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Alexis Zurflüh

Dahoam Office: Ein Erfahrungsbericht

Aktualisiert am 24.05.2022 in Empfehlungen, Fotos: Alexis Zurflüh

Almoffice

Während der Pandemie verlegte unser Autor sein Büro vorübergehend auf eine Tiroler Alm. Dort fand er viel mehr als nur einen schönen Arbeitsplatz.

Auf der Reise in mein neues Büro, mein neues Zuhause und mein neues Leben verfahre ich mich erst einmal. Ich bin nicht gerade ein Orientierungsgenie. In München, wo ich wohne, lasse ich mir manchmal auch von Google Maps den Weg zu meinem Lieblingsrestaurant vorsagen. Funktioniert tadellos.

Jetzt aber habe ich offenbar die Grenze einer Welt überschritten, die nicht nur mir, sondern auch Google wenig vertraut ist. Ständig lässt mich die App auf Wanderwege einbiegen. Unglücklicherweise bin ich auch kein besonders guter Autofahrer. In der Stadt bewege ich mich nur mit U-Bahn, Fahrrad oder Elektro-Roller vorwärts.

Entsprechend schwer fällt mir das Wenden in beengten Verhältnissen oder, noch schlimmer, das Rückwärtsfahren Richtung Landstraße. Einer der falschen Wege ist noch dazu ziemlich steil. Ich weiß, dass ich viel zu spät zu meiner Verabredung mit meiner Vermieterin kommen werden, beschimpfe Google und zittere vor Wut. Bis mir einfällt: Eigentlich bist du ja hierher gekommen, um dich gerade nicht aufzuregen.

Die Idee war folgende: Mit dem Ausbruch der Pandemie war ich, wie alle meine Kollegen, ins Home Office gewechselt. Ich bin Grafik-Designer und arbeite ohnehin den ganzen Tag vor meinen Computer. Zur Abstimmung mit den Kollegen und Kunden genügten ein paar Video-Calls pro Tag. Am Anfang fand ich es noch gemütlich, dass ich morgens einfach vom Bett an den Schreibtisch wechseln konnte und ich erst nachmittags darüber nachdachte, vielleicht einmal die Dusche aufzusuchen.

Warum nicht Arbeit und Urlaub verbinden?
Alexis Zurflüh

Aber irgendwann fiel mir natürlich, wie so vielen in meiner Situation, die Stuckdecke meiner ziemlich überteuerten Münchner Wohnung auf den Kopf. Alle Vorteile der Stadt – Besuche von Restaurants, Galerien und Freunden – waren ohnehin nicht mehr möglich. Also dachte ich: Wenn du ohnehin nicht ins Büro kannst, warum dann nicht ein Tapetenwechsel? Warum nicht Arbeit und Urlaub verbinden? Warum nicht vor den Großstadtbewohnern fliehen, die mit ihrer schlechten Laune mindestens so ansteckend waren wie mit ihren Viren? Und weil ich die Berge liebe (mehr zum Anschauen, weniger zum Hochklettern) beschloss ich, mein Büro vorübergehend nach Tirol zu verlegen, genauer gesagt, auf eine Alm in der Wildschönau. Von der neuen Umgebung versprach ich mir auch mehr Ruhe, mehr Fokus, mehr Konzentration – und damit, ganz nebenbei, auch mehr Produktivität.

Blick über die Wildschönau. „Es ist, als ob ich direkt in einer Postkarte arbeiten würde“, sagt der Kreative aus München.  Blick über die Wildschönau. „Es ist, als ob ich direkt in einer Postkarte arbeiten würde“, sagt der Kreative aus München.  

Über das Portal almliesl.com kam der Kontakt mit Maria Moser zustande, die mir eine Almhütte auf 1.100 Meter Höhe vermietet. Und irgendwann komme ich dann tatsächlich bei den Mosers an, trotz der Unfähigkeit von Google Maps und mir selbst, und parke etwas ungeschickt auf dem Hof. Schlüsselübergaben kenne ich von diversen Airbnb-Aufenthalten, sie folgen meist einem routinierten Muster. Nach einer kurzen Begrüßung wird erklärt, wie die Kaffeemaschine funktioniert und wo das WLAN-Passwort hinterlegt ist. Manchmal ist dieser Akt sogar noch unpersönlicher: Man holt sich den Schlüssel in einer Box ab und bekommt dazu noch ein digitales PDF mit den wichtigsten Informationen. We wish you a pleasant stay!

