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Wer hat Angst vorm Hahnenkamm?

Aktualisiert am 03.01.2023 in Sport

Höher, weiter, schneller...wer auf der Streif bestehen möchte, braucht Kraft und Kondition - aber vor allem Nervenstärke., © GEPA pictures - Patrick SteinerHöher, weiter, schneller...wer auf der Streif bestehen möchte, braucht Kraft und Kondition - aber vor allem Nervenstärke. © GEPA pictures - Patrick Steiner

Die legendäre Abfahrt auf der Kitzbüheler Streif verlangt der Weltelite des Skirennsports alles ab. Zuschauermassen jubeln den alpinen Gladiatoren zu und feiern ihre Helden. Gleichzeitig fragen sie sich, was einen Menschen dazu bringt, sich mit bis zu 140 km/h über eine Eispiste hinunterzustürzen. Wir haben uns dazu mit dem Sportpsychologen Wolfgang Margreiter unterhalten.

Ruhe. Absolute Ruhe. Im Starthaus der Kitzbüheler Streif herrscht weder hektisches Treiben noch nervöses Gerede. Nur das Piepen der Startuhr macht die Athleten – bisher ausnahmslos Männer – in regelmäßigen Abständen darauf aufmerksam, dass es in Kürze ernst wird. Sehr ernst sogar. Dreißig Sekunden. Noch einmal die Schlüsselstellen im Kopf durchgehen und tief durchatmen. Zehn. Stöcke über das Startgate, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Fünf, Vier, Drei, Zwei, Eins… Los geht er, der Kampf mit der Streif.

Voller Fokus auf die bevorstehende Abfahrt - die konzentrierte Spannung im Startbereich ist hoch., © GEPA pictures - Andreas PranterVoller Fokus auf die bevorstehende Abfahrt - die konzentrierte Spannung im Startbereich ist hoch. © GEPA pictures - Andreas Pranter

Noch einmal durchatmen und los!, © GEPA pictures - Andreas PranterNoch einmal durchatmen und los! © GEPA pictures - Andreas Pranter

Die Hahnenkamm-Rennen zählen für Athleten und Publikum zu den Höhepunkten der Skiweltcupsaison. Mausefalle, Karussell, Steilhang. Hausbergkante, Traverse, Zielsprung. Von keiner anderen Strecke kennt man die Namen der Schlüsselstellen so gut wie von der Kitzbüheler Streif. Geschwindigkeiten von über 140 km/h, 85% maximales Gefälle und Fliehkräfte von bis zu 3,1 g: All das bringt die Athleten körperlich und mental an ihre Grenzen. Es versteht sich von selbst, dass Fehler hier nicht verziehen werden. Und auch, dass Stürze meist verheerende Folgen haben. Was aber geht im Kopf eines Athleten vor, der sich dessen bewusst ist und trotzdem alles dafür gibt, um diese erbarmungslosen 3,3 Kilometer schnellstmöglich zu bewältigen?

Aus der Vogelperspektive gut zu erkennen: die Abfahrt vom Hahnenkamm hat's in sich, © EXPA, Johann GroderAus der Vogelperspektive gut zu erkennen: die Abfahrt vom Hahnenkamm hat's in sich © EXPA, Johann Groder

Der Tiroler Sportpsychologe Wolfgang Margreiter arbeitet schon jahrzehntelang mit Wettkämpfenden aus den verschiedensten Disziplinen zusammen. Er selbst hat eine Karriere als Profiskispringer hinter sich und stand dem Österreichischen Skiverband viele Jahre als Physiotherapeut, Mentaltrainer und sportpsychologischer Betreuer zur Seite. Wir haben mit ihm über den scheinbar unlösbaren Konflikt zwischen Angst und Anziehung gesprochen.

Der Sportpsychologe Wolfgang Margreiter hat schon viele Sport-Asse duch schwierige Situationen begleitet., © Magnus WalchDer Sportpsychologe Wolfgang Margreiter hat schon viele Sport-Asse duch schwierige Situationen begleitet. © Magnus Walch

Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um sich freiwillig über diese Abfahrt hinunterzustürzen, oder?

Wolfgang Margreiter: Ja, das denken sich viele. Die Antwort auf diese Frage liegt allerdings im Auge des Betrachters. Aus der Sicht eines Büromenschen mag es völlig unvorstellbar erscheinen, jemals dort am Start zu stehen. Für einen Athleten kommt aber irgendwann der Moment in der Karriere, in dem diese Herausforderung zu etwas Bewältigbarem wird. Es ist dies ein Prozess, der sich über Jahre zieht und viele Zwischenschritte beinhaltet. Von Null auf Streif, das macht niemand. Und das wäre dann auch wirklich verrückt.

Aber trotzdem, die Gefahren sind riesengroß. Was macht es so anziehend, sich diesen auszusetzen?

