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Peter Anich Tirol Atlas
April 2020: Barbara Hundegger

Wort-Landschaften

Die Schriftstellerin Barbara Hundegger im Gespräch über ihr aktuelles Buch [anich.atmosphären.atlas]. Interview: Esther Pirchner
Bilder: Barbara Hundegger, Wikimedia Commons

Den Tiroler Kartografen und Geodäten Peter Anich (1723–1766) rückte die Tiroler Lyrikerin Barbara Hundegger ins Zentrum ihres kürzlich erschienenen Buches [anich.atmosphären.atlas]. Peter Anich schuf unter anderem die erste vollständige Karte Tirols, Erd- und Himmelsgloben sowie genaue Wandsonnenuhren. Über sein Leben ist – nachdem er aus einfachen Verhältnissen stammte – hingegen wenig bekannt. Was sie gerade an dieser Person besonders gereizt hat und wie sie das Wissen über die historische Figur in einen literarischen Text umwandelte, erzählte Barbara Hundegger Anfang April 2020 in einem Interview mit kultur.tirol.

kultur.tirol: Was interessiert Sie an Peter Anich und was war Ihr erster Zugang zu dieser außergewöhnlichen historischen Figur?

Mein erster Zugang war ein Zufall: nicht ich bin auf ihn gekommen, sondern er auf mich. Denn als vor etlichen Jahren das Gasthaus Steden in der Innsbrucker Anichstraße renoviert und als „Gasthaus Anich“ wiedereröffnet werden sollte, wurde ich vom damaligen Architekten gefragt, ob ich für den Glas-Eingang und die Glas-Fenster nicht Texte zu Peter Anich machen wollte – und ich wollte. Und habe mich damals erstmals nach den tief in der Schulzeit verschütteten, nebeligen Anich-Erinnerungen mit Leben und Werk Peter Anichs beschäftigt – und schon damals das Gefühl gehabt, dass dieser Anich noch ausführlicher in mein Leben zurückkehren würde, weil etwas an dieser Lebens- und Arbeitsgeschichte mich zutiefst berührt und die Leistungen Anichs ungeheuren Eindruck auf mich gemacht hatten. Anichs „Atlas tyrolensis“ war ja die erste einheitlich konzipierte Karte eines europäischen Landes und eine der größten kartografischen Pionierleistungen des 18. Jahrhunderts, seine Globen und Sonnenuhren und Messinstrumente und so weiter von bestechender Art.

Anich Zettelwerk

Work in progress: „Zettelwerk“ von Barbara Hundegger bei der (Recherche-)Arbeit an [anich.atmospären.atlas] 

Welche Recherchen haben Sie zu dem Buch betrieben und welche Quellen verwendet? Worauf haben Sie den inhaltlichen Schwerpunkt gelegt?

Ich habe alles Verfügbare gelesen, war mehrmals in Oberperfuss, woher Anich ja stammt, ich war im Zeughaus, im Landesarchiv und so weiter – aber rasend viel gibt es zu Anich nicht, und es wäre deshalb auch im Hinblick auf Anichs 2023 bevorstehenden 300. Geburtstag vielleicht an der Zeit, dass sich ein/e Historiker/in der jüngeren Generation neu mit ihm beschäftigt. 

Barbara Hundegger

Barbara Hundegger, 2020 mit dem Kunstpreis des Landes Tirol ausgezeichnet.

Ich bin ja nur Dichterin – und mein Anich-Buch ist ja keine Biografie, sondern eine, wie der Titel es schon sagt, an den historischen Fakten orientierte „atmosphärenforschung“, die ganz zentral mir wahrscheinlich erscheinende innere Konflikte Anichs in den Blick nimmt. Denn zustande gekommen sind seine Werke unter immensen Schwierigkeiten und ruinösem persönlichem Einsatz – und das geht in der vorherrschenden „Anich-Erzählung“ vom kleinen Bauern, dessen sich ein Förderer erbarmt und ihn zu Höchstleistungen bringt, sowie dem Betonen von Anichs Gläubigkeit und Bescheidenheit unter. Und die Zuschreibung der Be­scheidenheit, die der Armut zusätzlich auch gleich noch das sogenannte „kleine Glück“ be­scheinigt, zählt ja zum Instrumentarium bewährter Herrschaftstechniken der Habenden und Begüterten.