Nicht so bei Maria Moser. Oder besser: bei Moser Maria. Denn hier in der Wildschönau, so lerne ich, kommt der Nachname vor dem Vornamen. Die Familie ist wichtig, das Indiviuum mit allen seinen modernen Macken und Lebensmittelallergien tritt ein bisschen zurück, so denke ich.

Moser Maria, Bäuerin und Vermieterin. Sie strahlt so viel Energie und gute Laune aus, dass sich Alexis daneben ganz schwach vorkommt.Moser Maria, Bäuerin und Vermieterin. Sie strahlt so viel Energie und gute Laune aus, dass sich Alexis daneben ganz schwach vorkommt.

Die Moser Maria, eine sympathische Frau im Rentenalter, hat einen äußerst festen Händedruck und strahlt so viel Lebensfreude, Energie und gute Laune aus, dass ich, ein Mann in seinen besten Jahren, mir daneben ganz schach vorkomme. Zuallererst muss ich ein Glas Schnaps mit ihr trinken, weil man das hier halt so macht. Nach einem längeren Plausch und noch einem Schnaps zeigt sie mir den Weg zu meiner Hütte, die ein wenig über dem Haus der Mosers liegt und die man nur mit dem Traktor oder zu Fuß erreichen kann (ich bin ein bisschen erleichtert, dass niemand von mir erwartet, dass ich den steilen Weg mit meinem Mietwagen bezwinge).

Das Home-Office-Domizil für die nächsten 7 Tage ist nur zu Fuß oder mit dem Traktor erreichbar.Das Home-Office-Domizil für die nächsten 7 Tage ist nur zu Fuß oder mit dem Traktor erreichbar.

Tag 2

Sieben Uhr, ein Montagmorgen, mein Wecker klingelt und ich brauche erst einmal ein paar Sekunden, um zu verstehen, wo ich überhaupt bin, so tief habe ich schon lange nicht geschlafen. Und so gut. In der Stadt schlafe ich morgens unruhig. Die Morgen-Rush-Hour hat einen ganz eigenen Sound: die vorüberfahrende Straßenbahn lässt die Fensterscheiben zittern, anfahrende Autos, Einparkversuche eines Lieferwagens, irgendwer schreit irgendwen an. Hier aber strömt durchs offene Fenster nur die frische Bergluft, ein paar Vögel zwitschern (natürlich könnte ich nicht sagen, was für Vögel genau das sind), manchmal muht eine Kuh. Der Wecker klingelt wieder und ich drücke wieder auf Snooze. Es ist so gemütlich unter der schweren Decke.

Es ist, als ob ich direkt in einer Postkarte arbeiten würde.
Alexis Zurflüh

Mit einiger Verspätung starten die Büro-Routinen. Mails lesen, Mails versenden, Anrufe entgegennehmen, irgendwelche Deadlines stehen auch schon an. Das WLAN funktioniert überraschend gut und immer wieder schweift mein Blick aus dem Fenster und auf die Tiroler Berglandschaft. Es ist, als ob ich direkt in einer Postkarte arbeiten würde. Doch gegen Mittag meldet sich langsam, aber sicher ein kleines Problem, genauer gesagt: mein Hunger. In der Stadt würde ich mir jetzt Essen bei einem Lieferservice bestellen. Aber hier? Der nächste größere Supermarkt ist hin und zurück sicherlich 45 Minunten entfernt (und das auch nur, wenn ich mich nicht verfahre). Fürs Kochen geht dann auch noch einmal Zeit drauf, die ich eigentlich gar nicht habe. Aber was bleibt mir übrig.

Maria sieht mich schon von weitem den Hügel herunterlaufen und fängt mich ab. Eigentlich will ich ja nur schnell zum Auto und dann weg. Sie zieht mich aber in ein Gespräch und in ihre Küche. Sie erzählt aus ihrem Leben: von der Arbeit mit den Tieren, von ihrer Tochter Babsi und von der kürzlich verstorbenen Nachbarin. Offiziell spricht Maria die gleiche Sprache wie ich, aber der starke Tiroler Dialekt, vermischt mit dem umfangreichen einheimischen Vokabular, führt oft dazu, dass ich nur die Hälfte verstehe. „Hast. Du. Mich. Verstanden?”, fragt sie manchmal in einem Ton, als ob ich schwerhörig oder begriffsstutzig wäre. Entweder war wohl mein Blick etwas hilflos oder ich habe an den falschen Stellen gelächelt.

