In drei Tagen bekommt man geballt alles zu sehen, was die Zillertaler Alpen zu bieten haben. Von sanften Almböden und historischen Bauten über die Einsamkeit eines versteckten Hochtales und die beeindruckende Gletscherwelt bis hin zu einem eisfreien und gut erwanderbaren Dreitausender.
Wir starten direkt in Ginzling bei der Bushaltestelle vor dem Naturparkhaus. Wir bummeln gemächlich über die Asphaltstraße taleinwärts, bis wir nach 800 m bei einem Hinweisschild nach links auf den Weg Nr. 522 abzweigen. Wer die Straße meiden möchte, kann alternativ über den Ginzlinger Rundwanderweg die ersten rund 15 Minuten absolvieren. Diese ruhigere Alternative zur Schlegeisstraße startet direkt hinter dem Naturparkhaus, führt kurz auf dem Sträßchen ins Floitental, und zweigt bei der „Bergstation“ des kleinen Schleppliftes in Gehrichtung rechts ab und führt durch den verzauberten Fichtenblockwald. Ohne großen Höhenverlust mündet der Weg dann in den Wanderweg, der hinauf zur Maxhütte führt. Nach wenigen Metern auf der Forststraße tauchen wir in ein Meer aus Fichten ein, das uns nicht mehr freigeben wird, bis wir die Höhenstufe überwunden haben, die den Talboden vom Hochtal trennt. Der anfangs flache Weg wird bald von einem steilen, mit Steinen „gepflasterten“ Weg mit haarnadelähnlichen Kurven abgelöst. Die Stille des Waldes ist unser stetiger Begleiter, bis das friedliche Fichtengrün von einer steil aufragenden Felsplatte unterbrochen wird. Diese queren wir über den gut abgesicherten Weg, auf dem wir ein paar Windungen später das Rauschen des wilden Gungglbaches vernehmen, der tief unter uns durch die sogenannte Teufelsmühle zischt. Allmählich lichtet sich der Wald und es eröffnet sich ein wahres Kleinod der Glückseligkeit. Üppige Almwiesen tauchen auf, die sich bis in die Gipfelregion als felsdurchsetzte Gamswiesen fortsetzen. Die erste Prüfung des Tages haben wir bereits bestanden, für die Nächste lohnt es sich bei der Maxhütte eine Pause einzulegen, um sich zu stärken. Der weitere Wegverlauf durch das Gunggl Tal ist bis zum Talschluss leicht erkennbar. Man quert hier den Bach über eine kleine Brücke, danach wird es deutlich zünftiger. Vergeblich sucht hier das Auge den Wegverlauf zwischen den steil abweisenden Felswänden. Wir kommen schließlich zu einem großen markanten Felsblock. Ab hier ist Achtsamkeit gefragt, damit man die Wegspuren und Markierungen nicht übersieht. Anfangs noch moderat, ändert sich die Gangart rapide und der abenteuerlich angelegte Weg führt uns erstaunlicherweise ohne größere Probleme durch den sperrenden Felsriegel in das Blockchaos der Gungglplatten. Mit etwas Akrobatik und Ausdauer manövrieren wir uns durch das Geröllfeld mit dem Ziel klar vor Augen. Auf den letzten Metern zur Melkerscharte steigt der Puls nicht nur vor der Aufregung, was wir dahinter zu sehen bekommen, sondern auch unser Körper sendet so knapp an der 3.000 m-Marke eindeutige Signale von Höhe und Anstrengung. Ein großer Steinmann ziert die Melkerscharte (2.814 m) und der Blick fällt auf das weit ausladende Plateau des Schwarzensteins (3.369 m) mit seiner Gletscherhaube. Nun geht es entspannt, aber immer noch konzentriert auf die im Gelände nicht immer einfach zu erkennenden Markierungen unter der Zsygmondyspitze vorbei Richtung Berliner Hütte. Bei ca. 2.550 m treffen wir auf den gut angelegten Berliner Höhenweg, der uns in Anbetracht der heutigen Leistung wie eine Autobahn vorkommt. Beschwingt absolvieren wir die letzten Meter hinunter, um uns im „Hotel Berlin“ für die Nächtigung anzumelden. Die zu erwartenden Eindrücke beim Betreten dieses ehrwürdigen Bauwerks seien an dieser Stelle nicht angeführt - das darf jeder selbst entdecken!
Zwischen Prunk und Bergsteiger-Idylle
1877 erwarb Enno Schumann mit seinem privaten Vermögen das Grundstück, auf dem heute die Berliner Hütte steht. Am 28. Juli 1879 wurde sie als erste Schutzhütte der Zillertaler Alpen eingeweiht und war aufgrund der hohen Besucherzahlen bereits nach zwei Jahren schuldenfrei. Nach sechs Jahren erfolgte aufgrund des großen Ansturmes eine Erweiterung, der bis 1911 noch vier weitere folgen sollten! Mit diesem Jahr war das bauliche Ensemble der Hütte fertig gestellt, das wir heute bestaunen können. Die Hütte wurde mit einer Kegelbahn, einem Postamt, einer Schuhmacherwerkstatt und sogar mit einer Dunkelkammer für die Fotoentwicklung ausgestattet. Auch fix stationierte Bergführer trugen zur hohen Attraktivität der Hütte bei. Die Bergführer wurden von eigenen Kellnerinnen bedient, die zur Unterscheidung ein Edelweiß in den Haaren trugen. Ihre Dienste durften exklusiv nur von den Bergführern in Anspruch genommen werden. Aufgrund des gestiegenen Interesses wurde 1931 sogar ein Winterbetrieb aufgenommen. Nach tödlichen Lawinenereignissen wurde dieser aber wieder eingestellt. Es gab in den letzten Jahrzehnten weitere Ausbau-, Reparatur und Renovierungsphasen, bis die Hütte 1997 als erste alpine Schutzhütte unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das war ein wichtiger Grundstein dafür, dass die einzigartige Empfangshalle, der Damensaal, der Speisesaal und viele weitere grandiose Bestandteile für die Zukunft erhalten bleiben. Das alles macht eine Übernachtung auf der Berliner Hütte zu einer Zeitreise in die alpingeschichtliche Vergangenheit.
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