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Das Rustikale ist wieder auf dem Vormarsch

Aktualisiert vor 14 Tagen in Magazin, Fotos: David Schreyer

In den Tiroler Tälern steigt einem oft der Geruch von frisch geschnittenem Holz in die Nase. Die Baumverarbeitung ist Industrie und altes Handwerk zugleich. Ein Gespräch mit einem der letzten selbstständigen Sägemeister in Tirol.

Andreas Moser

Andreas Moser ist Sägemeister in dritter Generation und verarbeitet in seiner kleinen Sägerei im Alpbachtal vor allem Sondermaße, Kleinstmengen und Liebhaberstücke. Er absolvierte seine Ausbildung in Kuchl bei Salzburg und übernahm die Sägerei, die 1924 von seinem Großvater gegründet wurde – noch heute nutzt er einige der alten Werkzeuge.

Hat man als Sägemeister eigentlich einen Lieblingsbaum?

Einen Lieblingsbaum habe ich nicht, aber in meinem Beruf mag ich natürlich große, gerade Bäume am liebsten. Allerdings verändert sich der Kundengeschmack: Vor zehn Jahren verlangte man nach möglichst geraden Bäumen ohne Äste, heute dürfen Bretter etwas gröber sein und mehr Gesicht und Leben aufweisen. Das Rustikale ist wieder auf dem Vormarsch.

Was zeichnet deine Sägerei im Alpbachtal aus?

Mit meinen alten Maschinen kann ich Bäume zersägen, mit denen die großen Werke nichts anfangen können, weil sie genormte Stämme in Höchstgeschwindigkeit verarbeiten. Ich verarbeite auch kurze Stämme bis 1,35 Meter Länge und dicke Bäume bis 1,30 Meter Durchmesser. Wenn jemand aus dem Dorf mit einem Birnbaum aus dem eigenen Garten kommt und daraus einen Tisch machen will, säge ich ihm die Bretter zurecht. Jeden Stamm, den ich schneide, schau ich mir genau an: Was mache ich da am besten draus? Bretter, Balken oder vielleicht Zaunpfähle? Ich hole das Beste aus jedem Stamm raus. Das macht sonst niemand mehr.

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Handarbeit: Pro Jahr verarbeitet Andreas Moser etwa 2.000 Festmeter Holz in seinem Betrieb. Ein großes Sägewerk schafft diese Menge an einem Tag.
Handarbeit: Pro Jahr verarbeitet Andreas Moser etwa 2.000 Festmeter Holz in seinem Betrieb. Ein großes Sägewerk schafft diese Menge an einem Tag.

Wäre es für deine Kunden nicht günstiger, zu einem der großen Sägewerke im Tal zu gehen?

Da unten interessiert das niemanden, wenn du mit einem oder zwei Bäumen kommst. Die industriellen Werke haben andere Kundschaft und kalkulieren anders: Die verwerten das Restholz, pressen beispielsweise Pellets aus dem Sägemehl. Bei mir verbleibt meist der ganze Baum im Tal: Er wächst hier, wird gefällt, zersägt und weiterverarbeitet. Und das Sägemehl holen die Bauern zum Einstreuen für die Kühe.

Wie lange brauchst du, um einen Baum zu zersägen?

Das kommt ganz darauf an, was gefragt ist. Für einen vier Meter langen, 25 Zentimeter dicken Baum brauche ich fürs reine Zersägen rund fünf Minuten. Die Bretter kosten ungefähr zehn Euro. Wenn’s gut läuft, schaffe ich 15 Bäume in der Stunde. Pro Jahr zersäge ich gut 2.000 Festmeter Holz. Eine große Sägerei schafft das an einem Tag.

Lohnt sich die Arbeit denn überhaupt noch?

Ganz ehrlich, lange Zeit war es schon schwierig. Fast jeder hat sein Holz fertig beim Großhändler gekauft. In letzter Zeit wird es besser, weil Holz immer teurer wird und die Leute wieder vermehrt zu mir kommen. Viele möchten auch lieber ihr eigenes Holz verwenden für den Bau ihres Hauses oder Stalls. Die junge Generation mag es, wenn sie ihr Holz aus dem eigenen Wald rausschlagen und verarbeiten kann.

Tradition und Technik: Das älteste Werkzeug von Moser stammt aus dem Jahr 1867. Seine Sägerei ist eine Mischung aus Fabrik und Museum. Bis 2024, zum 100-jährigen Betriebsjubiläum, will er auf jeden Fall weitermachen.
Tradition und Technik: Das älteste Werkzeug von Moser stammt aus dem Jahr 1867. Seine Sägerei ist eine Mischung aus Fabrik und Museum. Bis 2024, zum 100-jährigen Betriebsjubiläum, will er auf jeden Fall weitermachen.

Du bist seit den 1980er- Jahren Sägemeister. Wie hat sich dein Job seither verändert?