Bauernbrot statt Lieferdienst: Selbst Alexis Essgewohnheiten erleben einen kleinen Kulturschock.Bauernbrot statt Lieferdienst: Selbst Alexis Essgewohnheiten erleben einen kleinen Kulturschock.

Glücklicherweise brauche ich nicht mehr ins Tal runter, denn Maria packt mir einen Beutel voll Essen ein. Selbstgemachtes Brot, Wurst, Milch, Eier, Butter sowie ein riesiges Stück Käse. Alles ist entweder von ihr selbstgemacht oder vom Nachbarn. Ich mag den Gedanken, dass hier oben Supermärkte eine untergeordnete Rolle in der Nahrungsversorgung spielen, von vermantschten Foodora-Gerichten in Styropor-Schachteln ganz zu schweigen. Zurück auf meiner Alm esse ich zwei Wurstbrote, spüre jetzt erst die Schnäpse, die mir Maria eingeschenkt hat, und beschließe, die weitere Arbeit auf den nächsten Tag zu verschieben.

Tag 3

Mitten in der Nacht schrecke ich auf. Aus der Küche kommen seltsame Geräusche. Ein Rascheln, ein Knistern, das dann wieder aussetzt. Schleicht da jemand durch meine Wohnung? Es ist dunkel, so dunkel, wie es in der Großstand niemals auch nur annähernd wird. Mir fällt plötzlich auch auf, dass die Ruhe und Einsamkeit meiner Alm auch etwas Unheimliches hat und dass die bloße Existenz meiner vielen Nachbarn in der Stadt ja auch ein wenig beruhigend und beschützend wirkt.

Ich ziehe die Decke über den Kopf und hoffe, dass ich nur schlecht geträumt habe. Aber dann setzt das Rascheln wieder ein. Irgendwann fällt mir auf: Auch ein sehr geschickter Mensch könnte niemals so leise Geräusche fabrizieren. Ist es also eine Maus? Macht die sich etwas über meinen Müll her?

Weil ich mich vor Mäusen allerdings fürchte, muss ich all meinen Mut zusammennehmen, um in der Küche nachzusehen. Nichts und niemand. Alles still. Doch kaum bin ich wieder im Bett geht das Wühlen weiter.

Tag 4

Am Morgen komme ich verspätet in den Zoom-Call, die Präsentation eines wichtiges Projekts beim Kunden. Ich bin eh schon nervös, weil ich gestern Nachmittag darauf verzichtet habe, letzte Feinheiten zu verbessern. Kaum startet das Meeting, sehe wie die Kunden auf dem Bildschirm sich nicht mehr bewegen! Und zwar nicht, weil sie  aufmerksam zuhören, sondern weil mein Internet nicht nachkommt. Ich gehe raus und rein aus dem WLAN, versuche, einen Hotspot über das Handy einzurichten, aber nichts geht. Ich schwitze und verfluche mich, jemals einen Fuß auf diesen Berg gesetzt zu haben.

Almoffice

Um mich abzureagieren, gehe ich kurz vor die Tür. Ich schaue über die saftigen Weiden, im Tal hängen noch Nebelschwaden, die Morgensonne fällt auf mein Gesicht. Sogar, wenn ich mir Mühe geben würde, könnte ich jetzt keine schlechte Laune mehr haben. Ich mache mir erst einmal einen Kaffe und beschließe, das Projekt einfach schriftlich per Mail zu präsentieren. Vielleicht ist das ja eh besser so. Im gescheiterten Zoom-Call hatte ich von meinem Kunden nur zwei Fragen verstande. Warum eigentlich die Decke in meinem Büro so niedrig ist? Und wieso ein Kruzifix hinter mir hängt?

Tag 5

Durch Marias Augen betrachtet, scheinen meine beruflichen Aufgaben, Probleme und Sorgen aber auch einfach etwas wunderlich zu sein.
Alexis Zurflüh

Bei der obligatorischen Schnaps-Runde will Maria von mir wissen, was ich denn eigentlich den ganzen Tag über so geschäftig vor meinen Computer mache. Es fällt mir überraschend schwer, es ihr zu erklären. Ich rede über Werbung, Content Marketing und Journalismus, darüber, dass ich gedruckte Magazine und Homepages erstelle, ich erzähle ihr von meinen Kunden, vom permanenten Stress, von fiesen Deadlines, aber sie kann mir irgendwie nicht ganz folgen. Das Problem ist nicht nur, dass sich unsere Welten so sehr unterscheiden. Zu den großen Reisen im Leben von Maria gehören ein paar Autofahrten nach München, wo sie eine Freundin im Altersheim besuchte.

