „Zipflkappa“ haben sie von den Ehrwaldern verliehen bekommen, weil sie immer dicke Wollkappen getragen haben sollen, sogar am Stammtisch.
Ofentürler
So wurden die Bewohner von Bschlabs bezeichnet. Die Erklärung dazu gibt es auch: Ein Bschlaber (nicht „Bschlabser“!) hat sich angeblich ein neues Ofentürl machen lassen. Da Maß dazu nahm er, da kein Maßband zur Hand, mit den gespreizten Armen. So ging er zwei Kilometer bis zum Schmied. Natürlich hatte sich inzwischen das „natürliche Maß“ verändert und das Ofentürl passte nicht.
Ofenschliefer
Vor Jahrzehnten sollen sich die Arzler Burschen bei einer Rauferei mit den Burschen vom Ortsteil Wald in einem Backofen versteckt haben.
Krotnmelcher
In Pollings sauren und moosigen Wiesen hatten sich Frösche und Kröten breitgemacht. Ob diese wirklich von den Pollingern gemolken worden sind, halte ich für eher zweifelhaft.
Talfer Hoa
Dieser Spitzname geht auf die Angewohnheit der Telfer zurück, häufig zur Bekräftigung „hoa“ zu sagen, wie etwa „Kimmsch heit no, hoa?“ (Kommst heute noch, oder?)
Schmuggler
Einst die Scharnitzer. Muss wohl nicht näher erklärt werden.
Fischsinger
Die Pettnauer. Dazu gibt es eine Geschichte: Vor den verschiedenen Regulierungen hat der Inn bei Pettnau das ganze Tal ausgefüllt. Viele seiner Nebenarme durchzogen die Pettnauer Auen und bildeten Weiher und Tümpel. Neben der Landwirtschaft war somit die Fischerei ein zusätzlicher Broterwerb der Pettnauer. Aus einem dieser „Gießen“ fischte man eines Tages eine farbenfrohe Forelle. So ein Prachtexemplar hatte man noch nie gesehen und man kam nach langen Beratungen überein: Das war kein Fisch, sondern ein Vogel. Und somit musste er auch singen können. Er konnte es aber nicht, darum brachte man es ihm bei. Der „Vogel“ aber erlag den Qualen des Singenlernens, und ein Pettnauer hat bedauernd gemeint: „Dabei ist dear Vogl so gleahrig (gelehrig) gewesn, hat schon’s Maul weit augrissen, und bevor er die ersten Töne außerbracht hat, da isch er eingangen!“ Keine gute Geschichte für Tierschützer.
Innsbrucker Karpfen
Ähnliche Geschichte wie bei den Pettnauern Fischsinger. Hier wurde ein wunderschön bunter Karpfen gefangen. Der Bürgermeister verurteilte den vermeintlichen „Vogel“, der partout nicht singen wollte, sondern nur das Maul aufriss, zum Tod durch Ertrinken. Was den Karpfen sicherlich gefreut hat.
Höttinger Nudelsetzer
Hierzu gibt es eine Geschichte. Die (einst) armen Bewohner Höttings (welches bis 1938 übrigens ein eigenes Dorf war, sogar das größte Österreichs) dachten sich, statt immer teures Mehl für die Produktion zu kaufen, könnten sie die Nudeln doch einfach anpflanzen. Bei den Erbsen funktionierte es doch auch! Leider gab es keine Nudelernte. Bis heute gibt es die Fasnachtszeitung „Höttinger Nudl“ und erinnert an diese Anekdote.
Haller Kübel
Bei einer Himmelfahrtsfeier in der Haller Pfarrkirche ist anscheinend der Strick, mit dem die Gestalt des Heiland in die Höhe gezogen wurde, gerissen. Die Statue ist zu Boden gefallen und zerbrochen. Daraufhin hat man die Einzelstücke in einem Kübel gesammelt und noch einmal in die Höhe gezogen, treu dem Grundsatz: „Aui muaß er!“ Man muss sich nur zu helfen wissen.
Gelbbäuch
Man weiß nicht, ob die Weerberger so genannt werden wegen der dort häufig vorkommenden Goldammern (Vogelart) oder wegen des gelben Brustlatzes in ihrer Tracht. Man sagt auch: „es gibt dreierlei Leut: Manderleut, Weiberleut und Weerberger“. Was immer das auch bedeuten mag.
Weggalfresser
Die Thierbacher hatten keine eigene Bäckerei. Wenn sie ins Inntal kamen, kauften sie gerne ein Weinbeerweggele und verzehrten es am Heimweg mit Genuss. Heute noch sagen die Thierbacher „Wett ma a Weggal?“
Mattiger Kälber
Die Lienzer gaben den Matreiern den Namen „Mattiger Kälber“ und wollten damit wohl ausdrücken, dass der Mattiger Lebensstil für eine Stadt zu grobschlächtig wäre.
Virger Drahle
Die Virgener kommen bei den Matreiern nicht gut weg, man nennt sie hier die Virger Drahle. Unter Drahl verstehen die Iseltaler „verdreht sein“, Wortverdreher, heimtückisch und falsch, auch listig, klug, sich einen Vorteil verschaffend.