Aus kleinsten Verhältnissen stammend, ja: aber Anich wird zeitlebens aufgerieben zwischen Pflichten und Sehnsüchten, Verantwortungen und Träumen. Gefördert von höherer Stelle, ja: aber auch im Dienste des Ruhmes der fördernden Stellen und alleingelassen mit der körperlichen Überforderung und den Befehlen der Obrigkeiten – sowie den Konflikten, die das Überschreiten der eigenen sozialen Klasse nach sich zieht. Denn es wird ja immer so getan, als ob alle begeistert wären, wenn man das angestammte Soziotop überschreitet, aber selten werden dabei die Verletzungen und Beleidigtheiten benannt, wenn man – als oft eine der wenigen funktionierenden Ressourcen – die eigenen Leute durch Aufstieg verlässt.

Vor allem für diese Bruchstellen im Leben Anichs hab ich mich interessiert: wie diese Zonen aus Unvereinbarkeiten innerhalb eines einzelnen Menschen beschaffen sein können, welche Realitäten und Stimmungen sie prägen, aber auch erzeugen, und wie die inneren Zerrissenheiten auch den Körper zerreißen. Aus diesem Aufeinanderprallen mehrerer Welten und Interessenslagen und deren Wortlandschaften einen Gedichte-Atlas zu entwerfen, der sowohl die Topografie, in der sich der Text verortet, als auch die herrschenden Verhältnisse miteinbezieht und die zutiefst menschlichen Aspekte eines über sich selbst hinaus weisenden Lebens – darum ist es mir bei diesem Anich-Buch gegangen.

Zustande gekommen sind seine Werke unter immensen Schwierigkeiten und ruinösem persönlichem Einsatz.  das geht in der vorherrschenden „Anich-Erzählung“ vom kleinen Bauern, dessen sich ein Förderer erbarmt und ihn zu Höchstleistungen bringt, unter.

Barbara Hundegger über Peter Anich

Sie thematisieren im Buch auch dass Menschen der armen Schichten viele berufliche Wege verschlossen blieben und ihnen gesellschaftlich sehr enge Grenzen gesteckt. Empfinden Sie es als Verpflichtung als Kulturschaffende, Ungleichheit, Unterdrückung und Armut zu bearbeiten?

Sagen wir so: Das Nicht-Berücksichtigen, das Ausblenden der Verhältnisse, die das jeweilige Thema umgeben und bestimmen – also eben zum Beispiel Armutsfragen, Minderheitenfragen, Mechanismen der Macht auch in demokratischen Systemen, Gerechtigkeitsfragen, besonders auch bezüglich Geschlecht, usw. –, ist für mich ein Herd literarischer Ungenauigkeit, die Ein­beziehung der Verhältnisse steigert für mich den Wahrheits- und Relevanzgehalt von Literatur, von Kunst überhaupt. Aber nicht in Form von oft bloß plumpen Botschaften, sondern in­travenös, organisch in den Text eingearbeitet beziehungsweise aus ihm herausgearbeitet – im Sinne von Tiefe und Präzision.

Und ja, es gibt vielleicht schon eine Verantwortung des Künstlers und der Künstlerin, sich mit mehr zu befassen als nur mit sich selbst – gerade in der Lyrik mit ihrer exzessiven Selbstbeschau – und im Sinne eines erweiterten „Schreib-Dienstes“ etwas zu Papier zu brin­gen, wofür anderen die Worte und die Möglichkeiten fehlen.

Peter Anich (1723–1766)

Peter Anich

Nach einem zeitgenössischen Porträt entstand dieser Stich. Foto: Wikimedia Commons, Schlesier

Peter Anich aus Oberperfuss nahe Innsbruck war Geodät und Kartograf. Schon früh betätigte er sich als Astronom und baute in den 1740er-Jahren präzise Vertikal-Sonnenuhren. Ab 1756 beschäftigte er sich mit Kartografie und erstellte in den folgenden Jahre sein  berühmtestes Werk, den Atlas Tirolensis. Die erste flächendeckende Kartierung des historischen Tirol beeindruckt durch ihre Genauigkeit und diente in der Folge als Vorlage für weitere Karten. Sogar das französische Heer bediente sich im Kampf gegen die Tiroler 1809 Karten, die auf Anichs Tirolatlas beruhten.