Mit ihren Augen betrachtet, scheinen meine beruflichen Aufgaben, Probleme und Sorgen aber auch einfach etwas wunderlich zu sein. Dass ich hundert verschiedene Schriften unterscheiden kann, scheint sie nicht zu beeindrucken. Maria war ihr Leben lang Bäuerin. Wenn ihr der Rücken weh tat, dann war das von der Anstrengung und der harten Arbeit, nicht von der schlechten Haltung auf dem Bürostuhl. Und nun meine Sorgen: Ein Foto hat zu wenig Sättigung? Die Schriftart wirkt nicht modern genug? Maria schaut mich etwas ratlos an.

Wie so oft, wenn ich mit ihr rede, sitzt ihr Mann Johann daneben. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau redet Johann fast nie. Irgendwann sagt er zu Maria: „Ich glaube, der Alexis ist so eine Art Zeichner.“

Die Vermieterin möchte wissen, was der Grafikdesigner immer so geschäftig vor dem Computer macht. Es fällt ihm überraschend schwer, es zu erklären.Die Vermieterin möchte wissen, was der Grafikdesigner immer so geschäftig vor dem Computer macht. Es fällt ihm überraschend schwer, es zu erklären.

Tag 6

Zack! Mitten in der Nacht schnappt die Falle zu. Ich schrecke hoch. Die arme Maus! Am Abend war ich noch bei der Moser Maria. Ich wollte sie nur um kurzen Rat fragen, was ich gegen die Tierchen tun könne. Doch es gibt keine schnellen Besuche. Nach dem zweiten Obstler hatte sie mir eine Mausefalle in die Hand gedrückt. Ich hatte nach einer Lebendfalle gefragt, aber Maria hatte mich nur verwundert angeschaut. Na gut.

Nachdem der Rest der Nacht gut verlaufen ist und ich zu einer halbwegs normalen Uhrzeit in meinen Arbeitstag starten konnte, klappe ich bereits um 15 Uhr den Laptop zu. Schließlich ist ja morgen auch noch ein Tag.

Almoffice

Eins lernt der Designer im Dahaom-Office: Die Welt geht nicht unter, wenn man eine Mail mal etwas später verschickt.   Eins lernt der Designer im Dahaom-Office: Die Welt geht nicht unter, wenn man eine Mail mal etwas später verschickt.   

Die Schönangeralm ist ein perfektes Örtchen für einen Spätnachmittags-Spaziergang. Außerdem steht dort eine berühmte Käserei. Der Besitzer heißt auch Johann, wie Marias Mann. Ohnehin war mir aufgefallen, dass die Bewohner hier bei der Namenswahl eher Wert auf Tradition legen als auf Kreativität.

Müsste ich einen Darsteller für eine Käse-Werbung casten, würde ich wahrscheinlich Johann nehmen. Weißer Bart, weiße Haare, weiße Mütze. Nur dass Johann alles andere als ein Darsteller ist, sondern seine Arbeit mit heiligem Ernst verrichtet. Weil ich Käse bisher fast nur in seiner thermobehandelten, versiegelten und verschweißten Form aus dem Supermarkt kenne, stelle ich Johann ziemlich viele Fragen. „Pass auf", sagt er irgendwann. „Ich bediene noch rasch die Kunden hier, dann können wir rüber in meine Küche. Da habe ich nicht nur Käse, sondern auch noch einen Selbstgebrannten".

Johann ist der Käsemeister auf der Schönangeralm. Seine Arbeit verrichtet er mit heiligem Ernst.Johann ist der Käsemeister auf der Schönangeralm. Seine Arbeit verrichtet er mit heiligem Ernst.

Der Fokus auf die Arbeit fällt Alexis schwer im Tiroler Dahoam-Office.Der Fokus auf die Arbeit fällt Alexis schwer im Tiroler Dahoam-Office.

