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Ines

Nassereither Schellerlaufen

Aktualisiert am 15.02.2021 in Kulturleben

Scheller, Roller und Kehrer (v.l.n.r) bei der Nassereither Fasnacht
Scheller, Roller und Kehrer (v.l.n.r) bei der Nassereither Fasnacht

Das Nassereither Schellerlaufen ist immaterielles UNESCO Kulturerbe und in seiner Farbenpracht einzigartig im gesamten Alpenraum. Nur alle drei Jahre findet das uralte Brauchtum statt.

Nassereith ist eine kleine Gemeinde im Tiroler Oberland und liegt beschaulich am Anfang des Gurgeltales. Die rund 2.000 Einwohner bereiten ihre „Fosnacht“ – wie sie sie liebevoll nennen – monatelang vor. Nach einer Jahrhunderte alten Tradition und mit klar festgelegten Regeln wird beim Schellerlaufen der Sieg des Frühlings über den Winter gefeiert. Die Teilnahme ist eine große Ehre für jeden der insgesamt rund 450 Maskenträger. Doch seht selbst…

Video: Kurt Reindl – Filmproduktion

Das Nassereither Schellerlaufen zählt für mich neben dem Imster Schemenlaufen zu den schönsten Fasnachten in ganz Tirol. Ich finde es einfach faszinierend, wie sich alle drei Jahre ein ganzes Dorf hingebungsvoll einer so alten, fast mystischen Tradition widmet. Besonders beeindruckend finde ich die farbenprächtigen Seidengewänder und -kostüme der Figuren des sogenannten „Schönen Zuges“. Dazu gehören die Scheller, Roller, Kehrer, Spritzer, Sackner, Schnöller, Ruaßler, das Kübelemaje und Paarle.

Einige der Figuren des Nassereither Schellerlaufens von links nach rechts: Ruaßler, Sackner (2x), Spritzer, Kehrer, Roller, Scheller, Kübelemaje, Spritzer, Sackner (2x)Einige der Figuren des Nassereither Schellerlaufens von links nach rechts: Ruaßler, Sackner (2x), Spritzer, Kehrer, Roller, Scheller, Kübelemaje, Spritzer, Sackner (2x)

Wie aber sieht denn der große Tag für einen Scheller aus?

Es ist nicht schwer zu erraten, dass der Scheller die namensgebende Hauptfigur der Nassereither Fasnacht ist. Er hat seinen Namen von den großen Schellen, die er trägt – drei hinten und eine vorne in der Mitte. Insgesamt haben sie ein Gewicht von unfassbaren 20 bis 30 Kilogramm. Für mich ist es ein Rätsel, wie die Männer es schaffen, diese Schellen während des gesamten Umzugs zu tragen und sie immer wieder im sogenannten „Schellerschritt“ zu schlagen, sodass die Klöppel unten und oben anschlagen. Wenn der Umzug mit dem Abendläuten um 18 Uhr endet, sind die Scheller fast zwölf Stunden auf den Füßen – so sieht der Tagesablauf eines Schellers bei der Nassereither Fasnacht aus:

6 Uhr: Endlich wird es Morgen, der erste Blick aus dem Fenster richtet sich nach oben um zu schauen, wie das Wetter ist.

8 Uhr: Die „Umschlager“ ziehen zum Maibrunnen, um dort „Prinz Karneval“ – den Ankünder des Fasnachtsumzuges – zu empfangen. Zu hören sind auch die letzten Reime des Weltenbummlers, der von seinen Reisen, seinen Erlebnissen und seinem Weg nach Nassereith berichtet.

8.15 Uhr: Jetzt geht’s schnell nach Hause, schließlich sind es nur mehr zwei Stunden bis zum Beginn des Aufzuges der Masken. Die Frauen warten bereits in der Stube und haben das „Schellerkostüm“ – bestehend aus einer reichlich verzierten und bestickten Seidenbluse, Hose, Schuhen, Strümpfen, Krone (Kopfschmuck) usw. – vorbereitet. Das „Einnähen“ übernehmen erfahrene Frauen des Dorfes, die ganz genau wissen, welche Kleidungsstücke wie vernäht und gesichert werden müssen.

Schnauzbärtige Holzlarve des SchellersSchnauzbärtige Holzlarve des Schellers

Aufwändiger Kopfschmuck des SchellersAufwändiger Kopfschmuck des Schellers

10 Uhr: Nach fast zwei Stunden ist es geschafft – der Scheller ist vorbereitet für den großen Tag. Jetzt fehlen nur noch die „Schellerwurst“ (ein mit Sägemehl gefüllter und mit weißem Stoff überzogener Gürtelring), die Holzmaske und der Schellerstab. Die zu seiner Gruppe gehörenden Masken holen den Scheller schließlich ab. Gemeinsam mit Roller, Kehrer, Sackner, Spritzer, Kübelemaje, Paarle usw. zieht er – noch ohne Schellen – zum Treffpunkt beim Maibrunnen. Dort warten bereits einige Mitglieder des Fasnachtskomitees, die gemeinsam mit weiteren Helfern beim Anziehen der Schellen behilflich sind.

11 Uhr: Eine Gruppe des „Schönen Zuges“ trifft nun am Maibrunnen ein. Im Hausgang des „Kastnerhauses“ – seit vielen Jahrzehnten Treffpunkt für den Aufzug der Masken – wird es immer voller und voller. Der Scheller stellt sich zum Anziehen des Schellerbundes auf. Die Helfer ziehen den Gurt so straff als möglich an und statten ihn fertig aus. Der Aufzug zum Postplatz beginnt.