Früher hat dir jemand Stämme für ein ganzes Haus gebracht, da warst du zwei Wochen am Stück am Sägen. Heute bringen die Leute nur noch wenige Stämme, die Arbeit ist kleinteiliger geworden. Für mich bedeutet das: Ich muss viel mehr Zeit für die gleiche Arbeit aufwenden. Es ist mühseliger geworden, auf den gleichen Ertrag zu kommen. Auch schneide ich insgesamt wesentlich weniger Stämme als früher. Die Lücke fülle ich mit anderen Sachen: Hochbeete bauen, Sitzbänke sägen, Zaunpfähle schneiden. Alles zusammen lohnt sich. Aber vom Bäume schneiden alleine leben, das wäre inzwischen schwierig.

Worauf achtest du, bevor du einen Baum zersägst?

Kommt drauf an, was ich draus machen will. Balkonholz zum Beispiel sollte kein Kernholz sein, also der dunkle, innere Teil von einem Baum. Denn sonst dreht sich das Holz beim Trocknen. Das ist bei Brettern für ein Hochbeet egal. Ich schaue auch, ob die Bäume Fehler haben. Wenn ein Baum an einem Hang wächst, schiebt die Erde. Der Baum muss sich dagegen wehren, dadurch wird eine Seite buchsig, also stark gebogen. Diese Seite muss ich anders schneiden als die gerade Seite. Aus der buchsigen Seite kann ich etwa Bretter für eine Scheune machen, die nicht so schön sein müssen. All das muss ich wissen, bevor ich den Stamm durch die Säge schiebe.

Gibt es saisonale Unterschiede in deiner Arbeit?

Im Winter ist es ruhiger. Bei minus 15 Grad ist das Holz gefroren und lässt sich schwer verarbeiten. Deswegen ist mir der Sommer zum Schneiden lieber. Im Winter bastele ich Rastbänke für die Gemeinde, schneide Dekoartikel aus Holz oder baue Hochbeete.

Sägezahnreihen: Um einen vier Meter langen, 25 Zentimeter dicken Baum zu zersägen, braucht Moser fünf Minuten – wenn nicht ins Holz eingewachsene Nägel und Granatsplitter die Sägeblätter zerstören.
Sägezahnreihen: Um einen vier Meter langen, 25 Zentimeter dicken Baum zu zersägen, braucht Moser fünf Minuten – wenn nicht ins Holz eingewachsene Nägel und Granatsplitter die Sägeblätter zerstören.

Warum bist du Sägemeister geworden?

Weil es mir im Blut liegt. Mein Vater war Sägemeister, der Vater meines Vaters hat die Sägerei gebaut. Und von meiner Mutter der Vater war auch Sageler. Deswegen war klar: Das mach ich auch. Und ich mag den Job. Holz ist ein Material, mit dem ich gerne arbeite. Es ist schön, weich, hat Leben, ein Gesicht. Metall oder Beton wirken im Vergleich fast tot.

Würdest du einem jungen Menschen heute raten, Sägemeister zu lernen?

Nicht so, wie ich arbeite. Ich würde jungen Leuten eher raten, Holztechniker zu werden, damit sie auch Pläne zeichnen und in einer Zimmerei arbeiten können. Die Sägerei können sie dann als Nebenjob betrachten.

Gibt es einen besonderen Baum, den du zersägt hast und an den du dich noch erinnern kannst?

Einmal habe ich einen Baum geschnitten, in dem verlief eine Telefonleitung. Als der Baum noch jung war, hat irgendjemand eine Porzellanisolierung für die Leitung in den Stamm geschraubt, da bin ich mit der Säge draufgeraten. Da hat’s einen riesigen Schlag getan, der Baum hing fest, sieben Sägeblätter waren futsch, die musste ich wegflexen. Schlimm sind auch eingewachsene Granatsplitter. Hier hinten im Tal gab es einen Übungsplatz, die Franzosen haben dort nach dem Krieg mit Granatwerfern geübt. Die Splitter waren so hart, wenn du da draufgesägt hast, da hat’s dir die Sägeblätter zerrissen – eine Katastrophe. So einen Baum hatte ich aber zum Glück schon lange nicht mehr.

Andreas Moser holt das Beste aus jedem Baumstamm heraus.
Andreas Moser holt das Beste aus jedem Baumstamm heraus.

Hast du dich schon mal bei der Arbeit verletzt?

Mein Vater hat nur noch zwei oder drei komplette Finger. Die anderen hat er sich abgeschnitten oder ein bisschen zugespitzt. Aber ich hatte bisher immer Glück, ich habe noch alle Finger.

Hast du schon mal ans Aufhören gedacht?

Nein. 2024 wird unsere Sägerei 100 Jahre alt. So lange möchte ich auf jeden Fall noch weitermachen. Ob nach mir noch jemand kommt, das weiß ich nicht. Ich habe einen Buben, der ist aber erst drei Jahre alt. Den Job, den ich mache, den tut sich heute kaum noch jemand an.

Fenstermonteur, Goldschmied, Türsteher. Jetzt freier Journalist. Studium der Geschichte, Ethnologie und Kommunikationswissenschaften in Freiburg, München und Kanada. Ausgebildet an der Deutschen Journalistenschule. Schläft lieber draußen als drinnen und das am liebsten in Tirol.

Merlin Gröber.
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