Irgendwann in der Kindheit kommt es zu einem Schlüsselerlebnis, das jemanden dazu bringt, mit dem Skirennsport anzufangen. Man sieht den Stars im Fernsehen zu, bewundert seine Idole und möchte ihnen nacheifern. Wenn man dann in die Materie hineinwächst und sich erste Erfolge einstellen, wird die Motivation immer größer, sich an die Weltspitze zu kämpfen und Medaillen zu gewinnen. Und eben auch, einmal in Kitzbühel am Start zu stehen und dort zu gewinnen.

Wer in Kitzbühel gewinnt, weiß sich nicht nur in die Runde der weltbesten Alpinsportler aufgenommen, ihm wird auch eine eigene Gondel der Hahnenkammbahn gewidmet., © GEPA pictures - Andreas PranterWer in Kitzbühel gewinnt, weiß sich nicht nur in die Runde der weltbesten Alpinsportler aufgenommen, ihm wird auch eine eigene Gondel der Hahnenkammbahn gewidmet. © GEPA pictures - Andreas Pranter

Ist es also primär die Aussicht auf Erfolg, die die Athleten reizt?

Natürlich, der Erfolg reizt. Ein Sieg in Kitzbühel ist prestigeträchtig, bringt Ruhm, Ehre und Bekanntheit. Man hat das Gefühl, die ganze Welt sieht zu und durch die Berichterstattungen und Dokumentationen hat sich über die Jahre ein Mythos entwickelt. Es spielen aber noch andere Faktoren mit. Athleten suchen oft Grenzerfahrungen und möchten ihre Limits ausloten. Wie sehr kann ich mich dazu überwinden, hundert Prozent und mehr zu geben? Viele wollen es sich selbst und auch anderen beweisen. Und für manche ist es der Adrenalinkick, der die Streif so anziehend macht.

Den reizvollen Faktoren steht doch mit Sicherheit auch Angst gegenüber, oder?

Grundsätzlich sind viele Athleten mit dem Konflikt zwischen Anziehung und Angst konfrontiert. Je weiter das Rennen zeitlich entfernt ist, desto größer ist die Anziehung. Je näher es kommt, desto stärker rückt die Angst in den Vordergrund. Man muss aber immer zwischen Angst, Respekt, Anspannung und Nervosität unterscheiden. Angst hemmt in den meisten Fällen, Respekt kann dabei helfen, wach und aufmerksam zu sein und das richtige Maß an Anspannung und Nervosität wirkt oft sogar beflügelnd. Die Herausforderung ist es, den eigenen Gefühlszustand so zu steuern, um in den idealen Leistungszustand zu kommen.

Wer die Gratwanderung zwischen Respekt, Anspannung und Nervosität meistert, kommt in einen beflügelnden Leistungszustand., © GEPA pictures - Harald SteinerWer die Gratwanderung zwischen Respekt, Anspannung und Nervosität meistert, kommt in einen beflügelnden Leistungszustand. © GEPA pictures - Harald Steiner

Wie schafft man es, in diesen Leistungszustand zu kommen?

Es gibt eine Reihe von Übungen und Techniken, die einem dabei helfen können, sich zu regulieren. Die Palette reicht von Atemtechniken über klassische Entspannungstechniken wie autogenes Training, Progressive Muskelrelaxation oder Selbsthypnose bis hin zu Achtsamkeitstraining und Meditation. Aber auch Selbstgespräche, Musik und körperliche Aktivität können dazu beitragen, den optimalen Aktivierungsgrad zu erreichen. Da dieser Zustand sehr individuell ist, muss aber jeder für sich selbst herausfinden, was er dazu braucht, um diesen abzurufen.

Man hört von Spitzenathleten, die am Start gestanden sind und sich ernsthaft überlegt haben, wieder rückwärts aus dem Starthaus hinauszugehen. Ist das der Moment, wo die Angst am größten ist?

In den Sekunden vor dem Start braucht es sicher am meisten Mut. Die Athleten wissen, dass es von Beginn an voll zur Sache geht. Es gibt kein Rhythmisieren, kein Gefühlfinden. Der steile Startschuss, die Mausefalle, der Steilhang. Dass da Ängste und Zweifel auftauchen, ist ganz normal. Entscheidend ist, wie man mit seinen Gedanken umgeht. Und dass man sich bewusst ist, dass man diese steuern kann. „Energy flows where attention goes.“ Soll heißen: Die Energie fließt immer dorthin, worauf die Aufmerksamkeit gerichtet ist. Statt auf die Angst und die Gefahren gilt es seinen Fokus auf das Tun, das eigene Handeln zu richten.

In den Flow kommt, wer vom Start weg ganz bei sich und der Strecke ist., © GEPA pictures - Andreas PranterIn den Flow kommt, wer vom Start weg ganz bei sich und der Strecke ist. © GEPA pictures - Andreas Pranter

Klingt fast so, als ob sich Athleten manchmal selbst anlügen müssten?