Tag 7

Das wird wohl nichts mit dem Früh-Aufstehen diese Woche. Ich drücke auf Snooze und verkrieche mich schon wieder unter die Bettdecke. Es ist mein letzter Tag in der Wildschönau. Normalerweise gehe ich wirklich mit etwas mehr Elan und Motivation an die Arbeit, doch diesbezüglich liefen die letzten Tage etwas zäh. Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass ich in meinen Tiroler Dahoam-Office fokusierter wäre, mehr und besser arbeiten würde. So ist es nicht gekommen.

Ist die Landschaft schuld, die mich ablenkt? Die räumliche Distanz zu München und zu meinen Kunden, die sich irgendwie auch in eine mentale Distanz verwandelt? Bin ich selbst einfach ruhiger geworden und nehme nicht mehr alles ganz so wichtig? Es ist mir nicht egal, dass der eine oder andere Kunde die gewünschten Dokumente nun einen Tag später bekommt als ursprünglich verabredet. Aber mir wird plötzlich klar: Davon geht auch nicht die Welt unter.

„Wie schaffe ich es, etwas von meiner Tiroler Ruhe und Gelassenheit mit nach München zu nehmen?“, fragt sich Alexis Zurflüh bei seiner Rückkehr in die Großstadt.„Wie schaffe ich es, etwas von meiner Tiroler Ruhe und Gelassenheit mit nach München zu nehmen?“, fragt sich Alexis Zurflüh bei seiner Rückkehr in die Großstadt.

Babsi arbeitet viel härter und länger als ich. Und trotzdem beneide ich sie.
Alexis Zurflüh

Heute hat mich Babsi, Marias Tochter, zum Mittagessen auf ihre Alm eingeladen. Dort verbringt sie mit ihrem Mann, den Kindern und den Kühen die Sommermonate. Babsi hat herrliche Käsespätzle gemacht. Nach dem Essen führt sie mich über den Hof und in ihre Welt, in der alles übersichtlich geordnet ist, in der jeder Handgriff einen praktischen Sinn ergibt. Von jeder der mehr als siebzig Kühe, die für mich alle genau gleich aussehen, kennt Babsi den Namen, den Charakter und eine passende Anekdote. Babsi arbeitet hart, viel härter und länger als ich (und ich betrachte mich durchaus als Workaholic). Und trotzdem beneide ich sie. Und auch Johann. Und auch den anderen Johann und seine Frau Maria.

Alle arbeiten im Rhythmus der Natur, nicht im nervösen Takt von Deadlines und hektischen Rückfragen. Sie haben die Ergebnisse ihrer Arbeit direkt vor Augen und in den Händen. Sie wollen sie so gut wie möglich machen, nicht, damit sie in einer Video-Konferenz gelobt werden, sondern weil es sich so einfach gehört und weil es sie anders nicht zufrieden machen würde. Und anders als ich so manches Mal wissen sie auch, dass ihre Arbeit notwendig und sinnvoll ist.

Mittlerweile ist es schon später Nachmittag und ich muss mich von Babsi, Johann und Maria verabschieden. Zu gerne hätte ich jetzt noch den obligatorischen Obstler getrunken, aber ich habe noch ein paar Stunden Fahrt vor mir.

Sollte ich wirklich einmal meinen Job als Grafik-Designer für eine Weile an den Nagel hängen?
Alexis Zurflüh

Auf der Autobahn komme ich ins Grübeln. Die Woche in Tirol hat mich stärker verändert, als ich es für möglich gehalten hätte. Wie schaffe ich es, etwas von meiner Tiroler Ruhe und Gelassenheit mit nach München zu nehmen? Was müsste ich in meinem Job ändern, um die gleiche Erfüllung und den gleichen Arbeitsstolz wie meine neuen Tiroler Freunde zu empfinden? Oder braucht es gleich einen viel radikaleren Schritt?

Babsi hat mir angeboten, den nächsten Sommer auf ihrer Alm zu arbeiten. Wäre das etwas für mich? Sollte ich wirklich einmal meinen Job als Grafik-Designer für eine Weile an den Nagel hängen? Ich spüre, dass ich auf diese Fragen noch keine Antworten habe. Aber ich spüre auch, dass ich mich auf meine Münchner Wohnung freue – und auf ein Leben ohne Mäuse.

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Dieser Artikel ist aus dem meinTirol Magazin. Unter www.tirol.at/abo können Sie das Magazin abonnieren und bekommen jede Ausgabe kostenfrei nachhause in den Briefkasten.

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