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„Und hinten nach reitet die Urschl“ – Sprichwörter aus meiner Kindheit in Tirol

Aktualisiert am 06.05.2020 in Kulturleben

Zirl, Garberalm/Thomasegg

Es gibt Sprichwörter, die ich als Kind immer wieder gehört habe. Heute frag ich mich, was davon wirklich stimmt? Und was war nur so daher gesagt? Meine ganz persönliche Aufklärung über Weisheiten von damals.

„Nutzt’s nix, schadet’s nit!“

Standardspruch meiner Mutter, wenn sie an der Wirksamkeit eines Naturheilmittels gezweifelt hat. Dass es nicht schadet, stimmt nicht immer, denn gerade Heilkräuter haben bei übermäßigem Konsum eine toxische Wirkung, wie zum Beispiel Salbeitee.

„Des isch kupft wia gsprungen.“

Rein wörtlich stimmt es – Hüpfen ist zweifelsfrei das Gleiche wie Springen. Sag ich auch heute immer wieder, wenn der Ausgang einer Sache keinen bestimmten Weg vorgibt.

„In der Not frisst der Teifel Fliegen“

Ob der Teufel wirklich Insekten verspeist, weiß ich nicht – ich kenn ihn zum Glück nicht persönlich. Fakt ist, dass es durchaus vorkommen kann, sich mit etwas Minderem zufrieden geben zu müssen, wenn gerade nichts Besseres verfügbar ist. Das gilt nicht nur für’s Essen.

„Nit gschumpf’n ist globt gnuag!“

Bequemes Argument von Leuten, die nicht gerne loben. Das halte ich für falsch. Gutes Gelingen oder auch nur das Bemühen, etwas gut zu machen, sollte immer gewürdigt werden.

„Was der Bauer nit kennt, isst er nit.“

Stimmt. Dabei kommt es aber nicht auf den Beruf des Bauern an, sondern auf die generelle kulinarische Experimentierfreudigkeit. Der Mangel an dieser scheint weit verbreitet, wie Fotos von „Wiener Schnitzel“ und „Germknödel“ auf Speisekarten vor Restaurants in südlichen Tourismusgebieten immer wieder beweisen.

„Bis zum Heirat’n werd’s wieder guat!“

Ich habe nie verstanden, ob das nun ein Trost ist oder nur ein Trick, weil ich als Kind beim Nachdenken, wen ich einmal heiraten werde, mein kleines Wehwechen vergessen habe.

„Mach dir nix draus, am 5. kimt der Nikolaus.“

Mich hat das immer mehr getröstet als Punkt 6. Solange ich noch an den Heiligen Nikolaus geglaubt hab. Danach nicht mehr.

„Arbeit isch das halbe Leben.“

Wenn ich bis zum Alter von 60 Jahren arbeite und mit 80 sterbe, dann stimmt das. Sonst nicht.

„Wenn man’n Esel nennt, kimt er grennt!“

Echt ein Phänomen. Kaum wird über eine bestimmte Person getratscht, biegt diese auch schon um die Ecke. Damals wie heute. Was nicht heißen soll, dass ich tratsche. Hab ich natürlich nur aus der Ferne beobachtet..

„Schindln am Dach“ oder „Hier haben die Wänd Ohren“

Das hab ich als Kind nicht verstanden, aber das war wohl der Sinn der Sache. Hab nach den Ohren an der Wand gesucht. Und mich dann gewundert, warum die Erwachsenen so lügen können.

„Di schick i um den Tod, dann leb i lang“

Nur weil ich gerne getrödelt hab, wurde mir das des Öfteren angedroht. Die Aussage stimmt zum Glück nicht. Mich hat niemand um den Tod geschickt und trotzdem sind in meiner Familie alle nach wie vor wohlauf. Und das wird hoffentlich noch lange so bleiben.

„Was Hänschen nit lernt, lernt Hans nimmer mehr!“

Das ist Blödsinn. Meine Schulzeit wäre wesentlich entspannter gewesen, hätte ich diese Erkenntnis schon früher gehabt.

„Wie das Haarl, so’s Madl“

Langes krauses Haar ist schwierig zu kämmen. Dementsprechend war das Frisieren meiner Haare durch meine Mutter immer eine ziemliche Prozedur. Dass sie dabei zwangsläufig grob war, hat sie nicht so gemeint, den Spruch sehr wohl. Dabei bin bin ich niemals widerspenstig gewesen! Doppelschwör.

„Wia der Herr so’s Gscher“

Es ist erstaunlich, wie viele Hundebesitzer ihren Vierbeinern immer ähnlicher werden mit der Zeit – auch optisch. Mein Tipp: Wer sich einen „Basset“ zulegen will, sollte sich das gut überlegen.

„Gfundener wieder geben, gschenkter nimmer geben“

Ich hab mich immer daran gehalten. Außer das Geschenk hat mir nicht gefallen, dann nicht.

„Wer den Groschen nicht ehrt, ist den Schilling nicht wert“

Damit wurden wir Kinder zum Sparen motiviert. Die Aussicht auf ein nagelneues KTM-Fahrrad in kaminrot war wohl eher der Grund, dass ich in mein Sparschwein jede noch so kleine Münze geworfen hab.

„Wer nämlich mit „h“ schreibt, ist dämlich“

Ich hab „nämlich“ nie mit „h“ geschrieben! Aber Moment mal… Wenn „dämlich“ von „Dame“ kommt, bin ich dann keine? Da sieht man es wieder. Wie man’s macht, ist’s falsch.

„Arbeit stärkt die Glieder, Faulheit isch a nit zwider“

Damals sagte man Faulheit dazu, heute würde ich es Entspannung nennen. Und dass die mindestens genauso wichtig ist, weiß heute jeder.

„Von Kindern und Lappen kannsch die Wahrheit ertappen.“

Bei Kindern stimmt das hundertprozentig. Angeheiterte und Leggings sind ebenfalls unverschämt ehrlich.

„Und hinten nach reitet die Urschl!“

Diese Urschl hat mir echt leid getan, denn ich hab das öfteren geahnt, wie sie sich als Schlusslicht gefühlt haben muss – immer dann, wenn ich etwas versäumt oder zu spät verstanden habe. Wer sie war und warum sie immer die letzte war, hab ich leider nie erfahren. Was soll’s. Zumindest hatte sie ein Pferd.

Mit ihrem Blick für Details erkundet Christina Schwemberger Land, Stadt und Leute und bringt die Eigenheiten der Tiroler mit einem Augenzwinkern auf den Punkt.

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