Der Kartograf selbst erlebte die Fertigstellung des Atlas Tirolensis nicht mehr. Er erkrankte bei Vermessungen in Südtirol an Fieber und starb 1766. Den Atlas Tirolensis vervollständigte sein Mitarbeiter Blasius Hueber. 

Anich Ötztaler Alpen

Die Ötztaler Gletscher, vor allem der Vernagtferner, sind die am genauesten dokumentierten Gletscher der Welt. Dieses Detail im Atlas Tirolensis ist ein Beispiel dafür, wie präzise Peter Anich seine Karten erstellte: Sogar der Eissee im Rofental, der sich bis ins 19. Jahrhundert immer wieder bildete und durch Ausbrüche das Tal bedrohte, ist hier verzeichnet.
Foto: Wikimedia Commons

Eine Biografie wie die Peter Anichs formal als lyrisches Werk zu gestalten, ist ungewöhnlich. Warum haben Sie sich für diese Form entschieden?

Die Lyrik ist für mich seit jeher die Literatursorte mit dem größten Potenzial, weil sie wie keine andere Gattung das Ungesagte miteinbezieht – dies aber nicht als Aufforderung zu verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen, sondern in den Zeilen. Weil wenn in den Zeilen eines Gedichtes nichts von Belang steht, steht auch im leeren Raum um es herum nichts von Belang. Alle Bezüglichkeiten eines Wortes müssen in der Lyrik mit den anderen Wörtern und deren Bezügen und Konnotationen in eins gesetzt werden, es zählt nicht, was ich meine, sondern was die Sprache meint und in ihr da ist. Und „in der Sprache ist“, wie es die große dänische Schriftstellerin Inger Christensen gesagt hat, „alles schon da“.

Legende Tirol Atlas
Detail Tirol Atlas
Detail Tirol Atlas

Details aus dem Atlas Tyrolensis von Peter Anich und Blasius Hueber, 1774, Maßstab 1:103.800.
Die Erklärungen der Zeichen und andere Beschriftungen von Peter Anichs Tirol Atlas bieten nicht nur zusätzliche Informationen zur Karte selbst, sondern sagen auch etwas über Sprachschatz und -gebrauch zu Anichs Zeit aus.

Können Sie auch noch etwas zu Wortschatz, Wortwahl und Rhythmus der Sprache in dem Buch sagen?

Dass es ein relativ einfach zu lesendes Buch ist; dass in der Sprache, die ich dabei verwende, auf – oft nur homöopathische Art – Duktus und Tonfall der Zeit anklingen; und dass sich aus dem Punktuellen der Gedichte ein schlüssiges, emotional nachvollziehbares Gesamtbild ergibt. Darüber hinaus hat dieses Buch mir auch die Gelegenheit geboten, mich – über die unzähligen Orts-, See-, Berg-Namen und so weiter – dem Klang Tirols zu widmen, der so lang schon auch italienisch ist!

[anich.atmosphären.atlas] ist auf der Liste der Lyrik-Empfehlungen der Deutschen Akademie 2020 genannt. Was bedeuten Preise, Stipendien und Auszeichnungen für Sie? Geht es – bei dotierten Preisen und Stipendien – oft auch einfach darum, die Existenz zu sichern?

Es schadet sicher nicht, Stipendien und Preise zu bekommen (über deren immanente Skurri­litäten siehe Thomas Bernhard: „Meine Preise“ https://www.youtube.com/watch?v=jRvdlmDk2Es), sie sind schon auch ein Zeichen für Anerken­nung der Arbeit – aber ihr primärer Nutzen, gerade im finanziell hochprekären Feld der Lyrik, ist es, damit Miete und Co. bezahlen zu können.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Am – altersgemäß schockierend pausenreichen – Ausmalen meiner Wohnung.

Dann wünsche ich Ihnen, dass Sie damit und mit den nächsten Buchprojekten gut vorankommen. Vielen Dank für das Gespräch.

[anich.atmospären.atlas]

von Barbara Hundegger

Gedichte
Haymon Verlag (2019)
208 S.
ISBN-13: 978-3-7099-3436-4

Zu bestellen ist das Buch gebunden oder als E-Book online bei
Verlag und Buchhandlung Haymon, Innsbruck

Haymon Verlag
[anich.atmosphären.atlas]

[anich.atmosphären.atlas]

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