Ich würde es nicht als anlügen bezeichnen. Eher als austricksen. Und das ist legitim und hilfreich. Negative Gedanken und Zweifel führen zu Stress. Wer unter Stress steht, kann nicht klar denken, sich nicht mehr gut spüren und macht motorische Fehler. Alles Dinge, die auf der Streif nichts verloren haben. Wenn man dann eigene Mantras einsetzt, Dinge positiv formuliert und ausspricht, kann das dazu führen, dass sich in der Folge ein positives Gefühl einstellt und sich der Stress abbaut. Sagen wir also so: Athleten müssen sich gut selbst überzeugen können.

Und wie geht man damit um, wenn man andere Läufer stürzen oder im schlimmsten Fall sogar den Rettungshubschrauber kommen sieht?

Das macht die ohnehin herausfordernde Situation noch einmal schwieriger. Bilder haben nämlich eine sehr starke Kraft. Zuerst kann man versuchen, eine rationale Erklärung für den Sturz zu suchen. Durch eine kurze Analyse und Trainerrückmeldungen zum Beispiel. Anschließend versucht man die negativen Bilder durch positive zu ersetzen. Man visualisiert, stellt sich vor, wie man den Lauf und die Schlüsselstellen erfolgreich bewältigt. Das ist wie ein Film, der vor dem inneren Auge abläuft. Und dann beginnt man wie gewohnt mit der individuellen Vorbereitung, um in den bereits erwähnten idealen Leitungszustand zu kommen.

Erst Fehler analysieren, dann den perfekten Lauf visualisieren - wer sich von den Stürzen anderer Angst machen lässt, hat schon verloren., © GEPA pictures - Christian WalgramErst Fehler analysieren, dann den perfekten Lauf visualisieren - wer sich von den Stürzen anderer Angst machen lässt, hat schon verloren. © GEPA pictures - Christian Walgram

Sind die Athleten dann erst einmal auf der Piste, gibt es kein Zurück mehr. Wie behält man während der Fahrt den Fokus und die Konzentration?

Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu atmen. Eine schlechte Sauerstoffversorgung vermindert nämlich die Konzentration und schränkt die koordinativen Fähigkeiten ein. In langen Gleitstücken, wie im Geschöss, läuft man außerdem Gefahr, dass man mit seinen Gedanken abschweift. Die große Kunst dabei ist, völlig wach zu bleiben und die Aufmerksamkeit auf sich selbst, seinen Körper, den Kontakt zum Schnee zu lenken. Das alles ist eine Frage des Trainings. Hilfreich ist auch, wenn man proaktiv und mit einer gewissen Aggressivität und Dynamik ans Werk geht. Angriff ist oft die beste Verteidigung.

Wie kann man sich das Gefühl vorstellen, wenn man nach diesem fordernden Rennen ins Ziel kommt?

Im allerersten Moment ist wahrscheinlich jeder froh, gesund im Ziel zu sein. Die zweite Reaktion hängt dann von den individuellen Erwartungen ab. Wer die Streif zum ersten Mal bewältigt hat, ist oft unabhängig vom Ergebnis mit seiner Leistung zufrieden. Athleten, die um den Sieg mitfahren, sind natürlich enttäuscht, wenn es nicht grün aufleuchtet. Und für diejenigen, die im Zielraum abschwingen und die Führung übernehmen, ist das Gefühl unbeschreiblich. Ein Sieg in Kitzbühel ist im Skirennsport mit kaum etwas anderem auf der Welt zu vergleichen.

Es ist allein schon Jubel wert, wenn man beim Hahnenkammrennen gut im Ziel ankommt - wenn die Zeit dann auch noch einen Stockerlplatz beschert, ist die Freude freilich unbeschreiblich., © GEPA pictures - Wolfgang GrebienEs ist allein schon Jubel wert, wenn man beim Hahnenkammrennen gut im Ziel ankommt - wenn die Zeit dann auch noch einen Stockerlplatz beschert, ist die Freude freilich unbeschreiblich. © GEPA pictures - Wolfgang Grebien

Wie lange wirkt so ein Erlebnis nach? Und freut man sich schon aufs nächste Jahr?

Man steht im Ziel, saugt diese einzigartige Atmosphäre auf und genießt den Augenblick. Solche Erlebnisse beflügeln unwahrscheinlich. Sie können eine Wende einleiten und einen Saisonverlauf manchmal völlig verändern. Oft zehren Athleten monatelang von einem derartigen Erlebnis. Und ja, auch die Vorfreude auf das nächste Jahr stellt sich ziemlich schnell ein. Es ist fast wie eine Sucht. Auch das ist Teil des Mythos Streif.

Der Siegesschrei!: Dieses Gefühl, so beschreiben es die Kitzbühel-Gewinner, ist berauschend.
, © EXPADer Siegesschrei!: Dieses Gefühl, so beschreiben es die Kitzbühel-Gewinner, ist berauschend. © EXPA

In seiner aktiven Zeit als Skirennläufer lernte Magnus Walch Tirols Berge vor allem im Winter kennen. Jetzt trifft man den gebürtigen Vorarlberger dort auch im Sommer immer öfter beim Biken, Bergsteigen und Klettern.

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