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Sebastian

Das Amen am Gipfel

27.09.2019 in Kulturleben
Bergmessen haben in Tirol eine lange Tradition. In dem kleinen Dörfchen Spiss im Samnauntal, der höchstgelegenen Gemeinde Österreichs, wurde sie vor wenigen Jahren wiederbelebt. Einmal im Jahr pilgern Alte und Junge, Gläubige und weniger Gläubige, Bergfexe und Familien auf den Hausberg – ein Gemeinschaftserlebnis, das über seinen religiösen Kern hinausreicht.

Es ist angenehm frisch an diesem Sonntagmorgen, die Sonne wirft ihre ersten Strahlen ins Tal, und die letzten tief hängenden Wolken geben langsam den mächtigen Piz Mundin auf der gegenüberliegenden Seite frei. Mathias Hueber und Daniel Jäger verstauen Kraxen, Rucksäcke und Wanderstöcke auf der Ladefläche eines Pickups. Dann kann es losgehen. Ihre Frauen Carolin und Simone sitzen auf der Rückbank und haben ihre zwei einjährigen Töchter auf dem Schoß, die sich anstrahlen wie beste Freundinnen. Den Kleinen ist es zu verdanken, dass sich der Aufstieg von Spiss auf den Hausberg Muttakopf (2.525 Meter) heute mit Hilfe des Geländewagens um 400 Höhenmeter verkürzt. Die jungen Eltern wollen ihren Rücken, die neuerdings die Kraxen mit den Kindern tragen müssen, noch nicht zu viel zumuten. Und sie wollen das besondere Ereignis nicht verpassen, das oben am Gipfelkreuz auf sie wartet: eine Bergmesse. Die einzige Bergmesse des Jahres in ihrer Gemeinde.

Die höchstgelegene Gemeinde Österreichs

Spiss ist ein Dorf, das sich auf der Landkarte Tirols erfolgreich versteckt. Seine Abgelegenheit im westlichsten Zipfel des Tiroler Oberlands ändert jedoch nichts an dem Superlativ, mit dem es aufwarten kann: Die Gemeinde thront auf 1.650 Metern Höhe und ist damit die höchstgelegene ganz Österreichs. Sie liegt auf der Nordseite des Samnauntals, das sie sich mit der gleichnamigen Schweizer Gemeinde teilt, die für ihr Zollfreigebiet bekannt ist. Und für das Skigebiet Silvretta Arena, das Samnaun mit Ischgl verbindet. Mit gerade einmal 140 Einwohnern ist Spiss allerdings auch eine der kleinsten Gemeinden Österreichs und mangels eigenem Skigebiet im Winter stark von Samnaun abhängig. Viele Urlaubsgäste übernachten dennoch lieber in Spiss – auch, weil es dort günstiger ist.

Erst seit drei Jahren findet wieder jährlich eine Bergmesse statt

„Bei uns gab es lange keine Bergmessen mehr“, erzählt Mathias Hueber, von Beruf Metzger und Forstwirt. „Erst seit drei Jahren findet wieder jährlich eine statt.“ Die Landjugend habe die alte Tradition wiederbelebt. Tirolweit gibt es zwischen Juli und Oktober 40 bis 50 Bergmessen, manche, wie die am Stubaier Gletscher, sogar auf über 3.000 Metern Höhe. Organisiert werden sie keineswegs immer von der Kirche selbst, wie man vermuten könnte. Häufig sind es ganz andere Institutionen, zum Beispiel die örtliche Freiwillige Feuerwehr, der Alpenverein, die Bergrettung oder – wie in Spiss – die Landjugend.

Mathias Hueber steuert den Pickup durch den Wald oberhalb der Streusiedlung. Unterwegs hält er immer wieder kurz an, um Nachbarn zu grüßen, die ebenfalls auf dem Weg nach oben sind, allerdings zu Fuß. Die meisten gehen jeweils für sich, und doch ist es ein gemeinsamer Aufstieg. Am Ende des Weges, knapp unterhalb der Baumgrenze, parkt Mathias. Die Kraxen mit den feixenden Mädchen werden geschultert, und dann geht es in Wanderstiefeln durch die letzten Baumgruppen aufwärts ins offene Gelände, die wärmende Morgensonne im Gesicht.

Mit jedem Meter weitet sich der Blick – nach Südosten in Richtung Nauders und Reschenpass, nach Westen zur Alp Trida oberhalb von Samnaun. Eine Gruppe Ponys grast links und rechts des Wandersteigs, Daniel Jäger entdeckt ein Edelweiß. Wenn das kein Glückstag ist? Nach einer Stunde haben die beiden Familien die 500 Höhenmeter geschafft und das Gipfelkreuz erreicht. Nach und nach treffen weitere Dorfbewohner aus Spiss und aus dem nahen Pfunds ein. Einer, der Schnellste von allen, ist ganz außer Atem. Alois Jäger trägt Joggingschuhe statt Wanderstiefel und hat für die gesamte Strecke vom Dorf aus nur eine Stunde gebraucht. Jäger stellt sich als Bürgermeister von Spiss vor.