11.20 Uhr: Ein erster Blick aus dem Tor: die Seidengewänder und bunten Bänder glitzern unvergleichlich in der Sonne. Der Kehrer verneigt sich dem Roller zugewandt, springt hoch und beginnt, sich tänzelnd zu bewegen. Der Roller folgt seinem Beispiel und lädt den Scheller mit einer Verneigung zum Schellen ein.

11.50 Uhr: Nach rund 30 Minuten ist der Postplatz erreicht. Nach und nach verschwinden alle Masken im Hotel Post. Der Scheller und seine Gruppe bereiten sich nach einer kurzen Rast auf ihren Auszug vor. Die Reihenfolge der einzelnen Gruppen des „Schönen Zuges ist streng geregelt. Draußen füllen sich die letzten Plätze, Tausende Besucher und Gäste drängen bereits zum Postplatz, um dieses beeindruckende Schauspiel nicht zu versäumen.

12 Uhr: Die Glocken der Pfarrkirchen läuten! Dann der Ruf des Fasnachtskomitees, der letzte Glockenschlag ist verhallt. Die Schnöller haben mit ihrer Tätigkeit begonnen. Nun dürfen die Sackner mit dem Auszug beginnen. Sie schreiten als erste aus dem Torbogen des Posthotels , um den notwendigen Platz für die Masken des „Schönen Zuges“ am Postplatz zu schaffen. Ihr wildes „Juchzen“ ertönt über den bis zum letzten Platz gefüllten Postplatz. Ihnen folgen die Spritzer und nun ist die erste Gruppe des „Schönen Zuges“ an der Reihe: Kehrer, Roller, Scheller, Kübelemaje, Ruaßler, Paarle und alle anderen Figuren treten aus dem Posthotel und beginnen mit der Bildung des ersten Kreises.

Mit dem Mittagsläuten um Punkt 12 Uhr beginnt das Schellerlaufen.Mit dem Mittagsläuten um Punkt 12 Uhr beginnt das Schellerlaufen.

13 Uhr: Nachdem der Kreis geschlossen ist, wird es ruhig am Postplatz. Es folgt der Höhepunkt der Nassereither Fasnacht: Nun beginnt der Kampf des Bären mit dem Bärentreiber im Zentrum der Masken des „Schönen Zuges“, die einen schützenden Kreis um diese Darbietung gebildet haben. Nach einer beeindruckenden Vorstellung wirft der Bär den Bärentreiber zu Boden. Der Kampf ist entschieden – der Frühling hat über den Winter gesiegt! Die Scheller beginnen zu schellen, alle Masken tanzen und freuen sich über den kommenden Frühling. Es folgt der beeindruckende Schwur der Hexen auf ihre Hexenmutter. Nur die 13. Hexe weigert sich, diesen Eid zu leisten. Dafür wird sie hart bestraft. Nun löst sich der Kreis am Postplatz auf und es beginnt der Umzug der Masken in Richtung Maibrunnen, wo dann der nächste Kreis gebildet wird.

Einer der Höhepunkte der Nassereither Fasnacht: der Kampf des Bären mit dem BärentreiberEiner der Höhepunkte der Nassereither Fasnacht: der Kampf des Bären mit dem Bärentreiber

16 Uhr: Nach zwei Stunden kehrt der Zug zum Postplatz zurück um dort den dritten Kreis zu bilden. Nach dem „Einführen“ der Ehrengäste folgen die Verwandten und Bekannten der einzelnen Masken, die mit dem Einführen für ihre geleistete Arbeit geehrt und belohnt werden. Auch wenn die Füße schmerzen, die Schuhe an vielen Stellen drücken, vor allem aber das Gewicht der Schellen immer mehr zunimmt – der Scheller weiß, dass er bis zum Betläuten durchhalten wird.

17 Uhr: Langsam wird es dunkel. Die Masken des schönen Zuges sammeln sich im Gemeindesaal, um anschließend gemeinsam zum Fasnachtshaus zu ziehen. Im Saal ist mittlerweile auch der letzte Platz gefüllt. Beim „Aufschellen“ – für verdiente Personen, die zum Gelingen der Fasnacht beigetragen haben – ertönt der ohrenbetäubende Klang der Schellen. Gemeinsam ziehen die Masken des „Schönen Zuges“ nun zum Fasnachtshaus, damit das Schellerlaufen pünktlich mit dem Betläuten um 18 Uhr enden kann.

18 Uhr: Um 18 Uhr verschwinden alle Masken des „Schönen Zuges“ im Fasnachtshaus. Alle legen die Masken erschöpft nieder, sie werden aneinandergereiht aufgestellt. Ein sehr emotionaler und bewegter Augenblick für alle Mitwirkenden, ein anstrengender Tag liegt hinter ihnen. Voller Stolz über das am heutigen Tage Geleistete wird noch einmal für die Verstorbenen Fasnachtler „aufgeschallt“ – ein letztes Mal, bevor die Masken, Schellen und das Kostüm für drei Jahre in den Schränken verschwinden.

Alle Infos zum Nassereither Schellerlaufen findet ihr hier: www.tirol.at/nassereither-schellerlaufen

Alle Fotos: Fasnachtskomitee Nassereith

Große Städte, helle Lichter: In Großstädten fühlt sich Ines Mayerl wohl. Trotzdem kommt sie immer wieder gerne nach Hause – um eine Auszeit am Berg zu genießen, in Innsbruck neue Cafés zu entdecken und die Pisten zu erobern.

Ines
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