Wenn das Wetter so passt wie heute, gibt es kaum etwas Schöneres.

Der Mann, der an diesem Vormittag die Verantwortung für die Bergmesse trägt, steht am Gipfelkreuz und zieht mit Hilfe seiner Frau Ida die Albe über, ein weißes Gewand. Bruno Schuchter aus Pfunds, 62 Jahre alt, ist Wortgottesdienstleiter. So heißen in der katholischen Kirche Männer – und mittlerweile auch Frauen – die als Laien einfache Gottesdienste ausrichten dürfen. Sie haben keine theologische Ausbildung, also auch kein Priesteramt, werden in den Gemeinden allerdings dringend für die Gottesdienste gebraucht, weil es an Pfarrern fehlt.

Bruno Schuchter steht direkt am Gipfelkreuz, während er die Bergmesse hält. Die knapp 40 Besucher haben sich in lockerem Abstand um ihn herum versammelt, in ruhiger, konzentrierter Atmosphäre. Es sind sowohl Leute da, die auch im Tal regelmäßig in die Kirche gehen als auch solche, die es nicht tun. Die Familien mit den zwei kleinen Töchtern haben es sich auf Picknickdecken gemütlich gemacht. Hinter der kleinen Gemeinde sorgt das Panorama der Silvretta-Gruppe mit seinen mächtigen, teils schneebedeckten Dreitausendern für eine majestätische Stimmung. Schuchter spricht in der Mundart des Oberlands, in dessen Tonlage so unverkennbar die Nähe zur Schweiz mitschwingt. Er stellt mit Hilfe des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter das Thema Nächstenliebe in den Mittelpunkt. „Wer ist mein Nächster?“, fragt der Gottesdienstleiter im Namen aller. Er spricht über diejenigen, die helfen und jene, die Hilfe und damit Nächstenliebe brauchen – Kranke, Pflegebedürftige, Geflüchtete, Ausgestoßene, Menschen, die keine Heimat mehr haben. Ida Schuchter und einige Gemeindemitglieder ergänzen seine Ansprache durch Chörerufe und Fürbitten.

Nach der Ansprache sitzen Bruno Schuchter und die Gottesdienstbesucher in Grüppchen zusammen, essen ihre Jause und stoßen mit Zirbenschnaps an. „Das ist hier immer wie ein Familienausflug“, sagt Matthias Jäger, der die Flasche gesponsert hat. „Wenn das Wetter so passt wie heute, gibt es kaum etwas Schöneres.“ Matthias ist in Spiss geboren und aufgewachsen, arbeitet aber auf Schweizer Seite, so wie die große Mehrheit der Einwohner. Er ist als Elektrotechniker beim Bautrupp der Samnauner Bergbahnen beschäftigt, andere arbeiten in Hotels, als Bergführer oder in den Geschäften des Engadiner Skiorts. Einige Spisser Einwohner, wie Daniel Jäger und Mathias Hueber, haben sogar beide Staatsbürgerschaften, weil ein Elternteil aus der Schweiz stammt.

Man meistert gemeinsam diesen Aufstieg, man wächst ein Stück zusammen, und die Gespräche hier oben sind viel intensiver

Auch Bruno Schuchter, der sein Geld als Trockensteinmaurer und Vorarbeiter bei der Naturwerkstatt Tirol verdient, empfindet die Bergmessen immer als etwas Familiäres. „Man meistert gemeinsam diesen Aufstieg, man wächst ein Stück zusammen, und die Gespräche hier oben sind viel intensiver“, sagt er. Außerdem fühle er sich auf dem Gipfel eines Berges seinem Gott natürlich viel näher. Schuchter erzählt, er habe in 13 Jahren über 200 Wortgottesdienste geleitet, die Bergmessen seien allerdings sein „Steckenpferd“. Anders als mancher Priester, der keine Zeit habe, Berge zu besteigen, sei er körperlich fit und bergerfahren. Wenn eine Bergmesse anstehe oder die Einsegnung eines neuen Gipfelkreuzes, schrecke er auch vor schwierigen Dreitausendern nicht zurück, die nur mit Seil und Haken erreichbar seien. „Das sind Erlebnisse, die für mich ganz besonders zählen“, sagt er.

Lang hält es die Gemeinschaft heute nicht aus auf dem Muttakopf. Unten im Dorf wartet vor dem Feuerwehrhaus nämlich noch ein kleines Fest auf sie. Mit zwei Musikern, kalten Getränken und Würstchen vom Grill, die manche offenbar bis zum Gipfelkreuz riechen.

Alle Fotos: Sebastian Höhn

Der Berliner Journalist und Fotograf sieht Tirol aus den Augen des Urlaubers, auf den die Berge eine geradezu magische Anziehungskraft haben. Wandern und Bergsteigen sind für ihn das reine Glück. Da findet der Großstädter in seine Mitte zurück.

Sebastian
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